Anzeige
Startseite » Interviews » Blind gehört » „Es sprudelt richtig!“

Blind gehört Frank Dupree

„Es sprudelt richtig!“

Pianist Frank Dupree hört und kommentiert Aufnahmen, ohne dass er weiß, wer spielt.

vonSören Ingwersen,

Am Vorabend hat Frank Dupree noch mit Pianist Markus Becker im Rahmen eines Gedenkkonzerts für den Mitgründer von „Rhapsody in School“ Lars Vogt in der Hamburger Laeiszhalle über Bruckners Klavierwerk „Erinnerung“ improvisiert. Bei seinem Besuch in der concerti-Redaktion lauscht er bestens gelaunt den Aufnahmen seiner Kollegen.

Ravel: Klavierkonzert G-Dur – 1. Allegramente

Hélène ­Grimaud, Baltimore Symphony Orchestra, David Zinman (Ltg).
Erato 1997

Das ist Ravels Klavierkonzert, ich übe es gerade. Super Klarinette! Ich würde weniger Pedal nehmen. Sehr flinke, schnelle Finger. Eine Pianistin. Klingt nach einer moderneren Aufnahme. Ich glaube, ich habe es sogar live gehört vor Kurzem. Da hat sie es aber schneller gespielt. Es ist entweder Martha Argerich oder Yuja Wang. – Nein? Wer hat noch Ravels Klavierkonzert aufgenommen? Hélène Grimaud? Ah, eine ganz frühe Aufnahme. Ich kenne das Album. An dieser Stelle würde ich die Toccata mit ihrem rhythmischen Element mehr hervorheben. Zu Ravels Zeit hat man seine Musik streng nach Tempo gespielt. Heute nehmen wir uns mehr Zeit. Ich versuche bei diesen Stücken, die so viel Rhythmus haben, im Tempo zu bleiben. Da kann ich den Schlagzeuger in mir nicht verstecken.

Berg: Klaviersonate op. 1

Murray Perahia
Sony 1987

Ich liebe dieses Stück! Alban Bergs Sonate befindet sich auf meinem ersten Album. Ich habe sie damals ziemlich ähnlich gespielt. Aber ich bin es sicherlich nicht. Igor Levit hat sie zuletzt aufgenommen. Und natürlich gibt es die berühmte Aufnahme von Glenn Gould. Aber ich glaube, bei ihm würde man nicht nur das Klavier, sondern auch ihn selbst mitsingen hören. Das ist super plastisch. Alle Stimmführungen gut herausgearbeitet. Aber am Klang des Klaviers hört man, dass diese Aufnahme nicht aktuell ist. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob Stephen Kovacevich die Sonate aufgenommen hat. – Murray Perahia? Darauf wäre ich nie gekommen. Eine tolle, virtuose Interpretation. Ein Stück, das einen auch beim Spielen komplett durchwühlt. Und Perahia ist ziemlich schnell unterwegs.

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge – Contra­punctus 4 

Daniil Trifonov
Deutsche Grammophon 2021

Das kann nur Glenn Gould sein. – Nein? Das ist ein Super-Stakkato. Wer spielt so einen leichtfingrigen Bach ohne Einsatz des Pedals? András Schiff! – Nicht? Eine neuere Aufnahme? Dafür ist es untypisch trocken aufgenommen. Der Klang geht ja heute eher ins Wolkige. Ich glaube, Víkingur Ólafsson würde mehr Saft geben. Die linke Hand ist sogar leicht jazzig. Wirklich toll gespielt. So klar. Wer könnte das sein? Bach ist wirklich nicht mein Spezialgebiet. Ich meide seine Werke sogar auf der Bühne, weil mir diese Musik heilig ist und sich die Tastatur dann anfühlt wie ein Minenfeld. Ein falscher Ton, und das ganze Kartenhaus bricht in sich zusammen. – Daniil Trifonov war das? Wow, ausgezeichnet! Ich habe noch nicht reingehört in das Album, aber das muss ich jetzt unbedingt nachholen!

Mussorgski: Bilder einer Ausstellung – 7. Limoges, der Marktplatz

Lars Vogt
Warner 2002

Bilder einer Ausstellung. „Der Marktplatz von Limoges“. Steht das jetzt so in den Noten? Ah, eine Live-Aufnahme. Die Repetitionen in der linken Hand funktionieren auf jeden Fall eins a. Aber es ist ein ziemlich knalliger Flügel, den hätte man noch mal intonieren sollen. Ein russischer Pianist? – Nein? Es klingt aber auch nicht nach einer moderneren Einspielung. Eine Aufnahme vom Festival „Spannungen“? Dann kann es nur einer sein: Lars Vogt. Ich wusste gar nicht, dass er die „Bilder“ aufgenommen hat. Auch wenn ich beim Gedenkkonzert für Lars Vogt in der Hamburger Laeiszhalle spielen durfte, hatte ich leider nie die Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen, was ich wirklich sehr bedauere.

D. Scarlatti: Klavier­sonate F-Dur KK. 17

Mikhail Pletnev
Warner 1995

Ist das András Schiff? Nein, solche Triller und Läufe spielt nur Grigory Sokolov. – Auch nicht? Vladimir Horowitz ist es ebenfalls nicht. Lucas Debarque hat auch viel Scarlatti gespielt, aber ihn würde ich ausschließen. Diese Triller … Wenn man von einem perlenden Klavierspiel spricht, würde man in die Klischeefalle tappen, aber in diesem Fall trifft es wirklich zu. Es sprudelt richtig. Wahnsinn! Die Aufnahme stammt aber nicht aus den letzten zwanzig Jahren. Ein russischer Pianist? Jewgeni Kissin ist es nicht. Ah … Mikhail Pletnev! Auf einer meiner ersten CDs, die ich mir gekauft habe, spielt er Haydns Klavierkonzert in D-Dur.

Kapustin: Sonate Nr. 6 – 1. Allegro ma non troppo

Nikolai Kapustin
Olympia 1991

Das kann nur Nikolai Kapustin sein. Die ersten zwei Takte hätte man noch improvisieren können, aber mehr auch nicht. Ist es ein Impromptu? Nein? Ich spiele ja oft Kapustin, aber er hat so viel Klaviermusik komponiert … Mit seinen zwanzig Sonaten reicht er schon fast an Beethoven heran. Die sechste Sonate? Die hat nur er selbst eingespielt. Sein Spiel ist so unbekümmert, so direkt. Es scheint so, als würde er gar nicht darüber nachzudenken, wohin die Reise geht. Mit seinen Sonaten möchte ich mich auch noch beschäftigen, aber jetzt konzentriere ich mich erst mal auf die sechs Klavierkonzerte. Wir sind gerade dabei, das gesamte Œuvre für Klavier und Orchester bzw. Big Band aufzunehmen. Das ist eine so aufregende und abwechslungsreiche Musik wie kaum eine andere. Ich finde, sie wird zu selten aufgeführt, deshalb habe ich mich dieser Aufgabe angenommen.

Gershwin: Rhapsody in Blue

Fazıl Say, New York Philharmonic, Kurt Masur (Ltg)
Teldec 1999

Das ist ein amerikanisches Orchester. Das erkennt man an den hervorpreschenden Posaunen! Und was für eine Klarinette! Genial! Auch das Banjo ist gut zu hören. Ist es das Chicago Symphony Orchestra? Doch nicht? Das Klavier spielt fast schon graziös. Ich denke gerade in Richtung Frankreich. Nein? Das ist ganz brav nach dem Notentext gespielt. Keine Blue Notes. Keine Schnörkel. Wenig Pedal. Die New Yorker Philharmoniker sind es nicht. – Doch? Wirklich? – Kurt Masur dirigiert? Dann ist der Solist Fazıl Say. Ich kenne das Album, hatte aber nicht in Erinnerung, dass er das so schlicht spielt. Das würde er heute vermutlich anders gestalten.

Gershwin: Rhapsody in Blue

Fazıl Say, New York Philharmonic, Kurt Masur (Ltg)
Teldec 1999

Debussys „Ondine“. Die habe ich vor Kurzem im Konzert gespielt. Es könnte ein französischer Pianist sein. Berühmt sind natürlich die Aufnahmen der „Préludes“ von Arturo ­Benedetti Michelangeli. – Eine neue Aufnahme? Das ist schön gespielt. Sehr geschmackvoll. Jemand, der sehr präzise mit dem Notentext umgeht. Ein schöner Flügelklang, sehr plastisch aufgenommen. Krystian Zimerman ist es nicht. Ist das mein Freund Víkingur Ólafsson? – Er kann wirklich schön mit Klängen arbeiten, gestaltet sie aus dem Raum heraus und lässt dem Flügel die Zeit, die er braucht. Das fällt auch bei seinen Bartók-Einspielungen auf. In Island hat man vielleicht mehr Geduld als anderswo.

Beethoven: Klaviersonate Nr. 1 f-Moll op. 2 – 3. Menuetto

Frank ­Dupree
Genuin 2015

Beethovens erste Sonate, dritter Satz. Ist es der Pianist, an den ich jetzt denke? – Das ist schon eine Weile her. Ich habe die Aufnahme lange nicht mehr gehört. Ich erkenne die Akustik der Jesus-Christus-Kirche in Berlin wieder. Die Einspielungen fanden immer nachts statt, weil es tagsüber Bauarbeiten an der Straße gab. Ja, das bin wohl ich. Jemand, der sich ebenfalls (meistens) an den Notentext hält. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich auch selbst dirigiere. Wenn ich Klavier übe, gibt es immer den Dirigenten im Kopf, der mit mir schimpft, wenn zum Beispiel das Tempo nicht steht. Leider kann ich die Schuld dann nicht auf andere schieben. (lacht)

Strawinsky: Ragtime

Instrumentalisten der Universität Lausanne, Charles Dutoit (Ltg)
Erato 1973

Das ist der Ragtime von Strawinsky. Es gibt eine Klavierversion, die habe ich vor kurzem gespielt. Aber dirigiert habe ich ihn noch nicht. Hier ist das Cimbalom wirklich laut. Das kling eher modern. – Nein? Aber es ist toll aufgenommen. Sehr schön abgemischt. Hat Strawinsky das selber dirigiert? Nein, das würde anders klingen. Leonard Bernstein ist es auch nicht. Es gibt eine tolle Aufnahme vom Orpheus Chamber Orchestra. – Charles Dutoit leitet das Ensemble? Strawinsky stand auch auf dem Programm, als ich mit zwölf meine Aufnahmeprüfung fürs Dirigierstudium bei Péter Eötvös gemacht habe. Seitdem bin ich Strawinsky-Fan. Mein größter Traum ist, irgendwann einmal „Le Sacre du printemps“ zu dirigieren. Mit Sebastian Küchler-Blessing habe ich das Werk schon öfter mit Klavier und Orgel aufgeführt.

Svensson: Delta

Esbjörn Svensson
Edel 2022

Auf jeden Fall jazzy. Ich würde auf Brad Mehldau tippen, weil es sehr polyfon ist. Nein? Wer könnte noch so improvisiert haben? Ein deutschsprachiger Pianist. – Nein? Dann kann ich Friedrich Gulda schon mal ausschließen, dafür fehlt hier auch ein bisschen der Witz. Der Flügelklang ist sehr direkt. Eine Homesession-Aufnahme? Chick Corea. Nein? Jetzt muss ich nachdenken. Es gibt auch tolle japanische Jazzpianistinnen und -pianisten. Hiromi Uehara zum Beispiel. Die ist es aber auch nicht. Eugen Cicero klingt auch anders. Jacques Loussier oder Claude Bolling sind es auch nicht. So viele Jazz-Elemente sind gar nicht zu erkennen, deshalb bin ich so verwirrt. Er hat sonst immer im Trio gespielt? Esbjörn Svensson? Total spannend. Privat höre ich gar nicht so oft Klavieraufnahmen, weil ich selbst immer mit dem Instrument beschäftigt bin. Wenn doch, dann liegt meistens Oscar Peterson auf meinem Plattenspieler.

Album-Tipp

Album Cover für Kapustin: Klavierkonzert Nr. 5 u. a.

Kapustin: Klavierkonzert Nr. 5 u. a.

Termine

Auch interessant

Rezensionen

Anzeige

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!