Silvester- und Neujahrskonzerte in der Schweiz

Hoch lebe die Abwechslung!

Mal avanciert, mal traditionsbewusst, aber stets mit großen Künstlern – so unterschiedlich klingt der Jahreswechsel in der Schweiz.

© Kultur- und Kongresszentrum Luzern, Switzerland

Am Kultur- und Kongresszentrum Luzern läuten ernste Bach-Arien und heitere Opern-Auszüge den Jahreswechsel ein.

Am Kultur- und Kongresszentrum Luzern läuten ernste Bach-Arien und heitere Opern-Auszüge den Jahreswechsel ein.

Darf es feierlich und traditionsbewusst sein? Oder lieber champagnerspritzig und beschwingt? Wären aber gerade in diesem Jahr nicht auch nachdenkliche und dabei dennoch kraftvolle Töne die passende Variante, um den Jahresausklang zu begehen? Darf es hingegen eine anregende Mischung aus Unerhörtem sein, schließlich will doch das Neue Jahr mit all seinen Möglichkeiten begrüßt werden? Die Antworten der Orchester, Opernhäuser und Festivals im föderalen Staat sind so erfrischend unterschiedlich wie die Sprachen und Regionen in der Schweiz. Varietas delectat. Hoch lebe die Abwechslung!

Wenn das Sinfonieorchester Basel sowohl zum Silvester- als auch zum Neujahrskonzert die Noten von Ludwig van Beethovens „Neunter“ mit dem prachtvollen Schlusschor auf Schillers Ode „An die Freude“ auf den Pulten liegen hat, ist die Entscheidung für den absoluten Klassiker weit weniger konservativ, als man auf den ersten Blick denken möchte: Denn mit Ivor Bolton ist ja nicht nur der Chefdirigent im Einsatz, sondern ein Meister der Historischen Aufführungspraxis, der aus den immer wieder gehörten Noten fraglos ungeahnte Schichten freilegen wird. Die Offenbach-Gala am Grand Théâtre de Genève, die das Orchestre de Chambre de Genève unter Marc Leroy-Calatayud gemeinsam mit der Mezzosopranistin Marina Viotti und dem Tenor Stanislas de Barbeyrac bestreitet, huldigt dem aus Köln stammenden Genie der französischen Operette mit all jenen zündenden Arien, Couplets und Duetten, aber auch mit all den zu Herzen gehenden Romanzen und Balladen, dass der Heimweg entlang am Genfer See wohl nur tanzend oder in inniger Umarmung begangen werden kann.

Selten gehörte Töne zum Neujahrstag in der Schweiz

Dramaturgisch ausgefallener geht es zu Silvester in Luzern unweit von Richard Wagners Schweizer Wahlstatt Tribschen zu, wenn der deutsche Bariton Benjamin Appl mit dem Zürcher Kammerorchester, das auch das 2. Brandenburgische Konzert beisteuert, den Jahreswechsel mit durchaus ernsten Arien aus Johann Sebastian Bachs Kantatenwerk einläutet. Nach der Konzertpause im akustisch exzellenten Kultur- und Kongresszentrum Luzern widmet sich der einstige Regensburger Domspatz und renommierte Liedsänger hingegen Mozarts Opernarien aus „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni“, mithin Musik, die das Leben mit Humor und Optimismus feiert.

Ambitioniert und avanciert gibt sich das Davoser Neujahrskonzert, das bereits seit 2011 durch das Davos Festival konzipiert und organisiert wird. Es versteht sich nicht nur als Auftakt des Neuen Jahres, sondern zugleich als Anfang des neuen Festivaljahres, setzt somit einen ersten musikalischen Akzent auf das, was das Konzertpublikum dann besonders im Sommer erwarten wird. Und so erklingen also am ersten Tag des neuen Jahrs im Kongresszentrum Davos selten gehörte Töne, fulminant gespielt von der Perkussionistin Marianna Bednarska und dem Akkordeonisten Nejc Grm. Originale Musik für ihre aparte Besetzung trifft auf barocke Transkriptionen, Trommeln treffen auf Tasteninstrumente, Barockkomponist Domenico Scarlatti trifft seine Kollegen der Gegenwart Iannis Xenakis und György Ligeti.

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