Seit fünfzig Jahren steht Stargeigerin Anne-Sophie Mutter auf der Bühne. Fünf Jahrzehnte voller Neugier, kreativer Hingabe und Engagement für die musikalische Zukunft. So gilt die vierfache Grammy-Gewinnerin heute als Impulsgeberin des internationalen Musiklebens und inspirierte zahlreiche Komponistinnen und Komponisten zu neuen Werken. Ihr Jubiläumsjahr begeht die herausragende Künstlerin mit einer eigenen Einspielungsreihe zeitgenössischer Werke bei Alpha Classics, einer umfassenden Retrospektive bei der Deutschen Grammophon sowie mit Auftragskompositionen, Benefizveranstaltungen und Konzerten an prägenden Stationen ihrer Laufbahn.
Sie feiern in diesem Jahr mit einer Tournee Ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum und mit einer neuen Aufnahmereihe widmen sie sich zeitgenössischen Kompositionen. Ganz schön viel los bei Ihnen!
Mutter: Als das Jubiläum näher rückte, wurde mir klar, dass es höchste Zeit ist, die vielen wunderbaren Werke, die ich in den letzten Jahren uraufgeführt habe, zu einem Strauß zu binden und als Aufnahmen zu veröffentlichen. Es ist mir wichtig, dass die Generation nach mir dieses Repertoires mit Freude aufnimmt und dass die Werke ein Eigenleben entwickeln. Diese Stücke sind musikalische Zeitzeugen, haben in vielen Fällen auch die technischen Möglichkeiten meines Instruments auf ein neues Niveau katapultiert. Sie sind auch wichtig für das Publikum, das sich tatsächlich mehr und mehr für zeitgenössische Musik interessiert und weniger für den doch oft etwas beschränkten Kanon der sogenannten Wiener Klassik.
Hat zeitgenössische Klassik denn einfach nur ein Wahrnehmungsproblem?
Mutter: Da hat sich viel getan, wenn ich das mit meinen Anfängen in den 80er-Jahren vergleiche, als in Amerika tatsächlich noch bei Schostakowitsch das Publikum den Saal verlassen hat. Es ist aber gerade post-Corona zu beobachten, dass sich Veranstalter verständlicherweise gerne wieder an das Repertoire halten, das gut ankommt. Wir Künstler sind ein bisschen widerborstig und machen gerne auf andere Optionen aufmerksam. Demnächst habe ich das zweite Violinkonzert von André Previn im Gepäck, eingerahmt von zwei wunderschönen Mozart-Konzerten, um einen Bogen vom 18. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert zu spannen. Das wird vielerorts vom Publikum sehr geschätzt, weil der Zuhörer oft abenteuerlustig ist und sich gerne auf eine Art „Sci-Fi-Safari“ begibt.
Verändert die Arbeit mit zeitgenössischer Musik Ihren Blick auf die Klassiker?
Mutter: Ich habe gerade zwei neue Partituren bekommen. Eine ist von Golfam Khayam, einer iranischen Komponistin, die ich beauftragt habe, ein Tripelkonzert zu schreiben. Dazu kam jüngst ein Werk von Sebastian Currier, und da fiel mir wieder auf, wie viel von den komplexen Ideen des Komponisten oft nicht notiert werden kann. Der Gedanke, dass man sich zuerst am Urtext orientiert, ist wunderbar. Aber wenn ich auf die Werke zurückblicke, die ich in den letzten 40 Jahren uraufführen durfte, sind nach der Uraufführung immer noch Änderungen in Tempo, Phrasierung und Dynamik vorgenommen wurden, die selten ihren Weg in den Verlag gefunden haben. Oft ist die Partitur nur ein Schatten dessen, was der Komponist ausdrücken wollte. Diese Erfahrung über Jahrzehnte mit lebenden Komponisten ist deshalb so wertvoll, weil sie Rückschlüsse auf die Komponisten der Vergangenheit zulässt.
Findet auf dieser Ebene noch ein Austausch mit dem Komponisten statt, und wie nähern Sie sich neuen Werken?
Mutter: Mein Ziel ist, dass die Partituren durch die Aufnahme eine Existenz außerhalb des Verlages bekommen. Denn alles, was nicht erfahrbar ist, existiert kaum. Es wird nur wenige Menschen geben, die sich die Mühe machen, „from scratch“ eine Partitur zu lernen. Eine Aufnahme erleichtert es enorm, sich einzuhören und einzufühlen ohne dass das die eigene Interpretation einschränkt. Tatsächlich studiere ich die Werke zunächst alleine. Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem ich mich dem Komponisten oder der Komponistin stellen muss. Man muss mit einer eigenen Meinung kommen, sie vertreten und dann im Austausch ein gemeinsames musikalisches Ergebnis entwickeln. Musik ist ein Dialog. Man kann daran wachsen, ohne sich selbst aufzugeben. Sie ist eine Art Schlüssel für das Leben in der Gesellschaft.
Verbinden Sie bewusst Musik von Komponisten ganz unterschiedlicher Herkunft und Prägung?
Mutter: Das ist mir sehr wichtig. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse im Iran, der Proteste, der Gewalt, der Isolation. Golfam Khayam konnte mir einmal kurz ihr Werk schicken, als es für wenige Minuten Internet gab – seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Dass dieses Werk jetzt eine solche Aktualität bekommt, ist tragisch, aber es zeigt auch, wie wichtig Musik als Zeitzeugnis ist. Sie ist ein Manifest der Menschheitsgeschichte. Musik muss uns aus der Komfortzone holen. Sie ist nicht nur Unterhaltung.

Auch auf ihrer Jubiläumstournee steht eine Erstaufführung auf dem Programm. Was genau erwartet das Publikum?
Mutter: Die europäische Erstaufführung von Aftab Darvishis „Likoo“ wird in London stattfinden. Es ist ein Werk, das eine Brücke schlägt zwischen Bach – der Keimzelle unserer westlichen Musik – und einem Klagegesang aus der Region Pakistan und Afghanistan. Es geht um Verlust, um Aufbegehren, um den Lebenszyklus, um Sehnsucht nach Freiheit und um die Fähigkeit zur Erinnerung. Und genau darin liegt die Hoffnung: dass der Mensch aus Erinnerung lernen kann. Wenn man sich Schillers „Ode an die Freude“ wirklich bewusst macht, erkennt man, dass wir uns als Menschheit vielleicht nur minimal weiterentwickelt haben. Das ist erschreckend.
Müssen wir Musik also stärker in ihrem Entstehungskontext begreifen?
Mutter: Ich glaube, dass zeitgenössische Musik uns als Zeitzeugen aufrütteln kann. Sie schafft Räume für Dialog – etwas, das unserer Gesellschaft zunehmend fehlt. Musik erinnert uns daran, dass wir im Miteinander besser leben könnten.
Wie blicken Sie nach vorne?
Mutter: Mit Uraufführungen, beispielsweise dem Tripelkonzert von Golfam Khayam mit Kian Soltani und Muriel Razavi. Eine weitere spannende Uraufführung in 2027 wird folgen.
Neben ihrer künstlerischen Arbeit sind Sie bekannt für Ihr humanitäres Engagement. Was treibt Sie an?
Mutter: Der Mensch. Ich empfinde mein Leben als großes Geschenk. Ich bin privilegiert – und daraus entsteht Verantwortung. Ich habe schon früh Benefizkonzerte gespielt und wurde geprägt von Menschen, die sich für andere einsetzen. Es ist selbstverständlich zu helfen und macht Freude. Gerade angesichts von Hunger und globalen Krisen kann man nicht einfach wegsehen. Am 15. Juni spiele ich in Hamburg zusammen mit den Berliner Barock Solisten ein Konzert für die Welthungerhilfe.
Wenn Sie nach 50 Jahren Bühnenkarriere zurückblicken. Sind Sie zufrieden?
Mutter: Mit 16 dachte ich: Mit 40 höre ich auf. Heute bin ich einfach dankbar, dass ich musizieren darf. Es geht darum, am Leben anderer teilzuhaben, Räume der Begegnung zu schaffen und dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit zu erleben. Das ist ein großes Glück.
Aktuelles Album:
East Meets West
Werke von Darvishi, Chin, Widmann & Adès
Anne-Sophie Mutter (Violine), Nancy Zhou (Violine), Ye-Eun Choi (Violine), Muriel Razavi (Viola), Pablo Ferrández (Violoncello), London Symphony Orchestra, Thomas Adès (Leitung)
Alpha




