Interview Anne-Sophie Mutter

„Im August bre­che ich end­lich nach Bots­wa­na auf“

Seit 25 Jahren kann Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis nichts trennen. Nun gehen die beiden auf „Silber-Tournee“ und erfüllen einen Kindheitstraum der Geigerin

© Stefan Höderath/DG

Anne-Sophie Mutter

Das eigent­li­che Jubi­lä­ums-Datum liegt zwar bereits ein paar Mona­te zurück, doch wel­ches ande­re Duo kann schon auf 25 gemein­sa­me Büh­nen-Jah­re zurück­bli­cken? Grund genug also für Anne-Sophie Mut­ter und „ihren“ Pia­nis­ten Lam­bert Orkis, im Won­ne­mo­nat Mai 2014 nicht nur „The Sil­ver Album“ zu ver­öf­fent­li­chen, son­dern auch auf eine „Sil­ber-Tour­nee“ durch Deutsch­land zu gehen. Zuvor hat con­cer­ti den Welt­star getrof­fen und eine äußerst ent­spann­te und fröh­li­che Gei­gen­vir­tuo­sin erlebt.

Jede drit­te Ehe hier­zu­lan­de wird nach durch­schnitt­lich 14,5 Jah­ren geschie­den – Sie sind auf der Büh­ne nun schon ein Vier­tel­jahr­hun­dert mit Lam­bert Orkis zusam­men: Was ist das Geheim­nis die­ser lan­gen Part­ner­schaft?

Naja, nun ist es ja kei­ne Ehe, son­dern es ist eine musi­ka­li­sche Part­ner­schaft (lacht). Er selbst führt seit vie­len Jah­ren eine offen­sicht­lich irr­sin­nig glück­li­che Ehe und führt dies auf einen Rat­schlag sei­nes Vaters zurück, der ihm mit auf den Weg gege­ben habe: Wenn Du hei­ra­test, musst Du nicht 50 Pro­zent inves­tie­ren und die ande­ren 50 Pro­zent von dei­ner Frau erwar­ten, son­dern du musst 200 Pro­zent inves­tie­ren. Und in gewis­ser Wei­se ist unse­re musi­ka­li­sche Bezie­hung ähn­lich, da wir nicht nur an unse­re eige­nen musi­ka­li­schen Wün­sche den­ken, son­dern den Part­ner genau­so im Auge und im Ohr haben.

Wie sieht das kon­kret aus?

Wir ver­su­chen uns gegen­sei­tig zu hel­fen, unse­re Klang‑, Phra­sie­rungs- und Tem­po­vor­stel­lun­gen zu rea­li­sie­ren und auch bei schwie­ri­gen Pas­sa­gen einem Tra­pez­seil-Artis­ten­paar gleich in die rich­ti­ge Posi­ti­on zu kom­men, um eine vir­tuo­se Pas­sa­ge wirk­lich in ihrer gan­zen Bril­lanz spie­len zu kön­nen.

Vor die­sem Tanz auf dem Hoch­seil steht indes der ganz nor­ma­le (Pro­ben) All­tag …

… und auch dort hat unse­re Koope­ra­ti­on natür­lich sehr viel mit gegen­sei­ti­ger Rück­sicht­nah­me und Respekt zu tun. Es gibt ein­fach kaum Rei­bungs­flä­chen, wenn Eck­pfei­ler wie Arbeits­ethik, Lei­den­schaft und das gemein­sa­me Ziel im Vor­der­grund ste­hen und man sich nicht dar­über strei­ten muss, wie lan­ge man probt, oder ob man mor­gens pünkt­lich am Taxi erscheint (lacht). So kön­nen wir uns auf das Wesent­li­che kon­zen­trie­ren.

Das klingt, als hät­te es in 25 Jah­ren noch nie eine Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Ihnen gege­ben.

Natür­lich dis­ku­tie­ren wir – und beson­ders, was das Wie­ner Reper­toire angeht, kom­men wir aus zwei ganz unter­schied­li­chen Rich­tun­gen. Lam­bert hat sehr viel von der infor­mier­ten Auf­füh­rungs­pra­xis mit­be­kom­men, hat sein Smit­h­so­ni­an Cast­le Trio und spielt auf his­to­ri­schen Instru­men­ten. Das hat mir etwa unglaub­lich wich­ti­ge Phra­sie­rungs- und Tem­po­im­pul­se gege­ben, aus denen sich dann wie­der­um ganz neue inter­pre­ta­to­ri­sche Ansät­ze erge­ben haben.

Und umge­kehrt?

Ich hof­fe, dass ich ihm in ande­rem Reper­toire, in dem er sich viel­leicht nicht so zuhau­se fühlt, etwas über Klang-Far­ben und Archi­tek­tur sagen kann. Zudem tei­len wir natür­lich die Lei­den­schaft für die zeit­ge­nös­si­sche Musik – kurz: Es gibt vie­le Ansät­ze, in denen wir ein­an­der mit Inter­es­se zuhö­ren und fest­stel­len: Oh, das wuss­te oder kann­te ich nicht, lass uns dies mal aus­pro­bie­ren.

Und dabei haben Sie sich wirk­lich noch nie gestrit­ten?

Nein – wohl auch, weil Musi­ker gene­rell sehr har­mo­nie­lie­ben­de Men­schen sind. Zwar sind wir bei­de sehr tem­pe­ra­ment­voll, aber es ist uns in die­ser musi­ka­li­schen Bezie­hung immer gelun­gen, Dis­kus­sio­nen ganz sach­lich und mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit zu füh­ren, ohne dass die Fet­zen flo­gen.

Abge­se­hen vom gegen­sei­ti­gen Respekt, woher rührt die­se Ein­ver­nehm­lich­keit?

Wir sind bei­de sehr neu­gie­rig und neh­men den ande­ren wirk­lich immer ernst – auch wenn er mir zum tau­sends­ten Mal den Unter­schied zwi­schen zwei Vogel­ar­ten zeigt, den ich ein­fach nicht sehen kann … (lacht)

Zwi­schen zwei Vogel­ar­ten?

Ja, wir sit­zen auf unse­ren Tour­neen näch­te­lang vor sei­nem Lap­top, und dann zeigt er mir sei­ne Bil­der. Denn er ist inzwi­schen ein fan­tas­ti­scher Foto­graf gewor­den und eben auch Hob­by-Orni­tho­lo­ge – was man nicht so alles lernt in einer musi­ka­li­schen Part­ner­schaft… (lacht). Und sei­ne Anre­gun­gen haben auch dazu geführt, dass ich nach vie­len Jahr­zehn­ten des Wun­sches nun end­lich auch nach Bots­wa­na auf­bre­che!

Anne-Sophie Mut­ter zieht es nach Afri­ka?

Es gibt aus mei­nen Kin­der­ta­gen einen Fern­seh­bei­trag, da habe ich auf die Fra­ge, was ich mir wün­sche, als Neun­jäh­ri­ge stolz in die Kame­ra getrö­tet: Dass ich immer eine gute Gei­ge habe, ein fern­ge­steu­er­tes Auto – das bekam ich zu mei­nem 50. Geburts­tag – und eben eine Afri­ka-Rei­se (lacht). Und auch die geht auf Lam­berts Anre­gung zurück, da er 2013 dort mit einem pro­fes­sio­nel­len Foto-Team eine Foto-Safa­ri unter­nom­men hat.

Wann bre­chen Sie nach Bots­wa­na auf?

Im August. Mit mei­nen Kin­dern unter­neh­me ich ja so eini­ge Rei­sen, aber das ist eine, auf die wir uns alle drei, und ich ja offen­sicht­lich schon län­ger (lacht), sehr freu­en. Wir sind in drei ver­schie­de­nen Camps und wer­den die Flo­ra und Fau­na stu­die­ren und ich könn­te mir vor­stel­len, dass ich danach eigent­lich gar nicht mehr zurück will.

Was hat Sie als Kind so an Afri­ka fas­zi­niert?

Ich habe Grzimek-Sen­dun­gen gese­hen, Ende der 70er Jah­re war er ja jeden Sonn­tag auf dem Bild­schirm. Wir durf­ten zwar gene­rell nicht fern­schau­en, nur für die­se eine Sen­dung in der Woche wur­de eine Aus­nah­me gemacht und da haben sich natür­lich die­se Berich­te unglaub­lich ein­ge­brannt.

Zurück zur Musik – wie hat sich Ihre Zusam­men­ar­beit mit Lam­bert Orkis über die Jah­re ver­än­dert?

Wir sind musi­ka­lisch viel frei­er. Das Schö­ne ist, dass wir nach 25 Jah­ren nicht nur nach wie vor gemein­sam musi­ka­li­sches Neu­land ent­de­cken – ob das nun zeit­ge­nös­si­sche Musik ist oder Stan­dard­re­per­toire, das wir zusam­men oder auch ein­zeln noch nicht gespielt haben – son­dern teil­wei­se auch wie jetzt auf die­ser Jubi­lä­ums­tour­nee zurück­kom­men auf Reper­toire wie Beet­ho­vens „Kreut­zer-Sona­te“, die wir beson­ders gern und inten­siv gemein­sam erlebt haben.

Und über die Werks­aus­wahl hin­aus, wie hat sich da Ihr Mit­ein­an­der auf der Büh­ne ver­än­dert?

Zwei­fel­los sind wir expe­ri­men­tier­freu­di­ger gewor­den – wenn am Abend ein musi­ka­li­scher Gedan­ke auf­kommt, der noch nicht dis­ku­tiert wur­de, dann kommt der eine schon mal vom Weg ab und der ande­re stürmt hin­ter­her. Das ist sehr auf­re­gend, aber dafür muss eben das musi­ka­li­sche Ver­trau­en erst­mal vor­han­den sein, muss ich wis­sen und mich dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass der ande­re reagiert. Denn nichts ist schlim­mer, als wenn man Plan B vor­schlägt und der Part­ner auf Plan A beharrt: Das ist der Tod jeder Zusam­men­ar­beit.

Ord­nen Sie sich bei sol­chen Expe­ri­men­ten auch mal unter? Wer Sie auf der Büh­ne erlebt, ver­mag sich das nur schwer vor­zu­stel­len …

… man hört doch immer zu! Wäh­rend ich eine tra­gi­sche musi­ka­li­sche Idee als Solis­tin vor­tra­ge – etwa im Brahms-Kon­zert – höre ich ganz genau hin, was um mich her­um pas­siert, denn einen Augen­blick spä­ter füge ich mich wie­der in die Orches­ter­stim­me ein, wenn etwa die Oboe einen musi­ka­li­schen Leit­ge­dan­ken über­nimmt. Und durch das, was ich dann höre, ver­än­dert sich wie­der­um mein musi­ka­li­scher Gedan­ke ...

… zumin­dest, wenn die­ser sie über­zeugt. Und was ver­mag den Men­schen Anne-Sophie Mut­ter zu beein­dru­cken?

Ich bin immer fas­zi­niert von Men­schen, die sich lei­den­schaft­lich in ein The­ma ver­tie­fen. Das kann ein Koch, Gärt­ner oder Neu­ro­lo­ge sein – oder eben auch die Vögel von Lam­bert (lacht). Mich fas­zi­niert, wenn sich ein Mensch wirk­lich auf etwas ein­lässt, etwas weiß und Din­gen auf den Grund geht.

Ver­siert soll­te der­je­ni­ge also schon in sei­ner Lei­den­schaft sein, um Sie zu beein­dru­cken?

Mit der Lei­den­schaft kom­men ja die Fähig­keit und der Wil­le, sich zu ver­tie­fen, und mit die­ser Ver­tie­fung oft auch eine Meis­ter­schaft. Doch selbst wenn solch eine Lei­den­schaft noch im Anfangs­sta­di­um ist, habe ich dafür gro­ßen Respekt, wenn sich jemand wirk­lich in etwas hin­ein­knien kann und will.

CD-Tipp

The Silver Album – Werke von Beethoven, Penderecki, Brahms, Mozart, Fauré, Massenet, Ravel u.a.

Anne-Sophie Mutter & Lambert Orkis Deutsche Grammophon

Termine

Samstag, 27.05.2023 19:00 Uhr Stadtcasino Basel

Anne-Sophie Mut­ter, Maxi­mi­li­an Hor­nung, Lam­bert Orkis

Werke von Beethoven, Currier, Schumann & Brahms

Montag, 21.08.2023 19:30 Uhr KKL Kultur- und Kongresszentrum Luzern
Dienstag, 29.08.2023 19:30 Uhr KKL Kultur- und Kongresszentrum Luzern

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