Opern-Kritik: Oper Frankfurt – L'Africaine / Vasco da Gama

Ausflug nach Pandora

(Frankfurt am Main, 25.2.2018) Regisseur Tobias Kratzer hebt mit Giacomo Meyerbeer in den Weltraum ab

© Monika Rittershaus

L'Africaine – Vasco da Gama/Oper Frankfurt

Wer heute eine Grand Opéra ansetzt, der rechnet mit einem Aufmerksamkeitsbonus. Und dann haben die Muster-Exemplare dieser Gattung natürlich ihre Vorzüge. Da sie aus verschiedenen Gründen (die jüdische Herkunft vieler ihrer Schöpfer gehört dazu) nicht mehr im Kernrepertoire sind, haben sie für das heutige Publikum einen gewissen Neuigkeitswert. Die meisten warten zudem mit einem großen Geschichtspanorama auf, aus dem sich allemal Erkenntnisnährwert für die Gegenwart ziehen lässt. Außerdem hat die Musik ihre Reize, wenn es denn so richtig schwelgt, strömt und funkelt. Inzwischen sind Berlioz’ „Trojaner“, Halevys „Jüdin“ oder Meyerbeers „Hugenotten“ oder sein „Prophet“ längst keine Exoten mehr auf den Spielplänen ambitionierter Häuser.

Die Vergangenheit des kolonialen Crashs der Kulturen wird kurzerhand in eine interplanetare Zukunft verlegt

Auch Meyerbeers „Afrikanerin“ (oder „Vasco da Gama“, wie der Komponist das Werk selbst lieber genannt haben wollte) kam in den letzten Jahren zu Aufführungsehren. Ob 2011 in Würzburg oder 2013 in Chemnitz oder zwei Jahre drauf an der Deutschen Oper in Berlin. Vorher hatte sie Hans Neuenfels noch in der Ära Ioan Holender in Wien auf die Bühne gebracht. Jetzt also Frankfurt. Auch hier ist die titelgebende Afrikanerin, wie im Stück selbst ja auch, keine Frau, die etwas mit Afrika zu tun hat. Bei Regisseur Tobias Kratzer ist sie auch keine Inderin (wie bei Scribe), sondern kommt von noch viel weiter her. Möglicherweise vom Planeten Pandora. Von Kopf bis Fuß blau ähnelt sie den Avatars, die dort zwischen ihren fliegenden Bergen und lebendigen Zauberbäumen leben.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus "L'Africaine"

L'Africaine – Vasco da Gama/Oper Frankfurt

Kratzer hat also die Vergangenheit des kolonialen Crashs der Kulturen kurzerhand in eine interplanetare Zukunft verlegt. Nicht die christliche Seefahrt im Dienste des portugiesischen Königs, sondern eine Reise durch die unendlichen Weiten des Weltraums im Dienste von irgendwem ist der Hintergrund für die Geschichte von Anmaßung und Sklaverei, hinterlistiger Gegenwehr und barbarischer Rache, in der Dialog, Verständigung gar Akzeptanz des grundsätzlich Anderen keine Chance haben. Weder im einzelnen zwischen Vasco da Gama und Selika, noch im Großen und Ganzen zwischen den Europäern und den geheimnisvollen irgendwie indischen Völkern.

Eine Bruchlandung, wie sie Doris Dörrie in ihrem Raumschiff-„Rigoletto“ hinlegte, passiert Tobias Kratzer und seinem Team mitnichten

Dieser Zeitsprung, für den sich Tobias Kratzer und sein Team entschieden haben, macht in diesem Falle natürlich mehr Sinn als bei Doris Dörrie, die auch schon mal „Rigoletto“ im Raumschiff auf dem Planeten der Affen zu einer Bruchlandung verholfen hatte. Das passiert Kratzer nicht. Denn er bleibt beim Kern der Geschichte. Auch wenn die äußerlich ganz anders aussieht. Der vom Entdeckerehrgeiz getriebene Vasco da Gama und der mit ihm um Ines konkurrierende, vor allem machtbesessene Don Pedro werden zu Offizieren der Sternenflotte. Zum Auftakt sehen wir, wie in der Zentrale schlechte Nachrichten verarbeitet werden. Offenbar hält man Vasco für tot.

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Szenenbild aus "L'Africaine"

L'Africaine – Vasco da Gama/Oper Frankfurt

Doch der taucht mit den zwei Außerirdischen, Selika und Nelusko im Schlepptau auf und will mit einem neuen Schiff wieder aufbrechen, um deren Heimat zu entdecken, in Besitz zu nehmen, um sich damit unsterblich zu machen (genau wie die Portugiesen und Spanier früher ohne den geringsten Zweifel daran, ob man das auch wirklich machen sollte). Zunächst aber gelingt es Don Pedro, seine Macht zu nutzen und selbst aufzubrechen. Als Vasco ihnen (wie auch immer) folgt und ihn stellt, spitzt sich dieser Konflikt auf Leben und Tod zu, bis schließlich die Artgenossen von Selika und Nelusko das Schiff kapern und fast alle Erdlinge meucheln. Im Grunde hält nur Selika mit ihrer Liebe zu Vasco dem ganzen Entweder-oder-Wahnsinn etwas entgegen. Womit sie am Ende natürlich scheitert.

Utopischer Liebestod im All?

Schade, dass sich Ausstatter Rainer Sellmaier, neben den frei schwebenden Astronauten, nicht auch den Zauber eines pandoranischen Paradieses getraut hat. Ein begrüntes Labor, samt Todesbaum, ist schon ein bissl mickrig, wenn man schon den cineastischen Vergleich riskiert. Und der Liebestod im All? Wenn Selika (vakuumtauglich, ohne Raumanzug als Double) und Vasco (ein Double im Raumanzug) zwischen den Sternen herumfliegen und sich umarmen? Eine Utopie der Liebe? Na ja. An ein „Ertrinken, Versinken…“ kommt dieses schwerelose Entschweben nicht ran. Auch musikalisch nicht. Am Ende zieht sich der über Vierstunden-Abend gewaltig. Man weiß die ganze Zeit, dass es nicht gut ausgeht. Bei Kratzer mit einem Flaggen-Aufpflanzen der Erdlinge, die wie ein Wunder doch alle überlebt haben. Vielleicht waren sie ja nur in ein Wurmloch gefallen.

Gesungen wird durchweg überirdisch

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus "L'Africaine"

L'Africaine – Vasco da Gama/Oper Frankfurt

Tobias Kratzer hat schon mehrfach Grand Opéra inszeniert. Historisch raffiniert „Die Hugenotten“, gegenwartsbrisant den „Propheten“. Bei Vascos Reise ins All hat er diesmal mehr die Tücken des Genres zu Tage gefördert, als er vermutlich wollte. Gesungen wird durchweg überirdisch. Michael Spyres ist ein konditionsstark leidenschaftlicher Vasco da Gama. Mit leicht anspringender Höhe und voller Klangpracht in der Mittellage. Wunderbar geschmeidig und mit wohltimbriertem Mezzo ist Claudia Mahnke nicht nur stimmlich überzeugend, sondern imponiert mit ihrer durchgehaltenen lauernden Körperhaltung der Fremden, die aber doch eine Königin ist.

Während ihre Doubles im Raum schweben, vermögen es ihre Sänger vokal ebenso imponierend. Dazu Kirsten MacKinnon als bodenständige Ines und Andreas Bauer als fieser, gleichwohl kraftstrotzender Don Pedro! Brian Mulligan überzeugt als gut gepolsterter Nelusko an der Seite seiner Herrin. Auch das restliche Ensemble und die von Tilman Michael einstudierten Choristen sind handverlesene Teilnehmer des Frankfurter Raumfahrtprogramms.

Es steckt viel Mendelssohn im Meyerbeer

Antonello Manacorda am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchester sichert sozusagen im Maschinen-Raum den geschmeidigen suggestiven Klang des Motors. Für Manacorda ist – wie er im Vorfeld sagte – viel Mendelssohn im Meyerbeer. Dass er ihn aus diesem Geist dirigierte, war zu hören. In der Katastrophenmusik freilich bestand die Grand Opéra auf ihrem Recht, großen Effekt zu machen! Am Ende gab es viel Beifall und ein Pro und Kontra für die Regie, dessen Heftigkeit doch überraschte.

Oper Frankfurt
Meyerbeer: L’Africaine/Vasco da Gama

Antonello Manacorda (Leitung), Tobias Kratzer (Regie), Rainer Sellmaier (Ausstattung), Michael Spyers, Claudia Mahnke, Brian Mulligan, Kirsten MacKinnon, Andreas Bauer, Frankfurter Opern- und Museumsorchester

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Gluck: Ouvertüre zu „Orfeo ed Euridice“, Beethoven: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58, Schumann: Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 „Rheinische“

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Kristina Stanek (Azucena), Joseph Tancredi (Ruiz), Selene Zanetti (Leonora), Antonello Manacorda (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie)

Mittwoch, 12.06.2024 Staatsoper Stuttgart

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