INTERVIEW EMANUEL AX

Kla­vier­spiel ist dein Leben

Der Pianist Emanuel Ax über Kulturfinanzierung, geniale Zeitgenossen, überkommene Traditionen – und seinen Schlips.

© Lisa Marie Mazzucco

Eine umfang­rei­che Dis­ko­gra­phie, ein mit Reci­tals und Orches­ter­kon­zer­ten gefüll­ter Tour­nee­plan sowie eine Pro­fes­sur an der Juil­li­ard School – Ema­nu­el Ax scheint ein Arbeits­tier zu sein. Beim Tele­fon-Inter­view, das er kurz vor einem Kon­zert in India­na­po­lis gibt, wirkt der 63-jäh­ri­ge Pia­nist aller­dings so ent­spannt, dass klar wird: hier fühlt sich jemand in sei­nem Beruf pudel­wohl.

Mr. Ax, wenn man sich Fotos oder CD-Cover von Ihnen anschaut, fällt auf, dass Sie häu­fig einen Schlips tra­gen... 

 

Ja, das stimmt, in der Regel tra­ge ich einen Schlips. Das ist doch aber ganz nor­mal, oder?

Man sieht es bei Pia­nis­ten nicht mehr häu­fig.

 

Viel­leicht bin ich da etwas alt­mo­disch. Aber kei­nen Schlips zu tra­gen, ich den­ke, dafür bin ich jetzt schon zu alt. Wor­an ich aller­dings nicht mehr glau­be, ist der Frack. 

War­um?

 

Die Leu­te sol­len kei­ne Angst davor haben, in ein klas­si­sches Kon­zert zu gehen. Sie sol­len nicht das Gefühl haben, dass wir auf der Büh­ne 100 Jah­re hin­ter­her sind, son­dern dass die­se Musik jetzt statt­fin­det, Teil unse­res Lebens und der Gegen­wart ist und wir uns des­halb auch nicht so klei­den wie vor 100 Jah­ren. 

Ist ein gewis­ser Dress­code den­noch wich­tig?

 

Ich den­ke, wir soll­ten anzie­hen, was wir wol­len. Und für mich sind Schlips und Jackett durch­aus bequem. Vie­le Pia­nis­ten füh­len sich heu­te auch ein­fach im schwar­zen Shirt wohl, was auch völ­lig in Ord­nung ist.

 

Gibt es noch ande­re Tra­di­tio­nen im Kon­zert­saal, die über­flüs­sig sind?

 

Ja, zum Bei­spiel, dass der Satz eines Kla­vier­kon­zerts zu Ende geht – und nie­mand traut sich zu klat­schen.

Wünscht man sich da als Musi­ker nicht eine kon­zen­trier­te Atmo­sphä­re, die von nie­man­dem gestört wird?

 

Also, neh­men wir zum Bei­spiel den ers­ten Satz von Beet­ho­vens fünf­tem Kla­vier­kon­zert – der hat ein so kraft­vol­les Ende, da ist es für mich offen­sicht­lich, dass dort eine Art Pau­se sein muss, wo die Leu­te ihre Freu­de und Bewun­de­rung für das gera­de Gehör­te raus­las­sen kön­nen. Als Pia­nist kannst du dann durch­at­men und den zwei­ten Satz begin­nen. Es besteht auch kein Zwei­fel, dass zur Zeit Beet­ho­vens an so einer Stel­le applau­diert wur­de.

Was ist Ihrer Mei­nung nach außer­dem wich­tig, um die Klas­sik heu­te attrak­ti­ver zu machen?

 

Ich stel­le lei­der fest, dass es für einen jun­gen Men­schen heu­te so vie­le unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten gibt, mit denen er sei­ne Zeit ver­brin­gen kann. Als ich jung war, hat fast jeder ein Instru­ment gelernt – heu­te gibt es Com­pu­ter, Kino und tau­send ande­re Din­ge, wes­halb jun­ge Men­schen kein Instru­ment mehr ler­nen. Des­halb wird auch das Publi­kum für klas­si­sche Musik klei­ner. Inso­fern wäre das Wich­tigs­te, dass Kin­der in dem Moment, wo sie anfan­gen Mathe, Lite­ra­tur und Spra­chen zu ler­nen, auch begin­nen, ein Instru­ment zu spie­len. Die Lie­be zur Musik ist für den Men­schen ja etwas ganz Natür­li­ches.

Nun ist das Erler­nen eines Instru­ments auch eine Geld­fra­ge, Sie unter­rich­ten an der Juil­li­ard School, wo ein Stu­di­um hohe Kos­ten mit sich bringt.

 

Das kann sein. Aber ich den­ke, Geld ist bei die­ser Sache nicht das größ­te Pro­blem. In den USA kannst du in dei­ner Gegend auch immer eine Musik­schu­le fin­den, wo es kos­ten­lo­sen Unter­richt gibt, auf allen Instru­men­ten. Da ist eine Hoch­schu­le wie Juil­li­ard etwas ande­res, man muss ja kein pro­fes­sio­nel­ler Pia­nist wer­den, um sich an Musik erfreu­en zu kön­nen.

Wer finan­ziert die­se kos­ten­lo­sen Musik­schu­len, die Regie­rung?

 

Nein, das sind Pri­vat­per­so­nen und Spon­so­ren, unse­re Regie­rung ist dar­an lei­der nicht beson­ders inter­es­siert. Viel­leicht hat sie auch nicht das Geld dafür, das weiß ich nicht genau. Es ist aber gene­rell so, dass wir Musi­ker kaum Unter­stüt­zung vom Staat bekom­men.

Benei­den Sie in die­ser Hin­sicht Län­der wie Deutsch­land oder Frank­reich?

 

Das ist für mich schwer zu beant­wor­ten. Denn in den USA gibt es eine lan­ge Tra­di­ti­on pri­va­ter Finan­zie­rung, da über­neh­men Ein­zel­per­so­nen oder Fir­men Kul­tur­för­de­rung. Jeder, der kann, leis­tet dazu sei­nen finan­zi­el­len Bei­trag, ich selbst auch, dafür wird die­ses Geld auch nicht von der Regie­rung besteu­ert. Es ist ein ande­res Sys­tem als in Deutsch­land, aber ob es bes­ser oder schlech­ter ist, kann ich nicht sagen. Natür­lich ist es wun­der­bar in Deutsch­land, wo die öffent­li­che Hand die Kul­tur enorm unter­stützt. Aber dann sehe ich in den USA auch vie­le tol­le pri­va­te Insti­tu­tio­nen, die das glei­che tun. Die Car­ne­gie Hall zum Bei­spiel, einer der wich­tigs­ten Kon­zert­sä­le der Welt, wur­de von dem Indus­tri­el­len Andrew Car­ne­gie auf­ge­baut, das war eine rein pri­va­te Finan­zie­rung.

Wel­chen Ein­druck haben Sie als Leh­rer vom Kla­vier­nach­wuchs?

 

Ich muss sagen, dass ich noch nie so ein fan­tas­ti­sches Niveau beob­ach­tet habe wie heu­te. Im Moment habe ich zwei Stu­den­ten, die sind tech­nisch unglaub­lich gut, haben aber auch ein gro­ßes künst­le­ri­sches Tem­pe­ra­ment. Wenn die zu mir kom­men, bin ich sehr beein­druckt, manch­mal habe ich sogar das Gefühl, mehr von ihnen zu ler­nen als anders­her­um. 

 

Sie selbst haben sich ein­mal als einen „lang­sa­men Ler­ner“ bezeich­net.

 

Oh ja. Da bin ich tat­säch­lich lang­sa­mer als mei­ne Schü­ler, viel lang­sa­mer. Ange­nom­men, ich müss­te eine Beet­ho­ven-Sona­te neu ein­stu­die­ren, wür­de im Juni damit begin­nen, dann könn­te ich sie wahr­schein­lich erst im Okto­ber auf­füh­ren. Ich brau­che ein paar Mona­te, um mich mit einem Werk so wohl­füh­len zu kön­nen, dass ich es auf der Büh­ne spie­len kann. 

Sie wid­men sich sehr viel gro­ßen Kom­po­nis­ten wie Haydn und Beet­ho­ven, spie­len aber auch zeit­ge­nös­si­sches Reper­toire. Glau­ben Sie, dass es unter den heu­ti­gen Kom­po­nis­ten noch Genies gibt?

 

Ich spie­le im Moment zum Bei­spiel ein Werk von Chris­to­pher Rou­se, des­sen Musik ich sehr mag. Ich lie­be außer­dem die Musik von John Adams, eini­ge Stü­cke von Ste­ve Reich, Esa-Pek­ka Salo­nen und Kai­ja Saa­ria­ho. Doch wer davon ein gro­ßer Kom­po­nist ist, das wird die Zeit zei­gen. Wir wer­den erst in 50 Jah­ren wis­sen, was von die­sen Wer­ken übrig bleibt. 

Was waren für Sie als Pia­nist die wich­tigs­ten Ein­flüs­se?

 

Als ich jung war, hat­te ich das Glück, in New York zu leben, wo ich all die gro­ßen Pia­nis­ten hören konn­te: Rubin­stein, Horo­witz, auch Rich­ter, Gilels, Rudolf Ser­kin, den jun­gen Vla­di­mir Ash­ke­n­a­zy und den jun­gen Pol­li­ni. Die haben mich als Stu­dent sehr fas­zi­niert – und wir alle sind beein­flusst von dem, was wir hören. 

Inwie­weit reflek­tiert das Spiel eines Pia­nis­ten auch die eige­ne Lebens­er­fah­rung?

 

Ich den­ke tat­säch­lich: Das Kla­vier­spiel ist dein Leben. Alles wird reflek­tiert: Was dein Leh­rer dir gesagt hat, dei­ne Freun­de, was du von ande­ren Pia­nis­ten gehört hast, die Din­ge, die du sehr gemocht hast, und manch­mal auch die Din­ge, die du nicht gemocht hast. Wenn du ein Stück Musik spielst, dann wird in gewis­ser Wei­se dein gan­zes Leben, das hin­ter dir liegt, in den Gefüh­len reflek­tiert, die du mit die­ser Musik zum Aus­druck bringst. 

Mit zehn Jah­ren kamen Sie mit Ihren Eltern aus Polen nach Kana­da. Kön­nen Sie sich an die ers­ten Tage dort erin­nern?

 

Ja, das Span­nends­te damals für mich – einen Jun­gen, der hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang auf­ge­wach­sen war – das war die west­li­che Tech­no­lo­gie. Ich hat­te zum Bei­spiel vor­her noch nie Fern­se­hen geguckt, auch so gro­ße Autos kann­te ich nicht, ich wuss­te auch nicht, was ein Toas­ter ist. Mich fas­zi­niert Tech­no­lo­gie des­we­gen auch heu­te noch. Ich bin zwar nicht beson­ders gut dar­in, sie zu bedie­nen, aber ich habe trotz­dem immer ganz ger­ne das neu­es­te iPho­ne oder iPad. Sol­che Din­ge lie­be ich.

CD-Tipp

Variations

Beethoven: Eroica-Variationen op. 35
Haydn: Variationen f-Moll H17:6,

Schumann: Sinfonische Etüde op. 13

Emanuel Ax (Klavier). Sony Classical

Termine

Freitag, 19.05.2023 19:30 Uhr Palais im Großen Garten Dresden

Ema­nu­el Ax

Dresdner Musikfestspiele
Samstag, 20.05.2023 15:00 Uhr Palais im Großen Garten Dresden

Ema­nu­el Ax

Dresdner Musikfestspiele
Donnerstag, 25.05.2023 20:00 Uhr Isarphilharmonie München

Ema­nu­el Ax, Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker, Krzy­sz­tof Urbań­ski

Brahms: Klavierkonzert Nr. 1 op. 15 d-Moll, Prokofjew: Romeo und Julia (Auszüge)

Freitag, 26.05.2023 20:00 Uhr Isarphilharmonie München

Ema­nu­el Ax, Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker, Krzy­sz­tof Urbań­ski

Brahms: Klavierkonzert Nr. 1 op. 15 d-Moll, Prokofjew: Romeo und Julia (Auszüge)

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