Die mediterranen Melomanen dieser schönen, dieser reichen und dieser calvinistischen Stadt im französischsprachigen Südwesten der Schweiz hätten gewarnt sein sollen. Denn das Plakatmotiv, das auch das Programmheft von „200 Motels“ ziert, zeigt eindeutig einen splitternackten Mann mit langen Haaren. Der springt vom Balkon des ersten Stocks eines Motels in den darunterliegenden Pool. Szenen wie diese haben sich fraglos multipel zugetragen, als Frank Zappa mit seiner legendären, 1966 gegründeten Band „The Mothers of Invention“ die amerikanischen Kleinstädte unsicher machte. Episoden dieser Grand Tour, in denen die Musiker eben in rund 200 einschlägigen Absteigen die Nacht zum Tage machten, gingen dann in die einzige Oper des Rockers ein, die gleich einem Road Movie den ganzen Wahnsinn eines solchen Unterfangens abbildet. Zubin Metha und Esa-Pekka Salonen haben dann die sinfonische Version dieses grandiosen Gemisches aus Rock und Klassik, U- und E-Musik auf die Konzertbühne gebracht. Später entstand ein Film, der eingefleischten Zappa-Fans als die eigentliche Reverenz gilt, wenn es um authentische Aufführungen des Werks geht. Inszenierungen auf der Opernbühne blieben freilich die absolute Ausnahme. Die Premiere am Grand Théâtre de Genève war somit ein Statement, mit dem sich nun auch die Intendanz von Aviel Cahn rundet, der zur Saison 2026/27 an die Deutsche Oper Berlin wechselt.

„Alles, was Oper kann“
Die Öffnung seines Hauses war dem Schweizer seit seinem Amtsantritt im Herbst 2019 ein zentrales Anliegen. Damals eröffnete er seine Amtszeit, die sich nun zur Ära rundet, wiederum mit einem sehr amerikanischen Opus: Philip Glass‘ „Einstein on the Beach“. Die einstige Anti-Oper rückte er damals als magisches Musiktheater hinein in den Kanon, um etwas zu zeigen, was sich auch Tobias Kratzer an der Hamburgischen Staatsoper für seine jetzt zu Ende gehende erste Saison auf die Fahnen schrieb: „Alles, was Oper kann.“ Am Genfer See wölbt sich das Motto nun gleichsam über die gesamte Amtszeit von Cahn: Ästhetisch traditionelle Ansätze für das etablierte Repertoire wie der Zyklus von Donizettis Königinnendramen oder Strauss‘ „Der Rosenkavalier“ standen neben postdramatischen Konzepten, in denen auch mal beherzt in die Werkgestalt eingegriffen und die Musik zum Material transformiert wurde. Da wagten die Regieteams um Karin Henkel oder Milo Rau nach den Komponisten eine Art zweite Autorenschaft – und gewannen verblüffend oft mit Lesarten, die die Werke ihres radikalen Gegenwartsbezugs versicherten.

Multiple Brechungen
Dies war und ist nun auch die Absicht von Daniel Kramer, der in Genf zuvor in Puccinis Schwanengesang „Turandot“ anno 2022 einerseits die archaischen Konstellationen des Stoffs beschwor, andererseits ein dialektisches Auspendeln von Affirmation und Negation vornahm, indem er mit multiplen Brechungen arbeitete. Auf diesen doppelten Boden begab sich der amerikanische Regisseur nun auch mit Frank Zappas bizzarem musiktheatralischen Fresko namens „200 Motels“. Wer nun also einen nostalgischen Bilderbogen der im Nachhinein überhöhten 1960er und 1970er erwartete, also ein schlichtes Loblied auf die heute historische Entgrenzung von Sex, Drugs and Rock’n’Roll, der wurde vermutlich enttäuscht. Doch wäre eine kaum hinterfragte Huldigung jener Phase der amerikanischen Popkultur heute überhaupt darstellbar? Als die Geschlechterdiskurse noch so ganz andere waren, die politischen ebenso?

Die Absurditäten des heutigen Amerika
Nun trägt das infernalische Quartett um Frank, Howard, Jeff und Mark natürlich immer noch die zu seiner Zeit gültigen Markenzeichen von Langhaar und Sexualisierung. Man kann in allen vier famosen Darstellern (Bassbariton Robin Adams, Tenor Peter Hoare, Schauspieler Edward Hogg und Tenor Ziad Nehme) weiterhin Wiedergänger von Zappa und seinen Kumpanen erkennen, doch es geht Daniel Kramer eben um etwas anderes: Er will uns die Absurditäten des heutigen Amerika mit den Mitteln der Überzeichnung, der Persiflage, des visuellen Overkill vorführen. Affirmation und Negation liegen da einmal mehr ganz nah beieinander. Es geht mitten hinein in den dialektischen Widerspruch – in voller, ja praller Lust der bunten Bühnenbilder (Carlos Soto), der nicht enden wollenden Videos (Sophie Lux), der crazy Kostüme (Shalva Nikvashvili).

Krasse Materialschlacht
In einem Amalgam des dezidierten Zuviel einer veritablen Tour der Force und einer krassen Materialschlacht begegnen sich das Licht der Shows von Las Vegas (Peter Mumford), die Revue, die Artistik, das Puppenspiel, das Wrestling, die Kultur der Drag Queens und der Cancel Culture in scheinbar atemlosem Wahnsinn, dem natürlich stets ganz viel Methode innewohnt. Genialisch mischen zumal die Kostüme scheinbar nicht zu vereinbarende Welten: Nonnen, Ku Klux Klan und Chearleader treten in unheiliger Dreieinigkeit auf, Polizisten sind keine Ordnungshüter mehr, sondern scheinen Horrorfilm oder Geisterbahn entflohen. Ein Indianerhäuptling mit hoheitsvollem Federschmuck auf dem Haupt erinnert im Abendrot der Breitwandwestern an die gute alte Zeit eines vorzivilisatorischen Amerika. In einem Moment der Stille wird dann die Bibel zitiert – „Und sie wissen nicht, was sie tun“ – und die kulturpessimistische Frage aufgeworfen „Was ist aus dieser Welt geworden?“ Jetzt lebt sich Daniel Kramer voll aus in der Fundamental-Kritik des Landes, aus dem er stammt, jenes Staatengefüges, das „great again“ werden soll, dessen „American Dream“ aber so pervertiert erscheint wie nie zuvor.

Sexualität als Ausweg aus der Dystopie?
Ob Frank Zappa diese Show zwischen Trivialität und Genialität gutgeheißen hätte? Wir können nur mutmaßen, dass er an dem Wahnsinn der Gegenwart wohl entweder verzweifelt wäre oder aber just in einem alle Genres mixenden Musiktheater die Stimme erhoben hätte, um die grassierende Verrücktheit auf die Spitze zu treiben und sie dadurch zu entlarven. In einer hoffnungslosen Dystopie, aus der vielleicht nur eine hemmungslos ausgelebte Sexualität für utopische Augenblicke einen Ausweg zur Flucht bietet. Und mit einer Musik, die keine Grenzen kennt, weil sie in stillen Balladen, üppigen Chorhymnen und psychedelischen E-Gitarrensoli auf das ganz Andere des Lebens heranreicht.

Musikalischer Melting Pot
Davon ist in dieser Premiere ganz viel Wunderbares, Starkes und Berührendes zu hören. In einem musikalischen Melting Pot begegnen sich, als wäre es das Normalste der Welt, unter der perfekten Koordination des Dirigenten Titus Engel der stimmpralle Chor des Grand Théâtre de Genève, das exquisite Orchestre de la Suisse Romande, das Perkussionsensemble der Haute école de musique de Genève, der fulminante Mike Keneally an der E-Gitarre als letzter verbliebener Mitstreiter der ursprünglichen Zappa-Truppe, Steamboat Switzerland, Dominik Blum an Hammond und Klavieren, Marino Pliakas am E-Bass und Lucas Niggli am Schlagzeug. Sängerdarstellerische Ereignisse sind Koloratursopranistin Brenda Rae als urkomische Karikatur einer Journalistin, die an Zappas Desinteresse zu zerplatzen droht, David Ireland als Cowboy Burt und Wrestler sowie Justin Hopkins als Narrator mit unglaublichen Steinkohlenbasstönen. Wenn Zappa selbst einst für seine Musik die “conceptual continuity“ behauptete, dann wird sie in Genf im Lichte der Gegenwart fortgeführt. Nicht orthodox, sondern sehr frei, zumal in den aktualisierten Texten. Dass dann am Ende auch noch die real existierende, in Washington residierende Witzfigur mit der roten Krawatte persifliert wird, ist zwar nicht notwendig, ringt aber dem Song „Penis Dimensions“ ganz neue Facetten ab, wenn er der Frage nach dem Zusammenhang von der Länge, respektive Kürze des Phallus mit den Komplexen und Egoproblemen seines Inhabers nachspürt.
Grand Théâtre de Genève
Zappa: 200 Motels
Titus Engel (Leitung), Daniel Kramer (Regie), Carlos Soto (Bühne), Shalva Nikvashvili (Kostüme), Peter Mumford (Licht), Sophie Lux (Video), Stephan Müller (Dramaturgie), Mark Biggins (Chor), Robin Adams (Frank / Larry the Dwarf), Peter Hoare (Howard), Edward Hogg (Jeff / Love Interest / Newt Lover), Ziad Nehme (Mark), David Ireland (Cowboy Burt / WWF Wrestler), Justin Hopkins (Narrator / Rance / Bad Conscience), Brenda Rae (Sopransolo / Janet / Journalist), Julieth Lozano (Lucy / Good Conscience), Nicola Hollyman (Sopran), Céline Kot (Mezzosopran), Aleksandar Chaveev (Bass), David Webb (Tenor), Emmanuelle Annoni, Carlotta Lesage, Faustine Morvan (Acrobaten), Chor des Grand Théâtre de Genève, Orchestre de la Suisse Romande, Perkussionsensemble der Haute école de musique de Genève, Mike Keneally (Gittarre), Steamboat Switzerland, Dominik Blum (Hammond, Klaviere), Marino Pliakas (E-Bass), Lucas Niggli (Schlagzeug)
Sa., 20. Juni 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Zappa: 200 Motels
Robin Adams (Frank & Larry the Dwarf), Peter Hoare (Howard), Marcel Heuperman (Jeff, Love Interest & Newt Lover), Ziad Nehme (Mark), Justin Hopkins (Narrator, Rance & Bad Conscience), Titus Engel (Leitung), Daniel Kramer (Regie)
So., 21. Juni 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Zappa: 200 Motels
Robin Adams (Frank & Larry the Dwarf), Peter Hoare (Howard), Marcel Heuperman (Jeff, Love Interest & Newt Lover), Ziad Nehme (Mark), Justin Hopkins (Narrator, Rance & Bad Conscience), Titus Engel (Leitung), Daniel Kramer (Regie)
Di., 23. Juni 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Zappa: 200 Motels
Robin Adams (Frank & Larry the Dwarf), Peter Hoare (Howard), Marcel Heuperman (Jeff, Love Interest & Newt Lover), Ziad Nehme (Mark), Justin Hopkins (Narrator, Rance & Bad Conscience), Titus Engel (Leitung), Daniel Kramer (Regie)
Do., 25. Juni 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Zappa: 200 Motels
Robin Adams (Frank & Larry the Dwarf), Peter Hoare (Howard), Marcel Heuperman (Jeff, Love Interest & Newt Lover), Ziad Nehme (Mark), Justin Hopkins (Narrator, Rance & Bad Conscience), Titus Engel (Leitung), Daniel Kramer (Regie)
So., 28. Juni 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Zappa: 200 Motels
Robin Adams (Frank & Larry the Dwarf), Peter Hoare (Howard), Marcel Heuperman (Jeff, Love Interest & Newt Lover), Ziad Nehme (Mark), Justin Hopkins (Narrator, Rance & Bad Conscience), Titus Engel (Leitung), Daniel Kramer (Regie)




