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Interview Rudolf Buchbinder

„Es ist eine ewige Entdeckungsreise“

Pianist Rudolf Buchbinder über Schuberts Tänze, das Grafenegg Festival, seine Faszination für verschiedene Ausgaben von Beethoven-Sonaten – und die Fußball-Weltmeisterschaft.

vonJan-Hendrik Maier,

Obgleich Rudolf Buchbinder in den vergangenen sechs Jahrzehnten eine dreistellige Anzahl an Alben eingespielt hat, denkt der österreichische Pianist nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Seine Neugierde sei unendlich, und so legt er jüngst eine beachtliche Auswahl von Schuberts Klaviertänzen vor. Was die Werke über die Genialität des Komponisten aussagen, warum er immer in Wien leben will und welche Kuriositäten sich in Ausgaben von Beethoven-Sonaten finden, verrät er im Interview.

Herr Buchbinder, tanzen Sie gerne?

Rudolf Buchbinder: Ja, natürlich! Aber vor dreißig Jahren mehr als heute.

Schuberts Tänze begleiten Sie bereits seit frühester Kindheit. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Kontakt?

Buchbinder: Ich habe zum Beispiel den „Trauerwalzer“ (beginnt das Thema zu singen) und diesen anderen (singt das Thema aus D 783/7) immer wieder gespielt. Ich wusste auch, dass sie von Schubert sind, aber bei über 500 Tänzen ist es schwierig, genau diese beiden zu finden. Ich wollte sogar einmal einen Komponisten beauftragen, mir eine Transkription anzufertigen, aber dazu ist es nicht gekommen. Dank der Aufnahme meines Albums bin ich jetzt aber fantastisch organisiert und kann die Tänze richtig einordnen.

Wie beschreiben Sie heute Ihre Beziehung zu ihnen?

Buchbinder: Es ist eine ewige Entdeckungsreise und eine nicht endende Schatzsuche. Schuberts Genie spiegelt sich allein schon darin wider, dass er 600 Lieder und mehr als 500 Tänze geschrieben hat. So viele Melodie-Einfälle! Ich habe immer das Gefühl, dass Menschen wie Schubert und Mozart, die ja leider nicht sehr alt wurden, im Hinterkopf ahnten, dass sie kein langes Leben haben werden. Wie war Mozart imstande, in jungen Jahren so eine Oper wie „Don Giovanni“ zu schreiben? Wie konnte Schubert so Großartiges wie die C-Dur-Sinfonie oder die letzte B-Dur-Sonate verfassen? Das sind alles Wunder. Wunder von Genies.

Woran liegt es, dass Schuberts Klaviertänze so selten im Konzertsaal gespielt werden?

Buchbinder: Sie werden praktisch nie gespielt. Das Problem liegt in ihrer Miniaturform. Viele dauern ja nicht einmal eine Minute, das ist sogar als Zugabe viel zu kurz. Ich müsste einmal einige gruppieren, dann könnte man sie nach dem Programm spielen.

Sie sagten mit Blick auf die Sonaten einmal, Sie würden niemals einen Schubert-Zyklus spielen. Wieso eigentlich?

Buchbinder: Es ist nicht so ergiebig wie bei Beethoven. Das gilt übrigens auch für Mozart und Haydn, der immerhin 52 Sonaten geschrieben hat. Die Sonaten haben Beethoven sein ganzes Leben begleitet. Man kann anhand von ihnen seine Gemütszustände, sein ewiges Auf und Ab wahrnehmen und hören. Es hat mich etwa auch nie gereizt, die drei letzten Schubert-Sonaten nacheinander zu spielen, weil sie mir zu ähnlich sind. Die 32 Beethoven-Sonaten bleiben als Zyklus einfach am Aufregendsten.

Der Grat zwischen Lebensfreude, Melancholie und einem Sinn für das Morbide ist in Wien so schmal wie wohl nirgendwo sonst. Was finden wir von dieser Haltung in Schuberts Musik?

Buchbinder: Schubert war ein ewig Suchender. In Wien besingt man ja auch immer den Tod. Arik Brauer hat einmal so wunderbar gesungen (singt in breitem Wienerisch): „Erst wann ma tot is, hat ma am Leb’n sei Freid“. Und wir Wiener gehen sehr gerne auf den Friedhof. Allein das sagt schon alles aus über das Wiener Gemüt. Schubert jedenfalls ist am Ende fast vereinsamt gestorben. Man muss sich vorstellen, dieser Mensch hat nicht eine einzige seiner Sinfonien gehört! Und erst zehn Jahre nach seinem Tod hat Anton Diabelli die letzte B-Dur-Sonate mit einer Widmung an Robert Schumann veröffentlicht, auf die vier letzten Impromptus schrieb er „Gewidmet Franz Liszt“ – nur, um sie besser zu verkaufen. Die Menschen haben sich nicht viel geändert.

Würden Sie sagen, dass man Schubert bisweilen unterschätzt?

Buchbinder: Nein, er wird sogar sehr geliebt. Aber wenn man brutal ist, könnte man sagen, Schubert ist nicht so ein „Box Office Seller“ wie Beethoven.

160 Klaviertänze von Franz Schubert hat Rudolf Buchbinder im Wiener Konzerthaus aufgenommen
160 Klaviertänze von Franz Schubert hat Rudolf Buchbinder im Wiener Konzerthaus aufgenommen

Haben Sie sich je gewünscht in einer anderen Stadt als Wien zu leben?

Buchbinder: Eigentlich nicht, ich bin sogar dankbar dafür, hier leben zu dürfen, wo Musik und Kultur so eine unglaubliche Rolle spielen. Ein Skandal in der Oper ist eine wichtigere Schlagzeile als jede Weltwirtschaftskrise, und der letzte Beitrag in den TV-Nachrichten kommt immer aus der Kultur. Ich werde nie vergessen, wie ich vor vielen Jahren mit dem Taxi zur Staatsoper gefahren bin. Der Fahrer fragte mich, was heute gespielt würde – „Bajazzo“ und „Cavalleria rusticana“ – und wer singe – Giuseppe Di Stefano. „Aber der hat doch keine Stimme mehr!“, erwiderte der Fahrer. Also, hier ist man über die Oper informiert, auch wenn man sie persönlich nicht besucht.

Die diesjährige, 20. Ausgabe des Grafenegg Festivals ist die letzte unter Ihrer Intendanz. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese zwei Jahrzehnte?

Buchbinder: Im ersten Jahr waren Kollegen wie Zubin Mehta und Renée Fleming da und befanden, dass das die beste Open-Air-Bühne sei. Wir haben damals nicht in unseren kühnsten Träumen gedacht, welchen enormen Erfolg dieses Festival einmal haben wird. Wir haben erreicht, dass alle nach Grafenegg kommen wollen!

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Was reizt denn so an Grafenegg?

Buchbinder: Unser Foyer sind 32 Hektar Garten. Bei uns geht man nicht über den roten Teppich, sondern über den grünen Rasen. Sie können problemlos einen ganzen Tag in Grafenegg verbringen. Am Sonntag haben wir eine Matinee, danach kann man sehr gut Mittag essen, am Nachmittag legt man sich in den Rasen für eine kleine Siesta und wacht zur Konzerteinführung wieder auf. Und am Abend ist das Konzert im Wolkenturm.

Welcher Grafenegg-Moment ist unvergesslich in Ihrer Erinnerung?

Buchbinder: Während der Pandemie hatte ich ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern, zwei Mal Beethoven. Es hat vom Himmel heruntergeschüttet, das Publikum saß in Ganzkörper-Regenmänteln da und wir kündigten an, wenn der Regen zu stark würde, wäre das Konzert nach dem ersten Beethoven leider vorbei. Es regnete und regnete, aber die Menschen wollten unbedingt, dass wir weiterspielen. Nach dem zweiten Beethoven schrie jemand von ganz hinten: „Zugabe!“ Diese Begeisterung für Grafenegg – und auch für die Musik – werde ich immer in Erinnerung behalten.

Bei Ihrem letzten Gespräch mit concerti hatten Sie 38 Ausgaben der Beethoven-Sonaten zu Hause.

Buchbinder: Ich glaube, es sind mittlerweile 39. Das Vergleichen ist faszinierend. Eine meiner liebsten Ausgaben ist die von Franz Liszt, der ein großer Verehrer Beethovens war und dessen Musik er wohl auch viel unterrichtet hat, denn sein Schüler Alexander Winterberger brachte auch eine Gesamtausgabe heraus. Wir wissen, dass Liszt kein schlechter Pianist war, aber Sie finden in seiner Ausgabe nicht einen einzigen eigenen Fingersatz, sondern nur die Originale von Beethoven! Faszinierend ist auch die Ausgabe des Liszt-Schülers Eugène d’Albert, dem es ganz egal war, ob Beethoven Forte oder Piano schrieb. Er notierte einfach seine eigenen Dynamikbezeichnungen, ganz so, wie er die Sonaten spielte.

Von Sir András Schiff ist bekannt, dass er jeden Morgen mit Bach beginnt. Haben Sie auch eine Art des musikalischen Morgenrituals?

Buchbinder: In meinem Leben mache ich nichts zur Regel, bis auf einen kurzen Schlaf vor dem Konzert am Abend.

Auch mit mehr als einem halben Jahrhundert an Bühnenerfarhung kommt bei Rudolf Buchbinder nie Routine auf
Auch mit mehr als einem halben Jahrhundert an Bühnenerfarhung kommt bei Rudolf Buchbinder nie Routine auf

Im Dezember werden Sie 80 Jahre alt. Was fällt Ihnen im fortgeschrittenen Alter am Klavier leichter?

Buchbinder: Vor einem Monat habe ich in China die beiden Brahms-Konzerte an fünf Abenden gespielt. Ich will nicht sagen, dass es mir leichter als früher fällt, aber ich habe keinerlei Probleme damit. Und das finde ich erstaunlich. Um meinen Geburtstag spiele ich mit den Wiener Philharmonikern sechs Konzerte, davon vier Mal Gershwin, und zwei Mal dirigiere ich vom Klavier aus. Ich liebe nach wie vor die Herausforderung.

Ist das Konzertieren an Ihrem Geburtstag ein Geschenk an Sie selbst?

Buchbinder: Es ist ein Geschenk für alle: für meine Frau, für das Publikum und für mich. Mittlerweile hat das Tradition, auch kleinere Jubiläen wie meinen 65. Geburtstag habe ich so gefeiert. „Happy Birthday“ werde ich aber nicht als Zugabe spielen.

Sokrates’ Bonmot „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden“ ist Ihr Lebensmotto. Wohin möchten Sie künstlerisch in Ihrem neunten Lebensjahrzehnt?

Buchbinder: Es ist ein ewiges Suchen. Die Neugier ist ganz wichtig, und ich glaube, dass diese wie das Universum kein Ende hat. Die Unendlichkeit ist faszinierend. Gott sei Dank ist das auch in meinem Beruf so, sonst müsste ich morgen aufhören.

In wenigen Wochen beginnt die Fußball-WM in Mexiko, Kanada und den USA. Fiebern Sie mit der österreichischen Elf mit?

Buchbinder: Ich wäre gerne mitgeflogen und werde mir so viele Spiele wie möglich anschauen – nicht nur von der österreichischen Nationalmannschaft.

Mit Argentinien wartet im zweiten Gruppenspiel bereits ein harter Brocken für die Österreicher.

Buchbinder: Ja, aber beim Fußball weiß man nie, was passiert. Alles ist möglich. Das hat er mit Eishockey gemeinsam, was ich auch sehr gerne anschaue. Mich fasziniert die Geschwindigkeit, mit der dieser unglaubliche Mannschaftssport gespielt wird. Ich hingegen habe ja schon beim Eislaufen alleine meine Probleme! (lacht)

Ihr Tipp: Wer wird Fußball-Weltmeister 2026?

Buchbinder: Es können etwa zehn Mannschaften den Titel holen.

Aktuelles Album:

Schubert Treasures

Schubert: 35 Originaltänze D 365, 16 Deutsche Tänze & 2 Ecossaises D 783, 12 Walzer, 17 Ländler & 9 Ecossaises D 145, Galop & 8 Ecossaises D 735 & Valses sentimentales D 779

Rudolf Buchbinder (Klavier). Deutsche Grammphon

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