Sopranistin Marina Rebeka im Porträt

Schick­sal­haf­ter Ros­si­ni

Das Glück genießen und aus dem Pech Erfahrung schöpfen – auf diese Haltung gründet der Erfolg der aufstrebenden Sopranistin Marina Rebeka

© Dario Acosta

Marina Rebeka

Sie ist sehr attrak­tiv, hat viel Humor und Tem­pe­ra­ment und ist im Gespräch sehr auf­ge­schlos­sen. Das kennt man auch von ande­ren Sän­ge­rin­nen aus Ost­eu­ro­pa. Etwas aber irri­tiert. Mari­na Rebe­ka trägt ihre Arm­band­uhr links, soweit nichts Unge­wöhn­li­ches. Mit den Zei­gern scheint aber etwas nicht zu stim­men, sie dre­hen sich gegen den Uhr­zei­ger­sinn, das Zif­fern­blatt wirkt sei­ten­ver­kehrt. Mari­na Rebe­ka lacht laut, als sie mei­nen Blick bemerkt. „Eine nor­ma­le Uhr könn­te ich gar nicht lesen. So ist es viel ein­fa­cher für mich. Mein Gehirn tickt ein­fach ein biss­chen anders“, sagt sie und lacht wie­der: „Ich zei­ge es Ihnen“, sagt sie jetzt, wäh­rend sie ein Blatt Papier nimmt und ihren Namen mit der lin­ken Hand dar­auf schreibt.

Von rechts nach links, wie die Ara­ber, in der soge­nann­ten Spie­gel­schrift, die erst bei einer Betrach­tung im Spie­gel zu lesen ist. „Leo­nar­do da Vin­ci hat auch so geschrie­ben“, sagt sie fröh­lich, „aber bit­te schlie­ßen Sie nicht dar­aus, dass ich so klug bin wie Leo­nar­do!“ Bücher lesen fal­le ihr sogar schwer, alles gin­ge „sehr lang­sam“, beim Stu­di­um von Par­ti­tu­ren begin­ne sie ger­ne mit dem Ende. Ihr Gehirn aller­dings arbei­te sehr schnell: „Ich mache alle Com­pu­ter kaputt, weil mei­ne Reak­tio­nen oft sehr schnell sind und die Tas­ten das nicht aus­hal­ten!“

Bewe­gen­de Fami­li­en­ge­schich­te

Im einst von den Sowjets beherrsch­ten Riga, wo Mari­na Rebe­ka 1980 gebo­ren wur­de, soll­te sie zur Rechts­hän­de­rin umge­schult wer­den. Das Regime habe ohne­hin „Men­schen, die anders waren“, gar nicht erst gedul­det. Schwe­rer aber noch hat­ten es ihr Urgroß­va­ter und ihr Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits. „Der Urgroß­va­ter hat­te eine hohe poli­ti­sche Funk­ti­on, war spä­ter am Gerichts­hof und stand natür­lich im Fokus der Sta­lin-Dik­ta­tur.“ Er wur­de nach Sibi­ri­en depor­tiert und kam dort zu Tode. Auch sein Sohn kam als ein „Feind des Vater­lan­des“ dort­hin und wur­de lan­ge Zeit sei­nes Lebens drang­sa­liert und ver­folgt. „Sie haben sogar ver­sucht, ihn umzu­brin­gen, als es ihm gelang, nach Riga zurück­zu­keh­ren. Er besaß kei­ne Doku­men­te, hat­te aber ein Tage­buch in sei­ner Zeit in Sibi­ri­en geschrie­ben, obwohl er wuss­te, dass er dafür erschos­sen wer­den wür­de, wenn das jemand her­aus­be­kä­me.“

© Jānis Dei­nats

Marina Rebeka

Mari­na Rebe­ka

Mari­nas Groß­va­ter gab es sei­ner Mut­ter, auf dass sie es zer­stö­re und ver­bren­ne, doch die Mut­ter näh­te es in das Fut­te­ral eines Kof­fers ein. Anfang der neun­zi­ger Jah­re, nach Glas­nost, öff­ne­te sie den Kof­fer, und der Groß­va­ter mach­te aus den Noti­zen ein Buch, das ein Best­sel­ler wur­de. Ihre Lie­be zur Musik ver­dankt sie die­sem Groß­va­ter, der sie in Riga in die Oper mit­nahm. Mit drei­zehn habe sie „Nor­ma“ gehört und beschlos­sen, dass sie die­se Par­tie eines Tages sin­gen wer­de. „Das war so lus­tig. ‚Nor­ma’ war damals die letz­te Oper am Let­ti­schen Natio­nal­thea­ter vor der Reno­vie­rung des Hau­ses Anfang der Neun­zi­ger­jah­re. Und als das Haus wie­der­eröff­net wur­de, stand ‚Nor­ma’, wenn auch kon­zer­tant, wie­der auf dem Spiel­plan. Und raten Sie mal mit wem: mit mir!“

Ein Mäd­chen­traum wird wahr

In den Jah­ren dazwi­schen arbei­te­te Mari­na Rebe­ka ziel­stre­big an ihrem künst­le­ri­schen Wer­den, trotz vie­ler Hür­den und man­chem Pech mit Leh­rern. „Ich war anfangs im fal­schen Reper­toire unter­wegs mit Tos­ca, der But­ter­fly und der Köni­gin der Nacht. Natür­lich war das eine gro­ße Gefahr für mei­ne Stim­me. Gott sei Dank habe ich recht­zei­tig ein­ge­grif­fen. Seit­dem ver­traue ich nie­man­dem mehr außer mir selbst. Man muss sich sehr gut ken­nen. Dann weiß man auch, was gut für einen ist.“ 2002 ging sie ans Kon­ser­va­to­ri­um nach Par­ma. Gioa­chi­no Ros­si­ni wur­de ihr Schick­sal, auch wenn sie anfangs fand: „Als ich sei­ne Musik erst­mals hör­te, dach­te ich nur: ach, zu vie­le Wör­ter, zu vie­le Noten, zu vie­le Rezi­ta­ti­ve. Nein, das ist zu kom­pli­ziert für mich! Und dann muss man auch noch die Ver­zie­run­gen machen!“

© Jānis Dei­nats

Marina Rebeka

Mari­na Rebe­ka

Doch das Schick­sal war gna­den­los: „Mein aller­ers­ter Auf­tritt in Par­ma war als Rosi­na, in einer Insze­nie­rung des ‚Bar­biers’ für Kin­der. Spä­ter kamen die Cont­essa Fol­le­ville und die Madama Cor­te­ses in ‚Il Viag­go a Reims’ dazu, die Cont­essa sang ich auch an der Sca­la. 2008 folg­te beim ‚Ros­si­ni Ope­ra Fes­ti­val’ in Pesa­ro die Anna in ‚Mao­met­to II’. Eine rie­si­ge Par­tie mit einer Arie, die über 17 Sei­ten geht und 13 Minu­ten lang ist. Mein Debüt bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len mach­te ich als Anaï in ‚Moi­se et Pha­raon’ unter Ric­car­do Muti. Hin­zu kam die Mat­hil­de aus ‚Guil­laume Tell’.

Mari­na Rebe­ka und Ros­si­ni

Vie­le die­ser Ari­en fin­den sich nun auf ihrer neu­en Ros­si­ni-CD. Doch Rebe­ka legt sich ungern fest. Sie glänz­te als Vio­let­ta in „La tra­via­ta“, als Fior­di­li­gi in „Così fan tut­te“ und Don­na Anna in „Don Gio­van­ni“. Bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len 2016 sprang sie „last minu­te“ als Thaï in Mas­se­nets gleich­na­mi­ger Oper ein, mit Plá­ci­do Dom­in­go an ihrer Sei­te und dem Münch­ner Rund­funk­or­ches­ter, des­sen „Artist in Resi­dence“ sie in der nächs­ten Sai­son ist. Und im Okto­ber wird end­lich ihr Mäd­chen­traum wahr: Sie debü­tiert als Nor­ma an der Met in New York.

Mari­na Rebe­ka als Nor­ma:

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