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Porträt Attilio Cremonesi

Bach veränderte alles

Ein persönlicher Wendepunkt ebnete Attilio Cremonesi den Weg zur Alten Musik. Mit seiner Entdeckerfreude holt er heute Preziosen der Musikgeschichte aus der Versenkung.

vonIrem Çatı,

Ich komme ursprünglich aus Crema, das ist eine sehr kleine Stadt in der Provinz Cremona“, sagt Attilio Cremonesi und ergänzt lachend: „Daher höre ich immer den Witz: Crema, Cremona, Cremonesi.“ Aber Spaß beiseite, auch wenn das bei dem sympathischen und gut gelaunten Dirigenten schwerfällt: Eigentlich war er gerade dabei zu erzählen, dass er über seinen Onkel, der ­Organist und Musikschuldirektor war, als Zehnjähriger zum Klavier- und Orgelspiel gekommen ist. Während seines Orgel- und Kompositionsstudiums in Piacenza hat ihn sein Professor auf die Bach-Kantaten aufmerksam gemacht.

„Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich sie damals nicht kannte, aber ich war sofort hin und weg von der Qualität der Musik“, erinnert sich Cremonesi. In einem kleinen Musikgeschäft habe er sich daraufhin Platten von Gustav Leonhardt und anderen Alte Musik-Spezialisten gekauft und sie zu Hause angehört: „Und da kamen mir einfach die Tränen! Sowohl von der unglaublichen Musik als auch vom Klang der historischen Instrumente.“ Heute beschreibt Cremonesi das Erlebnis als Wendepunkt in seiner damals noch ganz jungen Karriere.

Nach Abschluss seines Studiums zog er mit Anfang zwanzig nach Basel, um sich dort in der historischen Aufführungspraxis ausbilden zu lassen. Neben seinem Studium arbeitete er viel mit Sängern zusammen und begleitete sie häufig bei Konzerten. So wurde der damals noch als Countertenor aktive René Jacobs auf ihn aufmerksam. „Er rief mich einfach an und sagte, dass er mich spielen gehört habe, und fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei seiner nächsten Opernproduktion in Basel mitzumachen. Natürlich habe ich sofort zugesagt!“ Und das, obwohl Cremonesi damals – nach eigener bescheidener Aussage – zwar gut mit dem italienischen, nicht aber mit dem barocken oder romantischen Opernrepertoire vertraut gewesen sei. Dennoch funktionierte die Zusammenarbeit bestens – so gut, dass Jacobs seinem jungen Protegé anbot, sein Assistent zu werden. Eine intensive Zeit, wie sich Cremonesi heute erinnert. 

Abseits des bekannten Repertoires

Heute ist Attilio Cremonesi selbst ein weltweit gefragter Spezialist und Interpret vom Barock bis zum Belcanto, ist trotz seiner intensiven Tätigkeit als Dirigent auch regelmäßig als Kammermusiker zu erleben und gastierte als solcher unter anderem bei den Wiener Festwochen, den Dresdner Musikfestspielen und dem Lucerne Festival. Als Dirigent wiederum steht er etwa an der Staatsoper Unter den Linden, dem Theater an der Wien und der Opéra National de Paris am Pult. Ab 2017 war er außerdem drei Jahre lang Erster Gastdirigent des Philharmonischen Orchesters des Teatro Municipal de Santiago de Chile.

Attilio Cremonesis persönliches Steckenpferd gilt aber der Wiederentdeckung und -belebung selten gespielter Kompositionen des Barock und der Klassik. Auch diese Leidenschaft geht auf René Jacobs zurück, dessen Faszination für Werke abseits des bekannten Repertoires ansteckend war. So leitete Cremonesi zahlreiche Aufführungen von selten gespielten Werken – manche davon sogar zum ersten Mal in moderner Zeit, ganz aktuell Händels Oper „Siroe“, die im Februar unter Cremonesis Leitung bei den Internationalen Händel-Festspiele in Karlsruhe aufgeführt wurde.

Mit Händel kennt sich Cremonesi gut aus

Mit Händel kennt sich der Italiener sowieso bestens aus: Seit der Saison 2021/2022 ist er Künstlerischer Leiter des Händelfestspielorchesters in Halle. „Wir machen sehr viel Händel, sind aber sonst ganz unabhängig von seiner Musik und den Festspielen“, erklärt Cremonesi. „Wir haben beispielsweise Werke von Bender gespielt, was man vielleicht nicht erwarten würde.“

Ähnlich wie bei René Jacobs begann auch diese Zusammenarbeit mit einem Anruf und der Einladung, für einen erkrankten Dirigenten einzuspringen. „Ich wurde mit einer so großen Wärme und Offenheit empfangen wie kaum zuvor. Die Proben liefen gut, das Konzert auch und so wurde ich einige Zeit später gefragt, ob ich Interesse an der Stelle hätte und – ja, das hatte ich“, sagt Cremonesi und beweist seither, wie kreativ und facettenreich er neben seiner Expertise für die Alte Musik ist.

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