Opern-Kritik: Theater Chemnitz – Die Meistersinger von Nürnberg

Son­der­aus­stel­lung „Vene­dig 1861“

(Chemnitz, 19.3.2016) Abschied von einer Ära: Franz Hawlata, Daniel Kirch und Roman Trekel schießen über’s Ziel hinaus – zum Glück!

© Oper Chemnitz

Über Jah­re bestimm­ten sie den Kurs und hiel­ten das Haus in der geho­be­nen Liga deut­scher Kul­tur­ein­rich­tun­gen: Zum Ende der Spiel­zeit ver­las­sen GMD Frank Beer­mann die Robert-Schu­mann-Phil­har­mo­nie und Micha­el Hei­ni­cke die Oper Chem­nitz, die er seit Wie­der­eröff­nung 1991 mit sei­ner Par­si­fal-Insze­nie­rung im Park zuver­läs­si­ger Wag­ner-Pfle­ge posi­tio­niert. Beer­mann setz­te sei­ne Schwer­punk­te mehr auf die rasan­te Fol­ge bewun­derns­wer­ter Ent­de­ckun­gen – von Nico­lais Il pro­scritto bis Rez­niceks Ben­zin. Unbe­streit­ba­rer Höhe­punkt war sin­ni­ger­wei­se nicht Wag­ner, son­dern die kom­plet­tier­te Erst­auf­füh­rung von Mey­er­be­ers Vas­co de Gama.

Zur Meis­ter­sin­ger-Pre­mie­re fei­ert die Thea­ter­lei­tung Hei­ni­cke mit einer Aus­stel­lung zu sei­nen Insze­nie­run­gen im Foy­er, mit Mahlers Auf­er­ste­hungs­sin­fo­nie erfüllt sich Beer­mann noch einen Her­zens­wunsch. Alle Anwe­sen­den umwar­ben die Solis­ten zu Recht mit gro­ßem Bei­fall und gou­tier­ten ein musea­les Pan­ora­ma, das sich selbst genüg­te. Sau­ber und ohne Tie­fen­blick auf Wag­ners tita­ni­sches Rin­gen um Oper, Dra­ma, Kunst.

Mehr „Wäh­nen“ als „Wahn!“

Peter Syko­ra ist beson­ders stark bei Her­aus­for­de­run­gen durch die Regie, das beweist seit über drei­ßig Jah­ren sein und Götz Fried­richs „Zeit­tun­nel-Ring“ an der Deut­schen Oper Ber­lin. Bereits zum zwei­ten Mal insze­niert Hei­ni­cke die Meis­ter­sin­ger für Chem­nitz, 1997 ver­setz­te ihm Wolf­gang Bel­lach das Gesche­hen in ein Simul­tan­büh­nen­kon­strukt. Kon­tras­tie­rend dazu baut Syko­ra jetzt ein bro­kat­rot aus­ge­schla­ge­nes Muse­ums-Pan­the­on um den Abge­sang mit innig-schlich­ten Momen­ten von Abschied und Wan­del. „No poli­tics“ für Wag­ners zeit­los gül­ti­gen Dis­kurs über Pro­vo­ka­ti­on con­tra Bekannt-Bewähr­tes! Darf man dar­aus gar die Hul­di­gung an den schö­nen Grals­schim­mer der Kunst im rau­en Wind der Gegen­wart her­aus­le­sen?

Zum forsch-robus­ten Vor­spiel aus dem Gra­ben steht der Meis­ter höchst­selbst vor Tizi­ans Assun­zio­ne und beschließt da – im Jah­re 1861 zu Vene­dig – die Aus­füh­rung der Meis­ter­sin­ger-Par­ti­tur. Ganz so wie er das der Nach­welt kün­de­te, nach dem Frust mit Mat­hil­de Wesen­don­ck, dem Krach mit Min­na und vor der Ret­tung aus Mün­chen, der Stadt der Pina­ko­the­ken. Für Johan­nis­nacht, Ver­wechs­lungs- und Rüpel­spiel gibt es dann ein Skulp­tur- und Restau­ra­ti­ons­ate­lier. Die prak­ti­ka­ble Schus­ter­stu­be mit Mot­ten-Biblio­thek ist ein Edu­ca­ti­on-Space „Ver­gan­gen­heit zum Anfas­sen“. Dazu all­zeit die Meis­ter­sin­ger mit Entou­ra­ge in frisch gestärk­ter Phan­ta­sie-Renais­sance wie zum Stadt­fest Din­kels­bühl. Madon­nen, David-Wim­pel und Impe­ra­to­ren-Büs­ten als Euro­dis­ney-Cre­dits für das Land der Dich­ter und Den­ker. Nur für die ame­ri­ka­ni­sche Hoch­zeits­kut­sche fehl­te anschei­nend der Etat. Ziel soll­te sein: die Befrei­ung des Werks aus dem ver­häng­nis­vol­len Kreis­lauf sei­ner pro­ble­ma­ti­schen Geschich­te. Das kraft­voll ange­streng­te Wohl­wol­len bas­telt sich also dank eige­ner Phan­ta­sie die Sinn­ein­hei­ten zu Werk, Wie­der­ga­be und Wir­kung.

Hoh­ler Schein, star­ke Sän­ger

Nur der Nacht­wäch­ter (Johan­nes Woll­rab) kippt ängst­lich den schö­nen Muse­ums­schein nach der hef­ti­gen Prü­ge­lei. Offen­sicht­lich ist er ein gelb-pink-bun­ter Quo­ten-Bediens­te­ter mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, der froh ist, dass die Ran­da­le auf die Expo­na­te, nicht aber auf ihn selbst zielt. Dass die kunst­sin­ni­gen Hand­wer­ker sich selbst, aber nicht ihm den Schä­del ein­schla­gen. Ver­schrammt mit Augen­veil­chen und Pflas­tern im Gesicht schrei­ten dann alle froh­ge­stimmt auf die vom demo­gra­phi­schen Wan­del kün­den­de Fest­wie­se. Nur Eva nicht. Marai­ke Schrö­der legt viel Wär­me in die Stim­me und in die Bezie­hung zum in aller­letz­ter Sekun­de zurück­ge­setz­ten Hans Sachs. Bis nach des­sen Schluss­an­spra­che umwirbt sie ihn, der sie mit aus­drucks­stark rabia­ter Abkehr in die Arme Stolzings trei­ben muss. Vom Meis­ter will sie nicht las­sen, den Rit­ter will sie auch. Eva in gepan­zert aus­la­den­dem Rot macht trotz­dem auf sprö­de wie eine Kunst­ver­eins­funk­tio­nä­rin bei pro­gres­si­ven Art-Event-For­ma­ten. Das wider­strebt Marai­ke Schrö­ders edlem Gesangs­na­tu­rell total. In der fina­len Reve­renz muss sie auch noch zur Alle­go­rie der „deut­schen Oper“ wer­den, wie Wag­ner die­se bereits 1851 in Oper und Dra­ma als „Die Prü­de“ kri­tisch zer­schmet­ter­te.

Stolz­ing ist ganz erfreu­en­der Opti­mist und spielt mit Erfolg an gegen sein bläss­li­ches Out­fit. Dani­el Kirch – kurz­fris­tig ein­ge­sprun­gen für den erkrank­ten Tho­mas Piff­ka – hat in Stim­me und Spiel glei­ches Sym­pa­thie-Poten­ti­al wie Sachs, singt die Soli, Repli­ken und Ensem­bles mit Chuz­pe und unbe­irr­ba­rem Schneid durch. Die­ser Pyr­rhus-Sieg hält den Abend in Span­nung. Dabei hat die­ses Mal Stolz­ing gleich zwei ernst­haf­te Kon­kur­ren­ten. Roman Tre­kel und Franz Haw­la­ta wuch­ten die Pre­mie­re hin zu einem groß­ar­ti­gen Sän­ger­thea­ter. Bei­de sind auf werk­ge­treue und zugleich hoch­in­di­vi­du­el­le Art ver­wach­sen mit ihren Vokal­por­träts und See­len­bil­dern. Tre­kels Beck­mes­ser in schwarz-spa­ni­scher Hof­tracht hat alle Tugen­den, nur ein biss­chen eli­tä­res Intri­gan­ten­po­ten­ti­al und zum Schluss auf Augen­hö­he mit Sachs und Stolz­ing ein enor­mes Maß an Ver­söh­nungs­kul­tur. Als Bil­dungs­bür­ger alter Schu­le macht er „bel­la figu­ra“ im dada­is­ti­schen Sinn­ge­misch des ver­hack­stück­ten Preis­lieds, zieht sein lyri­sches Bari­ton-Mate­ri­al mit apar­ten Cha­rak­ter­far­ben und Peng in die Extrem­hö­hen. Das Ende zeigt: Er ist Ver­lie­rer nur im Ran­king der Meis­ter­sin­ger-Ver­eins­pa­ra­gra­phen, nicht als Per­sön­lich­keit.

Es greift viel zu kurz, Franz Haw­la­ta als „Type Cast“ für Hans Sachs zu wür­di­gen. Da, wo ande­re auf hal­ber Län­ge in der Schus­ter­stu­be am Mons­ter­um­fang des Parts dar­nie­der strau­cheln, lenkt Haw­la­ta Zei­chen kon­di­tio­nel­ler Ermü­dung um zur Schär­fung des Rol­len­cha­rak­ters, den er aus­füllt wie kaum ein ande­rer der­zeit. Der Aggres­si­ons­schub vor dem Quin­tett geht nicht pol­ternd nach drau­ßen, son­dern resi­gnie­rend nach innen – die Schluss­an­spra­che dann: Ein Inne­hal­ten, weil mit der Pola­ri­sie­rung „welsch-deutsch“ lan­ge nicht alles gesagt sein kann. Haw­la­ta hat Herz hin­ter der Knar­zig­keit, bleibt der Exot auf der mitt­le­ren Pyra­mi­de­n­ebe­ne des Volks und sei­ner Ver­tre­ter, muss es blei­ben…

Wort­sinn und Melan­cho­lie

Sou­ve­rän, auch wort­ver­ständ­lich wird gesun­gen und skan­diert auf der Büh­ne von Soli und Chö­ren dank des musi­ka­li­schen Teams um Ste­fan Bilz, Tho­mas-Micha­el Gri­bow und Pie­tro Numi­co, sodass die Robert-Schu­mann-Phil­har­mo­nie vor allem durch eine Sta­bi­li­sie­rung des Kon­ver­sa­ti­ons­flus­ses glänzt. Frank Beer­mann lenkt das poly­pho­ne Geflecht line­ar und zügig. Dra­ma­ti­sche Ziel­stre­big­keit zählt mehr als Detailma­le­rei, der his­to­ri­sie­ren­de Glanz auf der Büh­ne spie­gelt sich nicht im Orches­ter. So setzt Frank Beer­mann einen nach­denk­lich fra­gen­den Akzent auf die­sen Abschied von einer Ära, mit der wohl die lan­ge Nach­wen­de­zeit an der Oper Chem­nitz enden wird. Von die­ser Ära kün­den auch die Sän­ger der Meis­ter alle, mit denen Erin­ne­run­gen an groß­ar­ti­ge Opern­aben­de ver­bun­den sind. Eben­so wie das hier weni­ger in bren­nen­der als maß­vol­ler Zunei­gung eini­ge Paar David (André Rie­mer) und Mag­da­le­ne (Tii­na Pent­ti­nen) und der vokal wie optisch viel­leicht eine Spur zu attrak­ti­ve Vater Pogner (Kou­ta Räsä­nen).

Thea­ter Chem­nitz

Wag­ner: Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg

Frank Beer­mann (Musi­ka­li­sche Lei­tung), Micha­el Hei­ni­cke (Regie), Peter Syko­ra (Büh­ne & Kos­tü­me), Mat­thi­as Vogel (Licht), Ste­fan Bilz (Chö­re), Franz Haw­la­ta, Roman Tre­kel, Kou­ta Räsä­nen, Mat­thi­as Win­ter, Dani­el Kirch, André Rie­mer, Marai­ke Schrö­ter, Tii­na Pent­ti­nen, Johan­nes Woll­rab, Robert-Schu­mann-Phil­har­mo­nie, Chor, Extra­chor und Chor­gäs­te der Oper Chem­nitz

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