Ausgerechnet am Hochzeitstag frisst Fadinards Pferd einen Strohhut aus Florentiner Produktion. Der Bräutigam muss schnell Ersatz schaffen, will er dem Duell mit dem Geliebten der Hutbesitzerin entgehen, die sich sonst als Ehebrecherin ertappt glaubt. Dafür begibt er sich auf eine abenteuerliche Reise durch halb Paris, stets verfolgt von Braut und Hochzeitsgesellschaft. Dabei hätte er nur auf seinen Onkel zu hören brauchen: Dessen Geschenkkarton enthält das gleiche Hutmodell, man hätte ihn nur öffnen müssen. Nach zweieinhalb Stunden lösen sich alle Verwicklungen in Luft auf, und am Ende haben sich alle wieder lieb.

Eine Farce voller Absurdität
Mehr muss man eigentlich nicht wissen, um die Vaudeville-Komödie von Eugène Labiche in der Vertonung von Nino Rota zu verstehen. In dem Sinne ist es eigentlich auch gar keine Komödie, sondern – wie schon der Titel verrät – eine Farce, die absurder kaum sein könnte. Das Schönste ist: Trotzdem macht sie Spaß, weitgehend auch in der aus Graz importierten Dresdner Lesart von Bernd Mottl, der die temporeich wechselnde Szenerie an der Semperoper in eine Stadtlandschaft voller überdimensionaler Geschenkkartons ganz in Schwarz-Weiß (Friedrich Eggert) verpackt – nicht ganz frei von Altherrenwitz, aber doch sehr vergnüglich und im besten Sinne des Wortes eskapistisch. Spätestens am Ende, wenn das Brautpaar – gerahmt von der Hutschachtel letzte Töne singend – im Bühnenboden versinkt, sind auch die Skeptiker der heiteren Muse verfallen.

Lautmalerische Intermezzi, große Arien, irrwitzige Chöre und geniestreichartige Ensembles
Denn nein: Es geht mal nicht um videovertrailerte dramatische Weltuntergänge und schmerzvolle Liebestode, auch nicht um Umweltschäden oder soziale Katastrophen – mal davon abgesehen, dass die Figuren offensichtlich zu viel Zeit für Nichtigkeiten haben und einander nicht zuhören können. Es ist vielmehr ein Porträt recht holzschnittartiger Charaktere, das sich vor allem durch Nino Rotas Musik zwischen lautmalerischen Intermezzi, großen Arien mit ironischen Koloraturen, irrwitzigen Chören und geniestreichartigen Ensembles vom Niveau einer durchschnittlichen Operette abhebt. Der Filmmusikmillionär sah seine eigenen Ambitionen eher im Musiktheater verwirklicht, schrieb Sinfonien und erst in neuerer Zeit wiederentdeckte Kammermusik, da man sich des Neoklassizismus nicht mehr schämt wie zur Entstehung des Werks nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Nino Rota zitiert, verschmilzt, variiert und karikiert
Den eigentlichen Spaß treibt der Komponist selbst mit zahlreichen Anleihen zwischen Puccinis Weltschmerz-Arien, Verdis Rumtata-Dreivierteltakt und Schostakowitschs „Nase“-Ironie. Der „Hut“ geht um in der Musikgeschichte, und jeder wirft etwas rein. Das rührt Rota aber nicht einfach zusammen, sondern macht einen kurzweiligen Vierakter daraus, indem er zitiert, verschmilzt, variiert, karikiert. An den zahllosen Anspielungen hat auch die Sächsische Staatskapelle unter Daniele Squeo ihren Spaß. Wer – auch als Mitglied dieses hehren Orchesters – das ganze Repertoire kennt, mag viele Aha-Erlebnisse haben, aber wer nicht, genießt genauso seine Freude. Denn Rotas Melodien lassen auch abseits des cineastischen Erfolgs ihre Ohrwurmqualitäten nicht vermissen, bleiben fast ausnahmslos tonal und beweisen vor allem in den großen Finales die Meisterschaft des Toscanini-Ziehkinds.

Die Solistenschar hat Spaß am Spaß
Ihren nicht ganz mühelosen Spaß am Spaß beweist auch die Solistenschar, angeführt von der ganz großartigen Rosalie Cid als Braut Elena, deren irrwitzige Partie irgendwo zwischen Bellini und Rossini stimmlich alles abverlangt, was eine Koloratursopranistin zu bieten hat. Piotr Buszewski als ihr frisch angetrauter Fadinard bleibt demgegenüber etwas undifferenziert und braucht alle Kraft, um Tempo und Wandelbarkeit seiner Partie – vor allem in der Höhe – abrufen zu können. Ganz buffo-baritonal glänzt indes Alexander Grassauer als Schwiegervater Nonancourt in einer echten Paraderolle, wie sie Jacques Offenbach nicht besser hätte erfinden können.

Das Publikum wird diese Produktion lieben
Ein richtig schöner Abend könnte es werden, wenn der Staatsopernchor seiner von der Regie auch individuell ausdifferenzierten Spielfreude nicht die Intonation und Metrik unterordnen würde. Das ist besonders schade im eigentlich großartigen an Weber wie Wagner geschulten Frauenchor der Hutnäherinnen, denn nicht nur dort muss der Dirigent öfter mal die alles andere als einfache Partitur zwischen Bühne und Graben mit weit ausgreifender Stabgewalt zusammenzwingen. So bleiben durchaus ein paar Fragezeichen stehen – aber doch ein Lächeln, das bis in die Nacht hinein trägt. Das Publikum wird’s lieben.
Semperoper Dresden
Rota: Der Florentiner Hut
Daniele Squeo (Leitung), Bernd Mottl (Regie), Friedrich Eggert (Bühne & Licht), Alfred Mayerhofer (Kostüme), Piotr Buszewski (Fadinard), Alexander Grassauer (Nonancourt), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny), Rosalia Cid (Elena), Neven Crnić (Beaupertuis), Staatsopernchor, Sächsische Staatskapelle Dresden
Termintipp
Sa., 06. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Rota: Der Florentiner Hut
Piotr Buszewski (Fadinard), Alexander Grassauer (Nonancourt), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny), Rosalia Cid (Elena), Daniele Squeo (Leitung), Bernd Mottl (Regie)
Termintipp
So., 14. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Rota: Der Florentiner Hut
Piotr Buszewski (Fadinard), Alexander Grassauer (Nonancourt), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny), Rosalia Cid (Elena), Daniele Squeo (Leitung), Bernd Mottl (Regie)
Termintipp
Mi., 24. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Rota: Der Florentiner Hut
Piotr Buszewski (Fadinard), Alexander Grassauer (Nonancourt), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny), Rosalia Cid (Elena), Daniele Squeo (Leitung), Bernd Mottl (Regie)
Termintipp
Mo., 29. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Rota: Der Florentiner Hut
Piotr Buszewski (Fadinard), Alexander Grassauer (Nonancourt), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny), Rosalia Cid (Elena), Daniele Squeo (Leitung), Bernd Mottl (Regie)




