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Blind gehört Raphaël Pichon

„Wie ich zu Wagner gekommen bin? Über den Rhein“

Raphaël Pichon hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass er weiß, wer singt.

vonPatrick Erb,

Für Alte-Musik-Experten ist die Passions- und Osterzeit eine Zeit der Hochkonjunktur. Dennoch findet Raphaël Pichon vor der Generalprobe seiner „Matthäus-Passion“ in Zürich Zeit für das „Blind gehört“-Interview. Wir treffen ihn dafür in seiner Künstlergarderobe im graurosa Anbau des Opernhauses, der von den Mitarbeitern liebevoll auch Fleischkäse genannt wird.

J. S. Bach: Matthäus-Passion – Können Tränen

Anne Sophie von Otter (Sopran), English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner (Leitung). Archiv Produktion 1989

Ein sehr seltsames Stück. Für mich ist das einer der bewegendsten und zugleich merkwürdigsten Momente der „Matthäus-Passion“. Wir befinden uns mitten in der Kreuzigungsszene. Alles unmittelbar davor ist so gewaltsam, so scharf, so wütend geradezu. Auch das Accompagnato des Alts kurz vor dieser Arie ist von einer enormen Gewalt geprägt: Die Streicher imitieren das Kreuz, die Kreuzigung selbst. Es ist fast wie repetitive Musik, fast wie Philip Glass. Man möchte protestieren, aber man muss akzeptieren. Das macht diese Arie so eigenartig. Das ist Bernarda Fink. Nein? Anne Sofie! Ich bin mit ihr regelrecht aufgewachsen: „Ariodante“ mit Minkowski, die Berg-Lieder, ich war besessen von ihrer Stimme. Beim Dirigenten habe ich allerdings keine Idee. Das ist Gardiner? Natürlich …

Mendelssohn: Ein Sommernachtstraum – Scherzo

Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe (Leitung). harmonia mundi 1993

Ich kenne das wirklich sehr gut, aber ich komme gerade nicht darauf. Der Komponist wirkte in Leipzig? Dann ist es Mendelssohns „Sommernachtstraum“. Es klingt sehr präzise, sehr klar, fast crispy. Ich vermute, dass es keine sehr alte Aufnahme ist. Frühe Neunziger? Wow, gleiche Dirigentengeneration also. Dann ist es Philippe Herreweghe mit dem Orchestre des Champs-Élysées. Ich kenne einige Musiker persönlich, Ageet Zweistra etwa, die Solocellistin. Eine Musikerin mit einem unglaublichen Herzen, einer großen menschlichen Wärme und einer enormen Hingabe. Ich habe sehr viel von ihr gelernt. Mendelssohn steht mir ohnehin sehr nahe. Für mich ist er einer der ehrlichsten Komponisten. Ehrlich und zugleich großzügig.

Vivaldi: Orlando furioso – Sol da te Philippe

Philippe Jaroussky (Countertenor), Ensemble Matheus, Jean-Christophe Spinosi (Leitung). Naïve 2004

Mmh … Vivaldi. Vielleicht „Griselda“ oder nein, „Orlando“. Dann kommt jetzt wahrscheinlich eine Counter-Arie. Ja, ganz klar Philippe Jaroussky! Als ich selbst noch Sänger war und am Pariser Konservatorium studiert habe – ich war im ersten Jahr, er ging gerade –, da war er schon eine Art Star. Man wusste sofort, dass da etwas ganz Besonderes ist: diese Stimme, die Farbe, der Umfang, diese Leichtigkeit in der Höhe. Damals war das wirklich noch revolutionär. Heute hat sich die Idee des Sopranisten viel weiterentwickelt, aber zu dieser Zeit war das extrem selten. Plötzlich war da diese Stimme fast wie aus Kristall, die mühelos in diese extrem hohe Lage geht. Ich erinnere mich ganz genau an das erste Mal, als ich ihn gehört habe. Ich dachte einfach nur: Was ist das für eine Stimme!

Album Cover für Debussy: Pelléas et Mélisande – Pourquoi pleures-tu?

Debussy: Pelléas et Mélisande – Pourquoi pleures-tu?

Vannina Santoni, Alexandre Duhamel, François-Xavier Roth (Leitung). harmonia mundi 2022

Eines der größten Meisterwerke überhaupt. Diese Musik ist eine Kombination aus einer völlig einzigartigen Poesie und einer ganz eigenen, singulären musikalischen Sprache. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich es zum ersten Mal gehört habe. Ich habe es so oft gesehen, auch, weil meine Frau Mélisande singt. Ich glaube das erste Mal war eine Bob-Wilson-Produktion an der Opéra de Paris mit Stéphane Degout. Darf ich nochmal reinhören? Man hat das Gefühl, man öffnet eine vollkommen neue Welt. Und gleichzeitig – das ist das Faszinierende – wirkt diese Sprache unmittelbar. Das ist extrem selten. Sie ist nicht abstrakt oder distanziert, sondern trifft einen direkt. Die Aufnahme ist neuer … Ganz klar Alexandre Duhamel … Vannina Santoni und Les Siècles mit François-Xavier Roth.

Album Cover für Rebel: Les Éléments – Le Cahos

Rebel: Les Éléments – Le Cahos

Le Concert des Nations, Jordi Savall (Leitung). Alia Vox 2016

Jean-Marie Rebel – Le Cahos! Reinhard Goebel! Nein? Es ist wirklich ein großartiges Stück, ich liebe diese Musik. Ich kann aber weder das Ensemble noch den Dirigenten erkennen. Spanisch? Savall? Na dann.

Album Cover für Weber: Ouvertüre zu „Die Beherrscher der Geister“

Weber: Ouvertüre zu „Die Beherrscher der Geister“

Konzert­hausorchester Berlin,
Christoph Eschenbach (Leitung). Alpha 2021

Man hört eine gewisse Distanz im Klang durch die Aufnahmetechnik. Deshalb hätte ich spontan gedacht, es ist keine ganz neue Einspielung. Schwer zu sagen. Freiburger Barockorchester? Kein unabhängiges Orchester also, aber ein deutsches Orchester? Die spielen aber nicht auf zeitgenössischen Instrumenten! Dann eher ein institutionelles Orchester. Aber der Komponist: vielleicht etwas Unbekannteres von Beethoven? Das ist genau diese Art von Repertoire. Man kennt es eigentlich, aber man hört es viel zu selten. Weber? Natürlich! Vermutlich etwas aus dem „Freischütz“, „Oberon“ oder „Euryanthe“. Nicht? „Der Beherrscher der Geister“… mmh, sehr schöne Musik. Aber ein Orchester, das Weber aufnimmt? – Konzerthausorchester mit Eschenbach, interessant.

Album Cover für Rameau: Les Boréades – Songe affreux

Rameau: Les Boréades – Songe affreux

Sabine Devieilhe (Sopran),
Orfeo Orchestra, György Vashegyi (Leitung). Erato 2024

Französisches Repertoire. Rameau. Sabine Devieilhe. Ich erkenne allerdings die Oper gerade nicht. „Acante et Céphise“. Nein? Was ist es? – „Les Boréades“! Ich dachte, es wäre „Acante“, da meine Frau es gerade erst aufgenommen hat. Und das Ensemble: Es ist aus Ungarn … Orfeo Orchestra mit György Vashegyi. Rameau ist mir extrem nah. Wir haben mit Pygmalion den Großteil seiner Tragédies lyriques erarbeitet und uns über mehr als zehn Jahre hinweg intensiv mit dieser Musik beschäftigt. Wir hatten auch ein ganz besonderes Projekt: die Rekonstruktion der verschollenen Oper „Samson“. Daraus ist vor zwei Jahren eine vollständige Bühnenproduktion entstanden mit Klaus Guth. Harmonik, Rhythmus, Instrumentation, Farben, Tanz: Für mich ist Rameau in jeder Hinsicht einer der innovativsten Komponisten überhaupt. Diese Musik kann zutiefst tragisch sein und im nächsten Moment fast komisch.

Album Cover für Mozart: Idomeneo – D’Oreste, d’Aiace

Mozart: Idomeneo – D’Oreste, d’Aiace

Elsa Dreisig (Sopran), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Simon Rattle (Leitung). BR Klassik 2025

Womöglich ist das meine liebste Mozart-Oper. Da ist einfach alles drin. Vielleicht auch deshalb, weil sie der französischen Tragédie sehr nahesteht. Ich glaube, hier findet man die eindrucksvollsten Chorszenen, die Mozart überhaupt geschrieben hat. Und dann dieser Versuch Mozarts, die Regeln der Opera seria zu umgehen, zu unterlaufen – und etwas Neues zu schaffen. Ein Stück, in dem das Drama überall präsent ist. Der Mythos von Idomeneo selbst ist für mich mehr als nur ein antiker Stoff. Es ist keine rein weltliche Geschichte, sie hat etwas zutiefst Spirituelles. Wir haben sie nur einmal gemacht, mit Pygmalion, vor einigen Jahren in Aix-en-Provence. Diese Tiefe, die war ein Schock für mich. Nochmal kurz reinhören … Ja klar: Bayerischer Rundfunk, Simon Rattle, Elsa Dreisig.

Brahms: Serenade Nr. 1 D-Dur op. 11 – Finale: Rondo

Gewandhausorchester Leipzig, Riccardo Chailly (Leitung). Decca 2015

Beethoven. Ziemlich sicher Beethoven. Nein? Den Komponisten soll ich schon dirigiert haben? Niemals! – Vor kurzem erst, sicher? Hilfe. Er hat also auch ein Requiem geschrieben … Brahms. Zweite Sinfonie … vierte Sinfonie … erste Sinfonie? – Ah, die Serenade Nr. 1. Da bin ich wirklich aufs Glatteis geraten. Das Orchester ist ebenso schwer: Orchestre Révolutionnaire et Romantique. Nicht? Wieder ein Deutsches, oder? – Gewandhausorchester, hätte ich nicht gedacht. Ein italienischer Dirigent? Riccardo Muti? Nicht? Puh, darf ich nochmal hören? Gatti. Auch nicht? Riccardo Chailly. Natürlich. Ein wahnsinnig toller Dirigent.

Album Cover für Wagner: Götter­dämmerung – Trauermarsch

Wagner: Götter­dämmerung – Trauermarsch

Pygmalion, Raphaël Pichon (Leitung). harmonia mundi 2016

Wagner, aber nicht „Siegfried“, sondern „Götterdämmerung“. Bam, bam, bam … Der Trauermarsch. Ein wunderschöner Klang. Moment, ist das unsere Aufnahme? Ja, natürlich! Verrückt. – Wie ich zu Wagner gekommen bin? Über den Rhein. Über die Linie Heinrich Isaac, Schütz, Buxtehude, dann Mendelssohn, Brahms, Schumann. Ich hoffe sehr, dass wir uns noch weiter mit Wagner beschäftigen werden. Ich glaube, gerade bei ihm gibt es auf historischen Instrumenten noch unglaublich viel zu entdecken. Das ist ein Feld, das noch lange nicht ausgeschöpft ist.

Purcell: Dido and Aeneas – When I am laid in earth

Jessye Norman (Dido), English Chamber Orchestra, Raymond Leppard (Leitung). Philips 1986

Purcell, „Dido and Aeneas“. Jessye Norman. Sie hat mir als Teenager das Herz gebrochen. Diese Stimme und die Seele dahinter! Der Mensch hinter dieser Stimme. In diesem Moment ist alles andere unwichtig. Es könnte auch eine Bearbeitung für großes sinfonisches Orchester sein – es würde mich genauso treffen. Sie war eine völlig einzigartige Sängerin. Eine immense Künstlerin. – The English Chamber Orchestra ist das also. Wer könnte dann der Dirigent sein, Charles Mackerras? Raymond Leppard – selbstverständlich, der hat so viele Arrangements Alter Musik geschrieben!

Aktuelles Album:

Album Cover für J. S. Bach: Johannes-Passion

J. S. Bach: Johannes-Passion

Julian Prégardien (Evangelist), Huw Montague Rendall (Jesus), Pygmalion, Raphaël Pichon (Leitung). harmonia mundi

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