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Opern-Kritik: Staatsoper Unter den Linden Berlin – Un ballo in maschera

Gefühlswallungen durch Anna Netrebko

(Berlin, 29.3.2026) Die Festtagspremiere von „Un ballo in maschera“ an der Staatsoper Unter den Linden steht ganz im Zeichen von Anna Netrebko als Verdis Amelia. Die Starsopranistin rettet die eher öde Regie von Rafael R. Villalobos.

vonKirsten Liese,

Eben noch fleht sie in erdiger Tiefe um Erbarmen und schon wenige Sekunden später anrührend leise in den Spitzen ihrer glasklaren Kopfstimme, ohne den geringsten Bruch dazwischen. Mit einer Innerlichkeit, die all den Schmerz ihrer Amelia offenbart, an einem finsteren Ort nach einem Kraut suchend, das sie von ihrer heimlichen, unmöglichen Liebe befreien soll. Damit sie ihrem Mann Renato, dem besten Freund des Geliebten, nicht untreu wird. In jeder Note ihrer Szene wird dieser Schmerz spürbar. Anna Netrebko ist das Glanzlicht der Berliner Festtagspremiere, weckt mit ihrem bewegenden, starken Auftritt an der Staatsoper unter den Linden endlich Emotionen in Verdis „Un ballo in maschera“, der bis zu ihrem ersten großen Auftritt stark ernüchtert.

Szenenbild aus „Un ballo in maschera“
Szenenbild aus „Un ballo in maschera“

Personenregie ist Mangelware

Man will sich gar nicht ausmalen, wie diese ansonsten öde Produktion ohne sie bei einer Wiederaufnahme funktionieren soll, ungeachtet des kleinen unverbesserlichen Trupps, der mit einem einzigen Ukraine-Fähnchen vor den Türen der Staatsoper demonstrierte. Denn hässlich anzusehen ist Emanuele Sinisis Bühne, die einen tristen Betonbunker zeigt, auf der es wenig gibt außer verkabelten Fernsehern und einem Auto. Zudem fehlt eine Personenregie, was sich jedoch nahezu als ein Segen erweist, weil sich die Sängerprotagonisten somit dicht an Rampe und Orchester ganz auf die Musik konzentrieren und ihre natürliche Darstellungskraft aus sich selbst schöpfen können.

Nur die mit ihrem imposanten Mezzo aufwartende treffliche Anna Kissjudit kann ihrer Ulrica kein Profil geben, weil Rafael R. Villalobos, der sich in seinem Regiekommentar als ein Freund von „Cancel Culture“ outet, ihre Figur aufgespalten hat. Zwar hat er die vielfach falsch gedeutete Passage „dell’immondo sangue dei negri“ (vom unreinen Blut der „Neger“), die keineswegs Verdi als Rassisten entlarvt, sondern den ignoranten Richter im Stück, nicht gestrichen. Dafür verwirrt er die Zuschauer unnötig mit einer zweiten Ulrica, gespielt von einer Schwarzen, die vor Fernsehkameras Tarot-Karten legt und so tut, als würde sie die Rolle singen.

Szenenbild aus „Un ballo in maschera“
Szenenbild aus „Un ballo in maschera“

Oscar als Transgenderfigur

Die krude Umdeutung des Oscar erweist sich als ebenso entbehrlich, wird er doch nach dem Willen des Regisseurs zu Amelias und Renatos Sohn und einer Transgenderfigur, die nach der Geburt in die Identität eines Mädchens gezwungen wurde. Das aber stellt die Regie nicht einmal klar heraus; wer den Kommentar im Programmheft nicht gelesen hat, wird sich vermutlich nur darüber gewundert haben, dass Enkeleda Kamani den Pagen überwiegend als ein junges Mädchen mit hellem Zwitschersopran anlegt und erst unverhofft zum finalen Ball doch noch in die Hosen schlüpft.

Szenenbild aus „Un ballo in maschera“
Szenenbild aus „Un ballo in maschera“

Fade Optik

Da hatte es Amartuvshin Enkhbat als Amelias Ehemann Renato deutlich besser, der die Achterbahnfahrten seiner Gefühle authentisch durchleben und zu einem Tragöden steigern durfte, unglücklich in der Erkenntnis, dass er die Beziehung zwischen seiner Frau und Riccardo falsch eingeschätzt und den Freund unschuldig ermordet hat.

Weniger erfüllten sich die hohen Erwartungen an Startenor Charles Castronovo, der den Amelia so leidvoll begehrenden Staatsmann Riccardo zwar mit großer Stimme singt, aber in der Höhe wenig Strahlkraft aufbieten kann. Nur im Duett mit Anna Netrebko im zweiten Akt läuft er, mitgerissen von ihrer Leidenschaft und der Schönheit ihres Timbres, zur Hochform auf, da singen beide ebenbürtig auf Augenhöhe. Der Strudel großer Gefühlswallungen lässt sogar die fade Optik vergessen, wobei die beiden auch darstellerisch zutiefst berühren von jenem Moment an, wenn er sie bedrängt, ihm ihre Liebe zu bekennen, sie ihm – zunächst noch geplagt vom schlechten Gewissen – ausweicht, bis die Dämme brechen.

Szenenbild aus „Un ballo in maschera“
Szenenbild aus „Un ballo in maschera“

Große Oper

Das ist große Oper, das wird man so bald nicht wieder so hören. Und in solchen Momenten höchster Leidenschaft korrespondiert die Musik aus dem Graben am stärksten mit der Szene. Über eine achtbare, solide Leistung kommt der für die musikalische Leitung zeichnende Enrique Mazzola allerdings nicht hinaus. Selten einmal, nur zu Beginn des letzten Akts mit dem Einsatz der Kontrabässe, lässt sich ein Piano vernehmen, zudem tönen die für Verdi so typischen Begleitfiguren oftmals viel zu beschwingt, wo sie eigentlich sarkastisch oder ironisch gemeint sind. Aber welcher Dirigent versteht sich schon auf solche Feinheiten außer dem genialen Riccardo Muti, der die Oper 2025 mit all den dramatischen Subtexten in Turin auslotete, die in Berlin fehlten?

Ohne Netrebko hätte diese Premiere zum Fiasko werden können. Soll noch jemand sagen, die Russin befände sich im reiferen Alter von 54 Jahren nicht mehr im Zenit ihrer Karriere. Sie steht mittendrin. Der Jubel galt allein ihr.   

Staatsoper Unter den Linden Berlin
Verdi: Un Ballo in Maschera

Enrique Mazzola (Leitung), Rafael R. Villalobos (Regie), Emanuele Sinisi (Bühne), Lorenzo Caprile (Kostüme), Felipe Ramos (Licht), Cachito Vallés (Video), Javier Pérez (Choreographie), Dani Juris (Chor), Olaf A. Schmitt (Dramaturgie), Charles Castronovo, Amartuvshin Enkhbat, Anna Netrebko, Anna Kissjudit, Enkeleda Kamani, Carles Pachon, Manuel Winckhler, Friedrich Hamel, Junho Hwang, Michael Kim,  Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin




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