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Opern-Kritik: Theater Basel – Donnerstag aus Licht

Kosmisch geerdet

(Basel, 25.6.2016) Titus Engel und Lydia Steier schenken dem Musiktheater vielleicht ein neues Repertoirestück

vonAndreas Falentin,

Dass die Stücke aus Stockhausens Licht-Zyklus derart selten auf den Bühnen zu erleben sind, liegt an den enormen künstlerischen und technischen Anforderungen, die diese einmaligen, fast in jeder Hinsicht hochkomplexen Musiktheaterentwürfe stellen. Das Theater Basel hat sich jetzt an Donnerstag aus „Licht“, das älteste, 1981 in Mailand uraufgeführte und erst einmal, 1985 in London, nachgespielte Werk der Heptalogie gewagt – und die selbstgewählte Herausforderung glänzend bestanden!

 

Back to the roots: Die seligen 70er-Jahre

 

Vom „Gruß“ im Foyer des Theaters bis hin zum „Abschied“, den der Zuschauer auf dem Theatervorplatz entgegen nimmt, vergehen inklusive zweier Pausen fast sechs Stunden. Schon mit jenem „Gruß“ macht die Regisseurin Lydia Steier unmissverständlich klar, was sie im Sinn hat. Sie will Stockhausens immer wieder ins Kosmische strebende Dramaturgie erden. Wir sehen psychedelisch angehauchte junge Menschen mit Pilzkopf-Frisuren, Samtanzügen und E-Zigaretten, die den Raum durchstreifen und schließlich in einer Dekoration Platz nehmen, die für eine Fernsehshow-Big-Band der seligen 70er gut passen würde. Das anschließende Kurzkonzert ist, einschließlich des Dirigenten Titus Engel, fast rührend verschroben inszeniert. Wir sind in der Entstehungszeit des Werkes angekommen.

 

Stockhauses Biografie in magisch verdichteter Konzentration

 

Immer wieder werden im Verlauf des langen Abends derlei ironische Momente aufblitzen, die oft mit Momenten aus der Komponistenbiographie kurzgeschlossen scheinen. Gerade im Donnerstag erscheint das als produktives Verfahren, da hier die Aufarbeitung der eigenen Biographie zumindest ein Schwerpunkt von Karlheinz Stockhausens musikalischer Dramaturgie ist. Die große Leistung der Regisseurin ist es, in jedem der drei Akte – zu Beginn des ersten, jeweils zum Ende des zweiten und dritten – Momente geradezu magisch verdichteter Konzentration zu erreichen, die in dieser Intensität auf der Musiktheaterbühne nur höchst selten zu erleben sind. Britta Ehnes hat einen geschlossenen Glaszylinder auf die Bühne gestellt, der sich nach oben weitet und von einem Band begrenzt wird, über das die Videos und Muster von Chris Kondek laufen. Oft finden in und um den Zylinder herum aufeinander bezogene, aber unabhängig voneinander wahrzunehmende Aktionen statt. Dazu die Projektionen, Gemälde, Tänzer, im zweiten Akt das Orchester, im dritten Akt der Chor auf der Bühne. Und nichts wirkt beliebig.

 

Dream-Team Lydia Steier und Titus Engel

 

Zum einen, weil Titus Engel eine große, bewunderungswürdige Leistung bringt. Als Koordinator, der allen Beteiligten Präzision ermöglicht und Sicherheit schenkt. Als Klangmagier, unterstützt von Stockhausens Muse Kathinka Pasveer als Klangregisseurin, der das ganze Theater in Stockhausens Akustik taucht. Und als genuiner Musiker, der differenziert und sinnlich wie selten zeigt, wie viel lyrische Emphase, vor allem aber wie viel dramatische Kraft in dieser Musik steckt. Zum anderen, weil Lydia Steier die Vision des Komponisten ernst nimmt, ohne seinen Ideen sklavisch zu folgen.

 

Brennend intensives Bekenntnis zur Menschenliebe

 

So setzt sie die Orchesterspieler im zweiten Akt ohne Pinguinkostüme auf die Bühne und versucht eine Erdung der Geschichte des Michael, lässt ihn seine Weltreise nicht durch die Luft, sondern im Kopf machen. Das streift durchaus mehr als einmal Regietheaterklischees, mündet aber im hinreißend zarten, ungesungenen – der ganze zweite Akt ist ein Trompetenkonzert – Moment der Wiederbegegnung von Eva und Michael, im Glaskäfig gespiegelt durch die sanfte Begegnung von Bassetthorn und Trompete.

 

Peter Tantsits und Anu Komsi, die im ersten Akt ungeheuer prägnant gesungen hatten, rühren hier durch gänzlich unaffektiertes stummes Spiel. Wie Rolf Romei als zweiter Michael im Himmels-Akt, als er, still stehend, das Gesicht schwarz-weiß auf das Drehband projiziert, in leisen, brennend intensiven Tönen, sein – und wohl auch Stockhausens – Bekenntnis zur Menschenliebe an sich singt, tänzerisch übersetzt in Stockhausens Gesten von der Tänzerin Emmanuelle Grach, geleitet von dem fantastischen Trompeter Paul Hübner. Hier denkt man unwillkürlich an den Anfang zurück, als im Glaskasten Statisten mit Puppenköpfen immer wieder den Kindergeburtstag in der Kleinfamilie stilisierend wiederholen, während der Sohn zwischen seiner zärtlichen, aber oberflächlichen Mutter und dem nach Jagd, Krieg und Volkslied gierenden Vater – Michael Leibundgut ist ein Luzifer-Bass mit dämonischer Wucht – verzweifelt Lebensorientierung sucht.

 

Man zieht beglückt in die Nacht

 

Kurz nach halb zehn treten die Zuschauer auf den Theatervorplatz hinaus, und von den Balkons der Museen und Kirchen in der Nähe werfen sich Trompeter noch einmal Töne zu, die in Stockhausens „Superformel“ Michael zugeschrieben sind, dem hellen, freundlichen Mann. Man zieht beglückt in die Nacht und hofft, dass diese auch von den hier nicht persönlich erwähnten Künstlern mit schier unglaublichem Enthusiasmus und Ausdruckskraft getragene Aufführung dazu führen möge, dass die Opernbühnen Karlheinz Stockhausen endlich als führenden Musiktheaterkomponisten wahrnehmen – und regelmäßig aufführen!

 

Theater Basel

Stockhausen: Donnerstag aus Licht

 

Titus Engel (Leitung), Lydia Steier (Regie), Britta Ehnes (Bühne), Ursula Kudrna (Kostüme), Chris Kondek (Video), Olaf Freese (Licht), Kathinka Pasveer (Klangregie), Henryk Polus (Chor), Peter Tantsits, Anu Komsi, Michael Leibundgut, Rolf Romei (Sänger), Paul Hübner, Merve Kazokoglu, Stephen Menotti, Innhyuck Cho, Markus Forrer, Emilie Chabrol, Romain Chaumont (Solo-Musiker), Emmanuelle Grach, Evelyn Angela Gugholz, Eric Lamb (Tänzer), Chor des Theaters Basel, Sinfonieorchester Basel

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