Opern-Feuilleton: Zum 100. Geburtstag von Maria Callas

Singen aus dem Geist des Dramas

Die Welt der Oper gedenkt der bedeutendsten Sängerin aller Zeiten: Im Dezember wäre Maria Callas hundert Jahre alt geworden.

© Erio Piccagliani

Verehrt, ach was, vergöttert: Maria Callas

Verehrt, ach was, vergöttert: Maria Callas

Mit Gewissheit steht nur fest, wann die bedeutendste Sängerin aller Zeiten starb: am 16. September 1973 in ihrem Pariser Appartement – offiziell an einem Herzinfarkt, für ihre weltweite Fangemeinde aber an gebrochenem Herzen, vereinsamt, abgestürzt, weit weg vom über hochfliegende Karriere­jahrzehnte gewohnten Glamour einer Diva. Um den Tag ihrer Geburt allerdings ranken sich Legenden: Ihr Pass verzeichnete den 2. Dezember 1923, das Geburtsregister von New York, wohin ihre griechischen Eltern ausgewandert waren, weist den 3. Dezember aus, ihre Mutter aber insistierte, sie habe ihre kleine Maria am 4. Dezember zur Welt gebracht.

Das Gedenken an Maria Callas anlässlich ihres hundertsten Geburtstages darf man somit ausdehnen und sich nicht an einem, sondern an möglichst vielen Winterabenden mit der unvergleichlichen Primadonna assoluta beschäftigen. Dazu laden ihre Studioaufnahmen so sehr ein wie die Live-Mitschnitte ihrer Auftritte, die Vielzahl der Biografien, ihr 1969 mit Pier Paolo Pasolini gedrehter „Medea“-Film oder die Dokumentar- und Spielfilme über sie. Jüngst schlüpfte Angelina Jolie in Kostüme, die den Originalen der Opernsängerin nachempfunden sind, der chilenische Regisseur Pablo Larraín drehte mit ihr fürs Kino das Biopic „Maria“. Wieviel von der authentischen Maria Callas, ihren Geheimnissen, ihren Abgründen eines bestenfalls momentweise erfüllten Privatlebens darin enthüllt werden wird, bleibt abzuwarten.

Maria Callas definierte das Ideal des Schöngesangs neu

Halten wir uns also doch lieber an die verfügbaren Dokumente ihrer Kunst – und für einen Moment nur an nackte Zahlen: 605 Aufführungen hat die Callas gesungen. Das ist nicht unbedingt viel, vergleicht man es mit den von Kontinent zu Kontinent jettenden Opernstars der Gegenwart. Ganze 89 dieser kostbaren Abende widmete sie der unglücklich in einen römischen Besatzer verliebten Drui­denpriesterin Norma in Bellinis gleichnamiger Belcanto-Oper, die sie prägte wie keine Sängerin vor oder nach ihr.

© Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images

Maria Callas hat ganze 605 Aufführungen gesungen

Maria Callas hat ganze 605 Aufführungen gesungen

Maria Callas hat ganze 605 Aufführungen gesungen

Denn La Callas definierte das Ideal des Schöngesangs, wie es der Belcanto direkt übersetzt verlangt, vollkommen neu: Nicht mehr der pure (und sonst oft langweilige) Liebreiz fein ziselierter Linien, Verzierungen und Spitzentöne stand bei ihr im Fokus, sondern die skrupulöse Suche nach sängerischer Wahrheit, nach dem Bedeutungsgehalt einer Koloratur, nach dem tragischen Gehalt eines Tons. Schön im antik klassischen oder vokal glatt polierten Sinne mussten diese Töne dann nicht mehr sein. Frühe Kritiker der Callas attestierten ihr gar ausdrücklich eine hässliche Stimme, mit der sie mitunter bewusst auf Schärfe statt auf Schmelz setzte – und die Menschen doch so viel tiefer berührte, als all die gut gebauten, verlässlichen, allzeit funktionierenden Singmaschinen, die das Operngeschäft der Gegenwart weitgehend dominieren.

Heimliche Mutter des modernen Musiktheaters

Das Singen der Callas wurde eben stets aus dem Geist des Dramas, dem Atem des Theaters geboren – und nicht nur aus einer makellosen Technik. So konnte neben dem neu erfundenen Belcanto auch der Verismo zu ihrer Domäne und Puccinis Tosca zu einer weiteren Signetpartie mutieren. Und so konnte sie mit ihrem untrüglichen Gespür für alles Tragische, einer entsprechend riesigen Ausdruckspallette und einer wirklich großen Stimme in einer erstaunlichen Umkehrung heutiger Karrieren, die lyrisch beginnen und ins dramatische Fach streben, bereits als junge Sängerin im Italien der Jahre 1949 und 1950 Wagners Isolde, Kundry und Brünnhilde in „Die Walküre“ singen.

Die als Diva verherrlichte Künstlerin mochte noch der Romantik des 19. Jahrhunderts verhaftet sein. Als Sängerdarstellerin aber ist Maria Callas die heimliche Mutter des modernen Musiktheaters. Weil sie mit den Heldinnen der Norma, Medea und Violetta so verletzliche wie starke, so absolut heutig hochkomplexe Frauenfiguren schuf. Niemand singt heute wie die Callas. Und doch hinterlässt sie, in ihren Aufnahmen lebendig, das unerreichbare Modell eines Gesangs, der nach Wahrheit, nach Wissen, nach Erkenntnis strebt.

concerti-Tipp:

Callas – Paris, 1958 (Tom Volf)
Ab 2.12.2023 in ausgewählten Kinos in Deutschland
Weitere Infos auf www.mariacallas.film

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