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Opern-Kritik: Macerata Opera Festival – Otello

Big Brothers Bariton-Gift

(Macerata, 5. August 2016) Im Mutterland der Oper gibt es eben doch den weltbesten Verdi zu hören

vonPeter Krause,

Es ist ein Gewitter wie aus dem Bilderbuch, das sich an diesem Abend entlädt. Passender lässt sich ein Vorspiel auf dem Theater unter freiem Himmel nicht inszenieren. Gerade eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn von Verdis Meisterwerk geht das Unwetter nieder. Deutsche Besucher des Macerata Opera Festival in den italienischen Marken fürchten schon, dass es mit dem Drama um den Mohren Otello, seine angebetete Desdemona und den finsteren Intriganten Jago an diesem Abend nichts mehr werden würde. Doch komplette Vorstellungsausfälle kennt man in der Arena Sferisterio fast nie. Um kurz vor neun verziehen sich die Wolken, dienstbare Geister verteilen kurzerhand Tücher ans Publikum, mit denen sich die Sitze im 4000 Plätze fassenden Arena-Halbrund flugs trocknen lassen. Mit nur wenigen Minuten Verspätung kann der nächste Sturm losgehen. Giuseppe Verdi hat ihn wirkungsmächtig komponiert – als furisoe Einstimmung auf den beispiellosen Sturm der Leidenschaften, den er hier musikalisch beschwört.

 

Der Chor des Traditionsfestivals ist eine einsame Wucht

 

Der Chor des Festivals entfesselt ihn. Die stimmstarken Damen und Herren aus der Region, die sich ein ganzes Jahr auf die drei Opern der Festspielsaison vorbereiten, sind eine einsame Wucht. Körperliche Durchschlagskraft und berührendes Pianissimo, Deklamationsschärfe und Legatoempfinden verbinden sich in diesem Spitzenensemble auf seltene Weise. Dazu setzt Riccardo Frizza am Pult des Orchestra Regionale delle Marche auf rhythmische Agressivität, fantastische Farben und nicht zuletzt in den Desdemona-Szenen auch auf eine kammermusikalische Intimität, die sich dankt der Traumakustik der Arena auch herrlich entfalten kann.

 

Wenn Heldentenor-Schwergewicht Stuart Neill die Göttin der Liebe anruft

 

Kann es besseren Verdi zu hören geben als hier im Mutterland der Oper? Während die großen internationalen Opernhäuser längst einen Bogen um Verdis Spätwerk machen, zumal, weil es in der Ära nach dem Über-Otello Plácido Domingo sehr schwer und sehr teuer geworden ist, den schwarzen Helden mit einem adäquaten Heldentenor zu besetzen, zeigt das Traditionsfestival, wie man das schwere Verdi-Fach heute besetzt. Der Amerikaner Stuart Neill ist keine Verlegenheitslösung, sondern in jeder Hinsicht ein Schwergewicht – mit dunkler Mittellage und enormer Durchschlagskraft, das im heiklen Duett mit Desdemona freilich mühelos sein Mezza Voce einsetzt und das den ersten Akt beschließende, verzückt die Göttin der Liebe anrufende “Venere splende” stupende ins Piano zurücknimmt. Herrliche Lyrismen verströmt dazu Jessica Nuccio als böse geschlachtetes Unschuldslamm Desdemona. Ihr delikates Vibrato schwingt frei und natürlich, die junge Sizilianerin gibt zudem eine angenehm klischeefreie Desdemona – selbstbewusst dafür eintretend, dass Otellos Verdacht ihrer Untreue jeder Grundlage entbehrt.

 

Roberto Frontali stimmt sein satanisches Credo eines grausamen Gottes an

 

Treibende Kraft des Bösen ist in der Inszenierung von Paco Azorín der Jago des Roberto Frontali –  einmal weit mehr als gewohnt. Sein satanisches Credo eines grausamen Gottes stimmt er in Macerata in Begleitung von gleich sechs lemurenhaften Kumpanen an, seinem Vernichtungswerk assitierenden jungen Kerlen des Bewegungschores, die für eine bedrohliche Allgenwart der Vernichtung sorgen. Roberto Frontali senkt sein Bariton-Gift der Intrige so geschmeidig und zunächst fast unmerklich in Otellos komplexbeladene Seele, dass sich dessen Wirkung umso perfekter entfalten kann. Dieser Big-Brother-Bösewicht, der alles hört und sieht, ist so erfolgreich, weil er subtil agiert, den Fortgang der Handlung ruhig beobachtet und gleichsam zwei Gesichter hat: als psychologisch gebildeter Edelmann der guten Manieren des Bösen trägt er einen blauen Wams, unter dem sich sein wahres Selbst als private schwarze Robe verbirgt, die auch seine Gehilfen – freilich in punkiger Underdog-Abwandlung – tragen. Ja, diese Oper muss gar nicht Otello, sie könnte auch Jago heißen, das machen der Regisseur und sein idealer Interpret exakt deutlich. Otello mutiert so zum Antihelden, der in seiner Gebrochenheit eines Reagierenden das Heft des Handelns schon bald aus der Hand gibt. Klare, farbenpralle Bilder und wellenbewegte, immer wieder blutrote Projektionen schärfen den Sog zum doppelt tödlichen Ende hin.

 

Macerata Opera Festival

Verdi: Otello

 

Riccardo Frizza (Leitung), Paco Azorín (Regie), Stuart Neill, Jessica Nuccio, Roberto Frontali

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