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Interview Xavier de Maistre

„Das Konzert muss eine Oase der Schönheit, aber auch des Zusammenhalts sein“

Der französische Harfenist Xavier de Maistre spricht über die Bedeutung von Kultur und Klassik und seine Rückkehr zu Händels Musik.

vonPatrick Erb,

Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt der gebürtige Franzose Xavier de Maistre, der längst weltweit verwurzelt ist, zu den prägenden Persönlichkeiten seines Fachs und ist auf den bedeutendsten Klassikbühnen der Welt zu Hause. Als ehemaliger Soloharfenist renommierter Orchester sammelte er Erfahrungen, die er heute als Professor an die nächste Generation weitergibt.

Das letzte Interview mit concerti fand während der Pandemie 2020 statt, als Sie Porträtkünstler des Schleswig-Holstein Musik Festivals waren. Damals zeigten Sie sich besorgt, dass die Kunst zu wenig Beachtung findet. Hat sich Ihr Blick darauf mittlerweile geändert?

Xavier de Maistre: Ich war zunächst schockiert, wie unlogisch viele Entscheidungen damals getroffen wurden. Lebendige Kunst war in Deutschland zur Nebensache degradiert. Andere Bereiche, etwa die Gastronomie, wurden deutlich besser behandelt. Andererseits hat Deutschland eine sehr großzügige Politik zugunsten der Veranstalter betrieben: Die Häuser bekamen Subventionen, auch unabhängige Künstler konnten weiter Geld verdienen. Langfristig haben wir aber Konzertbesucher verloren, vor allem ältere Menschen, die sich aus dem Konzertleben zurückgezogen haben. Zugleich ist ein neues Publikum herangewachsen, das sehr gezielt bestimmte Formate besucht.

Krisen und einschneidende Ereignisse wird es wohl immer geben. Wie können Kultur und Klassik Resilienz aufbauen?

Maistre: Indem wir unsere Notwendigkeit unter Beweis stellen und zeigen, dass es Nachfrage gibt. Unsere Aufgabe als Künstler ist es, das Publikum besser zu verstehen, Programme anzupassen und die Menschen mitzunehmen. Wenn wir unsere Konzertsäle füllen, ist das die beste Garantie, ein gewisses gesellschaftliches Gewicht zu behalten. Gerade in Krisenzeiten, in denen viele Menschen besorgt sind – und ich bin es selbst täglich, wenn ich die Zeitung aufschlage – muss das Konzert eine Oase der Schönheit, aber auch des Zusammenhalts sein.

Populistische Strömungen haben die Kunst als Plattform für politische Agenden (wieder-)entdeckt. So inszeniert etwa Giorgia Meloni den Futurismus als glanzvolle Epoche Italiens in der beginnenden Moderne. Wie sehen Sie das?

Maistre: Europa ist für mich das schönste Projekt des 20. Jahrhunderts, und ich war sehr stolz, schon in jungen Jahren daran mitgewirkt zu haben. Populismus entsteht, glaube ich, aus Angst vor Veränderung und aus einer Medienwelt, die kein logisches Gesamtbild mehr zulässt. Dass Kunst vereinnahmt wird, hat es immer gegeben. Beunruhigend ist es aber, wenn die Protagonisten kein echtes Interesse an Kunst haben und Vielfalt auf ein vorgefertigtes Idealbild reduzieren. Da müssen wir Künstler mit lebendiger Kunst den angestaubten Weltbildern etwas entgegensetzen.

Das klassische Konzert gilt zunehmend als elitär und einem kleinen Kreis vorbehalten. Andererseits erreichen Künstlerinnen wie Anna Lapwood über Social Media ein riesiges Publikum. Wohin muss sich die Klassik öffnen?

Maistre: Das ist eigentlich ein altes Phänomen. Schon André Rieu hat mit seiner Musik viele Menschen begeistert. Klar, Instagram ist ein gutes Instrument, um Leute zu informieren. Aber heißt das, wir müssen dauerhaft nur noch Fünf-Sekunden-Videos posten? Manche Künstler passen zu diesem Format, und das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist, dass es authentisch bleibt. Mir fehlt allerdings noch die Brücke, wie man Menschen dadurch an die Vielfalt der Klassik heranführt. Für mich ist entscheidend, dass die Leute auch etwas hören, für das sie nicht gekommen sind. Veranstalter sollten mutigere Programme wagen, auch kürzere Formate. Wenn Konzerte nur das Offensichtliche und Populäre bieten, wird der Gestaltungsrahmen – und damit der ästhetische Horizont – eng. Ich habe mit meinem Instrument das Glück, dass es immer viel zu entdecken gibt.

Auch die Vermarktung der eigenen Person ist heute wichtiger denn je. Wo ziehen Sie Grenzen?

Maistre: Das muss jeder für sich entscheiden. Für mich kommt das nicht in Frage. Abseits der Bühne ist mein Leben absolut privat, und ich setze mich nicht gerne in Szene. Aber wenn Kollegen damit umgehen können, warum nicht? Wichtig ist nur, dass der Druck nicht zur Selbstaufgabe führt.

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Sie haben sehr schnell Karriere gemacht: Mit 22 wurden Sie Solo-Harfenist beim Bayerischen Rundfunk, mit 24 bei den Wiener Philharmonikern. Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Maistre: Nicht wirklich. Ich war immer ungeduldig, ehrgeizig und wollte die höchste Qualität und das beste Orchester. Solche Stellen sind selten, da darf man die Chance nicht verpassen. Was ich ein wenig bereue, ist, mein Politik- und Wirtschaftsstudium nicht abgeschlossen zu haben. Zwei Jahre haben gefehlt, und deshalb habe ich keinen Abschluss. Das ist schade, weil mich geopolitische Fragen sehr interessieren. Aber damals kamen Vorspiel und Stelle dazwischen. Was allerdings stimmt: Über Jahrzehnte hätte ich nicht bei den Wienern bleiben können, das wäre ermüdend gewesen. Abwechslung ist mir da sehr wichtig. Ich bin dankbar, dass sich mein Leben so vielfältig weiterentwickelt hat.

Hat auch an der London School of Economics und dem Pariser Institut d'Études Politiques studiert: Harfenist Xavier de Maistre
Hat auch an der London School of Economics und dem Pariser Institut d’Études Politiques studiert: Harfenist Xavier de Maistre

Mit 28 übernahmen Sie eine Professur an der HfMT Hamburg. Wie hat sich Ihre Lehre seitdem verändert?

Maistre: Ich unterrichte heute anders. Ich kann Studierenden viel besser helfen, ihre eigenen Vorstellungen auszuprobieren, und habe die richtigen Rezepte schneller parat. Ihre emotionale Entwicklung zu begleiten, begeistert mich. Nur bei den technischen Aspekten, wo vieles nun mal gleichbleibt, bin ich noch ungeduldiger als früher – das müssen sie schnell begreifen. Schön ist, dass sich die Harfe inzwischen völlig vom Klischee des Weiblichen gelöst hat. Heute unterrichte ich in Hamburg genauso viele männliche wie weibliche Harfenisten.

Ihre Diskografie reicht von virtuosen Transkriptionen wie Smetanas „Moldau“ über romantische und moderne Harfenkonzerte bis zu Duos mit Rolando Villazón. In Ihrem neuen Album wenden Sie sich Händels Harfenkonzerten zu – absolute Klassiker des Repertoires. Wie kam es zu dieser Rückbesinnung?

Maistre: Händel war die erste Schallplatte, die mir meine Lehrerin schenkte. Schon bei meinem Label-Vertrag wollte ich diese Konzerte aufnehmen. Doch weil die Werke so populär sind und es unzählige Einspielungen gibt, habe ich gewartet bis ich davon überzeugt war, dass meine Fassung etwas Neues bringen kann. Außerdem brauche ich nicht mehr zu beweisen, wie vielfältig die Harfe ist. Heute spiele ich die Konzerte ganz anders als mit 20 – mit neuen Ornamentierungen und hochvirtuosen Fassungen. Diese Freiheit bietet fast nur die Barockmusik.

Und das Ergebnis?

Maistre: Es hat mir große Freude bereitet. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich für diese Werke noch einmal so sehr begeistern könnte. Mit den Festival Strings Lucerne ist es eine wunderbare Aufnahme geworden. Wenige Ensembles spielen Barockmusik so kenntnisreich auf modernen Instrumenten – das passt sehr gut zu mir. Ich hoffe, das Album zeigt, welch gestalterische Bandbreite in diesen Konzerten steckt.

Lehre, Konzertwesen, Albumprojekte – wo bleibt da noch Platz für Work-Life-Balance?

Maistre: Ich plane meine Saisons heute ganz anders. Es gibt Phasen intensiver Arbeit – im Dezember etwa spiele ich 22 Konzerte, so viele wie nie zuvor – und danach einige Wochen Erholung. Das ist anstrengend, aber notwendig, um motiviert zu bleiben. Nur so habe ich Zeit für neue Projekte, schöne Orte der Welt zu sehen – und im Sommer auch einmal mein Haus auf Sardinien.

Aktuelles Album:

Album Cover für Händel

Händel

Händel: Harfenkonzerte, Passacaglia HWV 432, Tema con variazioni u. a.. Xavier de Maistre (Harfe), Festival Strings Lucerne, Julien Quentin (Leitung).
Sony Classical

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