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Oper im Porträt

Mozart: Le nozze di Figaro

Mozarts „Le nozze di Figaro“ gilt bis heute als eine der rasantesten und pointiertesten Komödien des Musiktheaters – mit durchaus gesellschaftskritischer Brisanz.

vonAndré Sperber,

Mehr als hundert verschiedene Textbücher hatte Wolfgang Amadeus Mozart laut eigener Aussage durchgesehen, bevor er endlich ein geeignetes Libretto für sein neues Opernvorhaben fand. Eine wahre Mühsal: „Ich habe fast kein einziges gefunden mit welchem ich zufrieden seyn könnte“, schrieb er 1783 an seinen Vater Leopold. Möglicherweise erwies sich die Suche nach einer Vorlage aber auch deshalb als so schwierig, weil Mozart schon zu jener Zeit konkrete Vorstellungen im Kopf hatte: Zwei „gleich gute frauenzimer Rollen“ solle das neue Werk enthalten, die eine „Seria“ die andere „Mezzo Carattere“, vor allem aber sollte das Ganze eines sein: „Comisch“.

Nun, man kann sagen, es ist ihm durchaus gelungen. „Le nozze di Figaro“ ist noch immer eine der rasantesten, lebendigsten und pointiertesten Komödien des Musiktheaters. Schon bei der starbesetzten Uraufführung am 1. Mai 1786 herrschte im Wiener Burgtheater rege Begeisterung, die kurze Zeit später sogar in einem Da-capo-Verbot gipfelte, ausgerufen durch den österreichischen Kaiser Joseph II. höchstselbst. Die vom Publikum offenbar zu häufig verlangten Wiederholungen einzelner Ensemblenummern zogen die dadurch ausartenden Aufführungsabende wohl in ungewollte Längen.

Die Uraufführung von „Le nozze di Figaro“ im Jahr 1786 brachte dem Komponisten großen Erfolg ein
Die Uraufführung von „Le nozze di Figaro“ im Jahr 1786 brachte dem Komponisten großen Erfolg ein.

Für Figaro ins Gefängnis

Dass Mozart ausgerechnet mit dieser zunächst auftragslos begonnenen Opera buffa derartige Erfolge erzielte, mag überraschen. Steckte doch die literarische Vorlage, für die er sich schließlich nach langem Suchen entschieden hatte, voll revolutionärer, zu jener Zeit bei den Obrigkeiten sehr ungern gesehener politischer Brisanz: „La folle journée ou Le mariage de Figaro“ (Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro) von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais entstand quasi am Vorabend der Französischen Revolution. Die komödiantisch verpackte, aber offene Gesellschaftskritik, die die feudalen Missstände und Machtmissbräuche durch den Adel unverhohlen aufzeigt, war Auslöser diverser Skandale, die dem französischen Autor sogar einen kurzfristigen Aufenthalt im Gefängnis bescherten.

„Figaro“-Erfinder Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais musste für sein Werk ins Gefängnis ( Druckgrafik um 1785)
„Figaro“-Erfinder Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais musste für sein Werk ins Gefängnis (Druckgrafik um 1785).

In Wien hatte man die Aufführung der „Hochzeit des Figaro“ derweil gänzlich untersagt. Unter anderem versuchte Theaterdirektor und späterer „Zauberflöten“-Librettist Emanuel Schikaneder das Werk auf die Bühne zu bringen, scheiterte jedoch an der kaiserlichen Zensur. Trotzdem ließ sich Mozart nicht von seinem Vorhaben abbringen, ausgerechnet diesen heiklen Stoff zu vertonen. Grund dafür war sicherlich auch die Tatsache, dass der italienische Komponist Giovanni Paisiello sich gerade erst (und damit über dreißig Jahre vor Rossinis Kassenschlager) mit seinem „Barbiere di Siviglia“ einen großen Namen in Wien gemacht hatte. Der „Barbier“ wiederum, ebenfalls Beaumarchais’ Feder entsprungen, bildet die Vorgeschichte zur „Hochzeit des Figaro“, so dass Mozart sich hier wohl einen klassischen Fortsetzungserfolg errechnete – was letztlich ja auch gelang. Beaumarchais weitete seine Geschichte über den gewieften Frisör aus Sevilla später sogar noch zu einer Trilogie aus. Wer also wissen möchte, wie es nach dem herzenswarm-versöhnlichen, aber in seiner Harmonie doch irgendwie trügerischen Ende (es gab ja doch einige Vertrauensbrüche bei dem ganzen Verwechslungschaos) von „Le nozze di Figaro“ mit dem Titelhelden und seiner Susanna, sowie mit dem Grafen Almaviva und seiner Gattin Rosina weitergeht, erfährt dies in Beaumarchais’ weniger erfolgreichem Bühnenstück „La mère coupable“ (ein alternatives Ende hält zudem Ödön von Horváth 150 Jahre später mit seiner Komödie „Figaro lässt sich scheiden“ parat).

„Was nicht erlaubt ist, gesagt zu werden, wird gesungen“

Doch zurück zu Mozarts „Figaro“. Dass diese Oper nicht der strengen Zensur der monarchischen Regierung zum Opfer fiel, hat der Komponist wohl in erster Linie dem seinerzeit sehr angesehenen Librettisten Lorenzo Da Ponte zu verdanken, den Mozart wenige Jahre zuvor kennengelernt hatte. Der „Figaro“ war ihre erste gemeinsame Arbeit, mit „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ sollten zwei weitere äußerst erfolgreiche folgen. Da Ponte schaffte es, den Stoff von Beaumarchais so geschickt einzupassen und zu entschärfen, dass er bei der Zensur durchgewunken wurde. Und das, obwohl der gesellschaftskritische Kern des Ganzen erstaunlicherweise dennoch erhalten blieb: Mit Figaro und Susanna steht ein bürgerliches Liebespaar im Mittelpunkt des Geschehens, das wiederum mit dem moralisch verwerflich gezeichneten, lüsternen und charakterschlechten Grafen Almaviva als Allegorie der überholten Aristokratie in Konflikt steht, ja, diesem auch noch gänzlich überlegen ist. Dem Opernpublikum blieb dies schon damals nicht verborgen: „Was in unsern Zeiten nicht erlaubt ist, gesagt zu werden, wird gesungen“, schreibt ein Rezensent der Wiener Realzeitung nach der Uraufführung.

In Zusammenarbeit mit Librettist Lorenzo Da Ponte schuf Mozart drei seiner berühmtesten Bühnenwerke
In Zusammenarbeit mit Librettist Lorenzo Da Ponte schuf Mozart drei seiner berühmtesten Bühnenwerke.

„Le nozze di Figaro“ – Mozarts gelungenstes Bühnenwerk?

Obwohl die anderen Mozart-Da-Ponte-Opern zu deren Lebzeiten noch größere Popularität erlangten als der „Figaro“, wird letzterer bis heute häufig als Mozarts stilistisch wie handwerklich gelungenstes Bühnenwerk gesehen. Denn die Musik ist nicht nur Spiegel des komödiantischen Bühnengeschehens, viel mehr treibt sie dieses voran. Sie parodiert, imitiert und amüsiert und hält dabei das Tempo der durch verquere Beziehungsgeflechte komplizierten Handlung dermaßen hoch, dass man trotz der zahllosen Wirrungen stets dranbleibt. Energiegeladener Vorbote für alles, was da kommt, ist schon die feuerwerksartige Ouvertüre (wohl eine der berühmtesten Opernouvertüren überhaupt), die das Spektakel in temperamentvollem D-Dur eröffnet. Hinzu kommen zahlreiche besondere, für die Entstehungszeit ungewöhnliche kompositorische Kniffe wie etwa das sich mit acht beteiligten Solisten über rund zwanzig Minuten erstreckende Finale des zweiten Akts.

Doch nicht allein das Komische hält diese Oper über die Jahrhunderte am Leben, sondern auch die dazu im Kontrast stehende, und gerade dadurch besonders wirkungsvolle Zeichnung intimer Gefühlzustände: Von der wehmütigen Sehnsucht der Gräfin nach verlorener Liebe und ihrem plötzlichen Aufflammen entschlossener Beharrlichkeit (Arie „Dove sono i bei momenti“), bis hin zum versöhnlichen Schlussakt, in dem die reinliche Stimme der Vergebung so wärmend erklingt, wie sonst nie mehr in der Musikgeschichte („Contessa, perdono“). Das Sopran-Duett „Sull’aria – Che soave zeffiretto“ gehört zudem zu den berühmtesten und beliebtesten seiner Art.

Unsterbliche Töne von Hand geschrieben: Der Beginn der feurigen Ouvertüre zu „Le nozze di figaro“
Unsterbliche Töne von Hand geschrieben: Der Beginn der feurigen Ouvertüre zu „Le nozze di figaro“.

Bis heute hat sich „Le nozze di Figaro“ fest auf den Spielplänen gehalten, ist leichtlebiges, unterhaltendes Muss für jedes Haus, jedoch noch immer ausgestattet mit dem gehörigen Potenzial für gesellschaftskritische Gegenwartsbezüge (z. B. zur #MeToo-Debatte, wie etwa in Jan Philipp Glogers Inszenierung am Opernhaus Zürich 2021). Stets stellte sich dabei die Frage: Rezitative oder Dialoge? Deutsch oder Italienisch? Während man von einst beliebteren dialogischen Singspielfassungen schon Ende des 19. Jahrhunderts wieder zum komponierten Rezitativ zurückkehrte, waren deutschsprachige Textvarianten noch lange im Umlauf. Skandalöse Krönung war wohl die salopp-gegenwartssprachliche Anpassung in der Inszenierung von Peter Zadek (Staatsoper Stuttgart, 1983), in der Aussprüche wie „Du bist plemplem“ für Entrüstung sorgten. Diese Fassung konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Mittlerweile beruft sich man in Zeiten der Live-Übertitelung ohnehin lieber auf das spritzigere italienische Original.

Die wichtigsten Fakten zu Mozarts „Le nozze di Figaro“:

Personen:
Graf Almaviva (Bariton)
Gräfin Almaviva/Rosina (Sopran)
Susanna, Mündel und Kammerzofe der Gräfin, Figaros Verlobte (Sopran)
Figaro, Kammerdiener (Bass)
Cherubino, Page des Grafen (Sopran)
Marcellina, Beschließerin im gräflichen Schloss (Sopran)
Bartolo, Arzt aus Sevilla (Bass)
Basilio, Musiklehrer der Gräfin (Tenor)
Don Curzio, Richter (Tenor)
Barbarina, Tochter Antonios (Sopran)
Antonio, Gärtner und Susannas Onkel, zugleich Vater Barbarinas (Bass)
Zwei Frauen (zwei Soprane)
Bauern, Bäuerinnen, Bauernmädchen, Jäger, Leute vom Gericht, Diener (Chor)

Orchesterbesetzung:
Zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte,
Blechbläser: zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauken, Streicher, Basso continuo

Spieldauer: ca. 3 Stunden

Uraufführung: Die Uraufführung fand am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater statt.

Referenzeinspielung

Mozart: Le nozze di Figaro

Elisabeth Schwarzkopf, Dietrich Fischer-Dieskau, Irmgard Seefried, Erich Kunz, Wiener Philharmoniker, Karl Böhm (Leitung)
Orfeo 1957

„Figaro“-Einspielungen gibt es ob der Beliebtheit des Werkes wohl wie Sand am Meer. Da einen einsamen Spitzenreiter herauszufiltern ist fürwahr kein einfaches Unterfangen. Wer nichts falsch machen – oder nichts riskieren – will, beruft sich auf echte historische Fundamente wie Karl Böhms temperamentvolle Salzburger Interpretation von 1957 mit Dietrich Fischer-Dieskau als Graf Almaviva, Elisabeth Schwarzkopf als Gräfin und Christa Ludwig als Cherobino. Etwas Mutigere versuchen sich dagegen an der „härteren“ Variante von Teodor Currentzis (Sony Classical, 2013).

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