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Porträt Rachel Portman

Musikalische Emotionen und menschliche Dramen

Die oscarprämierte Filmkomponistin Rachel Portman kehrt mit Klavierstücken zu ihren eigenen Wurzeln zurück.

vonHelge Birkelbach,

Die Liste ist lang: Für über sechzig Filme hat Rachel Portman die Musik geschrieben. Dazu gehören Kinoerfolge wie „Chocolat“, „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und „Die Herzogin“. Lyrische Momente, feine Zwischentöne und erdverbundene Stimmungen liegen der 1960 in West Sussex geborenen Komponistin am meisten. Das hat auch mit ihrer ländlichen Heimat zu tun. Wann immer es geht, entflieht sie der Hektik Londons und findet hier Inspiration. „Ich liebe Sussex und die wunderschöne Natur“, erzählt sie. „Gerade im Moment schaue ich aus dem Fenster und sehe Felder, grüne Wiesen, mächtige Baumwipfel. Eichen sind bei uns sehr verbreitet. Im Winter sehen sie noch eindrucksvoller aus.“

In dieser Ruhe findet die distinguierte Britin Melodien und Motive, die wirklich als solche zu bezeichnen sind – kein vordergründig-pompöses Behaupten und Übersteigern, sondern nunanciertes Herausarbeiten der Charaktere, verbunden mit atmosphärischer Feinarbeit. Maurice Ravel nennt sie als einen ihrer Vorbilder. „Seine Art der Orchestration ist außergewöhnlich, er begreift das Orchester als ein einziges großes Instrument“, sagt sie. „Ravel kann mit Tönen Bilder schaffen, er greift sich genau die richtigen Farben zum richtigen Moment. Und er schafft damit unglaublich eindrucksvolle Texturen und Details.“

Das Klavier, ein guter Freund

Bevor ein Orchester ihren durchkomponierten Score einspielt, sitzt Rachel Portman jedoch lange am Klavier. Hier nimmt alles seinen Anfang. „Das Klavier ist für mich ein wirklich guter Freund. In ihm steckt eine ganze Welt. Es bietet unendlich viele Möglichkeiten des Ausdrucks, für mich mehr als alle anderen Instrumente.“ Ihre innige Verbundenheit verdeutlicht sie auf dem aktuellen Album „Beyond The Screen“, wo sie einige ihrer Filmmusiken – teilweise in Suitenform – für das Klavier arrangiert und eingespielt hat. „Ich wollte endlich mal hören, wie die fertigen, perfekt produzierten Scores auf dem Klavier klingen, wenn ich sie sozusagen rückübersetze“, erläutert die Komponistin, die bereits mit vierzehn Jahren ihre ersten Stücke schrieb.

Das Album enthält auch eine Suite zu „Emma“. 1996 erhielt Rachel Portman für den Score zu dieser Literaturverfilmung nach dem Roman von Jane Austen den Oscar für die beste Filmmusik. „Zuerst dachte ich, dass das Drehbuch zu komödiantisch angelegt sei, aber dann hatte ich plötzlich so viele Ideen, dass ich gar nicht ablehnen konnte.“ Wie geht sie beim Komponieren eines neuen Soundtracks vor? Woher kommen die Ideen? Portman erklärt: „Manchmal erhalte ich zunächst nur ein kurzes Treatment, manchmal aber auch das fertige Drehbuch. Perfekt ist es natürlich, wenn der Rohschnitt des Films vorliegt. Dann kann ich am besten in die Story eintauchen und sehen, ob ich mich wohlfühle mit den Personen, der Handlung und der Atmosphäre.“

Rachel Portman: „Mit menschlichen Dramen kenne ich mich weit besser aus.“

Aber meistens müsse ihre Zusage bereits nach dem Lesen des Drehbuchs erfolgen. Wenn die Anfrage sehr früh kommt, die Produktionsgesellschaft oder der Regisseur sie unbedingt dabeihaben möchte und es auch sicher sei, dass sie zum geplanten Zeitpunkt frei sei, liefe es verständlicherweise viel entspannter, erklärt die Komponistin. Denn oft arbeite sie parallel an mehreren Filmen.

Rachel Portman komponierte 2003 ihre erste Oper nach Antoine de Saint-Exupérys Welterfolg „Der kleine Prinz“
Rachel Portman komponierte 2003 ihre erste Oper nach Antoine de Saint-Exupérys Welterfolg „Der kleine Prinz“

Darunter war bisher aber kein einziger Action- oder Science-Fiction-Film. „Zu diesen Genres fällt mir einfach nichts Passendes ein“, antwortet Portman, die auch für das Fernsehen und das Theater gearbeitet hat und 2003 ihre erste Oper nach Antoine de Saint-Exupérys Welterfolg „Der kleine Prinz“ komponierte. „Sicher gibt es auch nachdenkliche oder philosophisch angehauchte SF-Filme wie ‹Arrival› oder ‹Interstellar’“, ergänzt sie. „Aber mit Emotionen und menschlichen Dramen kenne ich mich weit besser aus. Davon fühle ich mich eher angezogen.“

Schokolade zur Inspiration

Da sie oft zeitgleich an verschiedenen Filmen arbeitet, muss sie sich gut organisieren. „Vier Filme in einem Jahr zu schaffen, ist zwar anstrengend, für mich aber nichts Außergewöhnliches“, sagt Portman. Man müsse halt manchmal ziemlich schnell arbeiten. Für „Chocolat“ habe sie nur dreieinhalb Wochen gebraucht. Dabei half gewiss auch der süße Support: „Tatsächlich habe ich beim Komponieren Schokolade gegessen! Ich habe mir viele verschiedene Sorten gekauft, von denen ich noch nie in meinem Leben gehört habe, geschweige denn wusste, wie sie schmecken. Es war wundervoll!“

Album-Tipp:

Album Cover für Beyond the Screen

Beyond the Screen

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