Opernpremieren im November 2018

Mythen und Mozart

Der Opernwinter beweist die Wirkungsmacht der Weltliteratur in aufregenden Neudeutungen und mit großen Sängern.

© Jan Windszus Photography

Vorabmotiv zu "Candide"/Komische Oper Berlin

Welt­li­te­ra­tur in Töne zu set­zen ist ein Erfolgs­re­zept, dem sich Kom­po­nis­ten bis heu­te ver­schrei­ben: Die Lite­ra­tur­oper bestimmt die Opern­pre­mie­ren zum Ende des Jah­res mit gleich vier her­aus­ra­gen­den Pro­duk­tio­nen. Die musik­thea­tra­li­sche Befra­gung mytho­lo­gi­scher Stof­fe ist ein damit ver­wand­ter Ansatz, der beweist, dass uralte Geschich­ten immer wie­der wahr wer­den. Ähn­li­chen Ewig­keits­wert beweist der immer­grü­ne Mozart, des­sen Wer­ke von einem Duo poli­tisch ambi­tio­nier­ter Regis­seu­re neu gedeu­tet wer­den. Und zwei einst an der Pari­ser Opé­ra Comi­que aus der Tau­fe geho­be­ne, aber gleich­wohl blu­tig enden­de Opern sind will­kom­me­ner Kon­tra­punkt zum omni­prä­sen­ten Opernernst in die­sem Win­ter.

Dich­te­risch Hoch­flie­gen­des von Shake­speare, Goe­the und Wil­de wird in der Anver­wand­lung durch gro­ße Kom­po­nis­ten und eben­sol­che Inter­pre­ten ein­mal mehr in sei­ner emo­tio­na­len Wir­kungs­macht umge­setzt: durch Ver­di mit dem neu­en Münch­ner „Otel­lo“ – Jonas Kauf­mann gibt dar­in sein Deutsch­land­de­büt als Mohr von Vene­dig, durch Mas­se­net mit der Ver­to­nung des einst unglück­lich ver­lieb­te jun­ge Män­ner in den Tod getrie­be­nen Brief­ro­mans „Wert­her“, den die hell­sich­ti­ge Regis­seu­rin San­dra Leu­pold in Lübeck auf die Büh­ne bringt, und durch Richard Strauss, des­sen Skan­dal­oper „Salo­me“ in Graz mit der poten­zier­ten Frau­en­power der Chef­di­ri­gen­tin Oksa­na Lyniv, der Regis­seu­rin Flo­ren­ti­ne Klep­per und der Sopra­nis­tin Johan­ni Van Oos­trum auf­ge­la­den wird. Der alte Vol­taire hat zudem mit Leo­nard Bern­stein den gro­ßen Jubi­lar des Jah­res 2018 zum Musi­cal „Can­di­de“ inspi­riert, dem an der Komi­schen Oper Ber­lin Haus­herr Bar­rie Kos­ky per­sön­lich sei­ne Reve­renz erweist.

Bild­star­ke Opern­pre­mie­ren

© Sepp Gal­lau­er

Krassimira Stoyanova

Kras­si­mi­ra Stoya­no­va

Mytho­lo­gi­sche Stof­fe lie­gen einer unüber­schau­ba­ren Viel­zahl von Opern zu Grun­de. Beson­ders pro­mi­nent ist Wag­ners „Ring“, des­sen Tei­le in Chem­nitz von vier Regis­seu­rin­nen gedeu­tet wer­den. Mit der Pre­mie­re von Eli­sa­beth Stöpp­lers „Göt­ter­däm­me­rung“ ist der Rei­gen kom­plett. Mit Span­nung erwar­tet wird hier auch das Rol­len­de­büt des Hel­den­te­nors Dani­el Kirch als Sieg­fried. In Dres­den setzt David Her­mann die grie­chi­sche Sage von Ari­ad­ne auf Naxos in Sze­ne. Unter der Lei­tung von Chris­ti­an Thie­le­mann wird die bul­ga­ri­sche Star­so­pra­nis­tin Kras­si­mi­ra Stoya­no­va die dra­ma­ti­sche Strauss-Par­tie der Ari­ad­ne geben und die gefei­er­te Danie­la Fal­ly die Kolo­ra­tur­par­tie der Zer­bi­net­ta. An der Staats­oper Stutt­gart befasst sich der bil­den­de Künst­ler Hans Op de Beeck erst­mals mit einer Oper und insze­niert Bar­tóks Ein­ak­ter „Her­zog Blau­barts Burg“. Sei­ne oft in Grau­tö­nen gehal­te­nen, atmo­sphä­ri­schen und in der For­men­spra­che poin­tier­ten Raum­in­stal­la­tio­nen las­sen star­ke Schau­wer­te erwar­ten, denen als Hör­wer­te der impo­san­te Gesang des rei­fen Bass­ba­ri­tons Falk Struck­mann als Her­zog Blau­bart gegen­über­steht.

Poli­ti­scher Mozart

© Gogol-Cen­ter

Kirill Serebrennikov

Kirill Ser­ebren­ni­kov

Zwei Insze­nie­run­gen von Mozart-Opern ste­chen im Novem­ber her­vor. Zum einen „Così fan 
tut­te“ in Zürich. Hier hat die
 Regie­ar­beit des kreml­kri­ti­schen Kirill Ser­ebren­ni­kov eine Debat­te über die Frei­heit der Kunst in Russ­land aus­ge­löst, die im Rah­men einer Podi­ums­dis­kus­si­on ver­folgt wird. Die Regie­rung sei­ner Hei­mat hat den Regis­seur und Büh­nen­bild­ner im August 2017 unter Haus­ar­rest gestellt und wirft ihm Ver­un­treu­ung von staat­li­chen Gel­dern vor. Weil der Arrest jüngst ver­län­gert wur­de, kann er sein Kon­zept nicht per­sön­lich umset­zen. Die ins­ge­samt jun­ge und gleich­wohl hoch­ka­rä­ti­ge Beset­zung lei­tet der erst 38-jäh­ri­ge Cor­ne­li­us Meis­ter, frisch­ge­ba­cke­ner Stutt­gar­ter Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor. Zum ande­ren wird eine Insze­nie­rung von Mozarts „Ido­me­neo“ des Regie­alt­meis­ters Peter Kon­wit­sch­nys am Thea­ter Hei­del­berg end­lich eine Büh­ne fin­den. Er hat­te die­se bereits im Dezem­ber 2016 in Augs­burg umset­zen wol­len – das dor­ti­ge Haus muss­te jedoch auf­grund von Brand­schutz­män­geln geschlos­sen wer­den. Kam­mer­sän­ger Win­frid Mikus gibt die Titel­par­tie.

Blu­ti­ge Opé­ra Comi­que

Wie durch­aus blut­ge­tränkt jenes Gen­re sein kann, dass im 19. Jahr­hun­dert der Opé­ra Comi­que ein vol­les Haus bescher­te, bewei­sen die bei­den Bei­spie­le, die bis heu­te auf den inter­na­tio­na­len Spiel­plä­nen zu den meist­auf­ge­führ­ten Meis­ter­wer­ken zäh­len. In Leip­zig nimmt sich die aus­tra­li­sche Regis­seu­rin Lin­dy Hume Bizets „Car­men“ an. Und an der Deut­schen Oper Ber­lin prä­sen­tiert Lau­rent Pel­ly sei­ne Sicht auf Offen­bachs „Les Con­tes d’Hoffmann“, die bereits von Lyon bis New York für Furo­re sorg­te.

Jonas Kauf­mann gibt in Mün­chen sein Deutsch­land­de­büt als Mohr von Vene­dig in Ver­dis „Otel­lo“:

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Pre­mie­ren-Tipp:

Stutt­gart
Fr. 2.11., 19:30 Uhr Staats­oper
Bar­tók: Her­zog Blau­barts Burg
Titus Engel (Lei­tung), Hans Op de Beeck (Regie)

Zürich
So. 4.11., 19:00 Uhr Opern­haus
Mozart: Così fan tut­te
Cor­ne­li­us Meis­ter (Lei­tung), Kirill Ser­ebren­ni­kov (Regie)

Graz
Sa. 10.11., 19:30 Uhr Oper
R. Strauss: Salo­me
Oksa­na Lyniv (Lei­tung), Flo­ren­ti­ne Klep­per (Regie)

Lübeck
Fr. 16.11., 19:30 Uhr Thea­ter
Mas­se­net: Wert­her
Man­fred Her­mann Leh­ner (Lei­tung), San­dra Leu­pold (Regie)

Hei­del­berg
Fr. 16.11., 19:30 Uhr Thea­ter
Mozart: Ido­me­neo
Diet­ger Holm (Lei­tung), Peter Kon­wit­sch­ny (Regie)

Mün­chen
Fr. 23.11., 19:00 Uhr Baye­ri­sche Staats­oper
Ver­di: Otel­lo
Kirill Petren­ko (Lei­tung), Amé­lie Nier­mey­er (Regie)

Ber­lin
Sa. 24.11., 19:30 Uhr Komi­sche Oper
Bern­stein: Can­di­de
Jor­dan de Sou­za (Lei­tung), Bar­rie Kos­ky (Regie)

Leip­zig
Fr. 30.11., 19:30 Uhr Oper
Bizet: Car­men
Mat­thi­as For­nem­ny (Lei­tung), Lin­dy Hume (Regie)

Ber­lin
Sa. 1.12., 19:30 Uhr Deut­sche Oper
Offen­bach: Les Con­tes d’Hoffmann
Enri­que Maz­zo­la (Lei­tung), Lau­rent Pel­ly (Regie)

Chem­nitz
Sa. 1.12., 16:00 Uhr Die Thea­ter
Wag­ner: Göt­ter­däm­me­rung
Guil­ler­mo Gar­cía Cal­vo (Lei­tung), Eli­sa­beth Stöpp­ler (Regie)

Dres­den
So. 2.12., 18:00 Uhr Sem­per­oper
R. Strauss: Ari­ad­ne auf Naxos
Chris­ti­an Thie­le­mann (Lei­tung), David Her­mann (Regie)

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