Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Rassehygieniker Wotan

Opern-Kritik: Oper Köln – Die Walküre

Rassehygieniker Wotan

(Köln, 29.3.2026) Während Paul-Georg Dittrich und sein Team in ihrer Wagner-Deutung einem gedanklichen Kurzschluss erliegen, gerät die musikalische Seite beglückend: Der Mischklang, den das Gürzenich-Orchester unter Marc Albrecht entfaltet, ist von berückender Wirkungsmacht.

vonMichael Kaminski,

Sie gleichen sich bis in die Haarspitzen, alle stimmen sie genetisch überein: die Zwillinge Sieglinde und Siegmund nicht anders als das Heer des in einer Geburtsklinik und Brutpflegestation herangezüchteten kriegerischen Walküren-Nachwuchses. Einige Wotanstöchter gebären im Akkord, andere machen sich als Hebammen und Kinderschwestern zu schaffen. Pausenlos analysiert und überwacht Software die reproduktionsmedizinischen Vorgänge. Die Bestimmung des Nachwuchses ist am Tag, Krieg. Das Schlachten erheischt ständig Nachschub an heroisch camoufliertem Verbrauchsmaterial. So gerät denn der Walkürefelsen zur Reproduktionsanstalt. Was Wotan betreibt, ist am Tag: ein Heim nach Art des (im Programmheft der Oper Köln eingehend thematisierten) „Lebensborn“. Widerwärtig. Und notwendig auf die Bühne zu bringen, falls Walhalls Chefgott zu solcher Deutung Anlass böte.

Szenenbild aus „Die Walküre“
Szenenbild aus „Die Walküre“

„Mythos der 20. Jahrhunderts und „Lebensborn“

Doch unterliegt Regisseur Paul-Georg Dittrich samt den Bühnenbildnerinnen Pia Dederichs und Lena Schmid einem gedanklichen Kurzschluss. Weder Wagners Ekel erregende antisemitische Tiraden, seine Lektüre der Elaborate des Menschenzüchtungspropagators Gobineau, noch – weil schon die Chronologie jeden Einfluss auf die Wotanfigur ausschließt – der Rassist und Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain rücken das Oberhaupt der Lichtalben in die Nähe zum nationalsozialistischen Chefideologen Alfred Rosenberg oder dem Gründer des „Lebensborn e.V.“ und SS-Bandenchef Himmler. Wagners Wotan ist hochkomplex und in sich widersprüchlich nicht aus gedanklicher Nachlässigkeit, sondern antithetischer Spannung. Hingegen wird, wer einen Blick in Rosenbergs „Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts“ wirft, von der Vulgarität und geistigen Dürftigkeit des Machwerks abgestoßen sein. Fotos von Lebensbornheimen zeigen Spießigkeit in Potenz. Nichts davon betrifft Wotan.

Szenenbild aus „Die Walküre“
Szenenbild aus „Die Walküre“

Zauber der Analogien

Was entgegen Dittrichs unhaltbarer Perspektive auf Walhalls Herrscher theatral Packendes dennoch nicht ausschließt. Angesichts des reproduktionsfreudigen Gemahls zieht die kinderlose Fricka wiederholt ein sonst in der Vertäfelung der Wohnhalle verborgenes Überwachungspaneel aus der Wand hervor, um argwöhnisch Ultraschallaufnahmen einer Gebärmutter zu betrachten. Fehlender Nachwuchs kratzt an ihrer Legitimität und Macht. Freilich lässt sich Genaueres nicht erkennen. Die Ultraschallbilder sind gleich den das Paneel ferner tapezierenden Röntgenbildern der Unterleibsregion für medizinische Laien nicht näher zu deuten. Während der Todesverkündigung erblickt Siegmund im spiegelnden Schild, den Brünnhilde ihm vorhält, sein eigenes Konterfei und über den Schildrand hinweg die ihm wie aus dem Gesicht geschnittene Walküre. Da begegnen einander geno- und phänotypisch Nächstverwandte. Wotan drückt Hunding seinen Speer in die Hand, auf dass dieser den Todgeweihten mit dem Spieß zur Strecke bringe wie Hagen dereinst Siegfried. Beinahe frei von ideologischem Ballast, verabschiedet sich Walhalls Herrscher zart empfindend von der Wunschmaid.

Szenenbild aus „Die Walküre“
Szenenbild aus „Die Walküre“

Mischklang und Bayreuthformat

Überzeugend die musikalische Seite der Kölner „Walküre“. Zwar tönt das Gürzenich-Orchester unter Marc Albrecht im ersten Aufzug einigermaßen unentschlossen, wohin die Klangreise denn nun gehen soll. Hernach aber ereignet sich eines jener Wunder, wie sie orchestral ab und an geschehen. Denn die beiden Folgeaufzüge erwachsen aus Sogkraft entwickelndem Mischklang. Die Instrumentengruppen sind nuanciert ausgehört. Dem Walkürenritt schießen die Zügel, doch nicht ins Lärmende. Für die Titelfigur läuft Trine Møller final zu etlicher Form auf. Leucht- und Strahlkraft dürfen noch gewinnen. Ins Gemüt greift Astrid Kesslers Sieglinde. Dem Göttergatten bietet die Fricka von Bettina Ranch auch vokal Paroli. Wenngleich dieser stimmlich überragend daherkommt. Jordan Shanahan beweist monumentales Wotanformat. Bayreuth dürfte in nicht allzu weiter Ferne liegen. Daniel Johannsson gibt einen ansprechenden Siegmund. Einige zusätzliche Nuancierungen stünden dem Rollenporträt trefflich an. Tijl Faveyts ist ein stimmlich nicht übermäßig brutaler Hunding.  

Oper Köln
Wagner: Die Walküre

Marc Albrecht (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie), Pia Dederichs/Lena Schmid (Bühne), Mona Ulrich (Kostüme), Andreas Grüter (Licht), Robi Voigt (Video), Daniel Johansson (Siegmund), Tijl Faveyts (Hunding), Jordan Shanahan (Wotan), Astrid Kessler (Sieglinde), Trine Møller (Brünnhilde), Bettina Ranch (Fricka), Emily Hindrichs (Helmwige), Kristi Anna Isene (Gerhilde), Claudia Rohrbach (Ortlinde), Regina Richter (Waltraute), Alicia Grünwald (Siegrune), Johanna Thomsen (Roßweiße), Tina Drole (Grimgerde), Adriana Bastidas-Gamboa (Schwertleite), Gürzenich-Orchester Köln






Auch interessant

Rezensionen

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!