Als Oliver Hardy und Stan Laurel, alias Dick und Doof, in zwei auf Operetten basierenden Filmen der 1930er Jahre mit Pagenköpfen und entsprechenden Perrücken auftraten, war das Genderfluide längst noch nicht offizieller Gesellschaftsdiskurs. Dennoch schwang in ihrer karnevalesken Kostümierung nicht nur Slapstick mit, sondern mindestens implizit auch, dass es ein alternatives Männerbild jenseits archaisch präpotenter Hetero-Männlichkeit geben könnte: Stan, das ist der Weiche, der Weinende, der Weibliche. Jedenfalls wurde schon damals die Umkehrung von patriarchalischen Machtverhältnissen ein zentrales Element ihres Humors. Laurel und Hardy setzten die Verwirrung von Geschlechtsidentitäten und Rollenbildern sehr wohl gezielt ein, um ihre Charaktere als Außenseiter zu kennzeichnen. Am Grand Théâtre de Genève macht sich Julien Chavaz diesen Trick nun in Rossinis „L’Italiana in Algeri“ zu Nutze und lässt bereits zur Ouvertüre gleich eine ganze Horde von Herren in Pagenschnitt auftreten.
Androgyne Männlichkeit
Der Regisseur, der im Hauptamt in Magdeburg als Intendant wirkt, charakterisiert diese tolle Truppe dennoch so individuell, dass sie zunächst gar nicht als Chormitglieder oder überhaupt als Kollektiv erkennbar ist. In der Lobby des Luxushotels „Algerì“ (Bühne: Amber Vandenhoeck mit subtilen farblichen Anspielungen an das echte Algerien) bildet sie die Dienerschaft. Aber auch die Darsteller der Solopartien entpuppen sich in diesem 4-Stern-Ressort mit angeschlossenem SPA alsbald als, wie das Libretto vorgibt, „Sklaven“ im Harem des mächtigen Mustafà. Haly (markant: Bassist Mark Kurmanbayev) ist der Koch des Etablissements. Auch der dürr schlacksige Lindoro steht – als einziger Ausländer – in den Diensten des Bey. Er ist als tapsiger Softie zwar kein ausdrücklich queerer Antiheld, aber doch ein „anderer“, ins Androgyne tendierender Mann. So weit, so erotisch harmonisch konsensuell, ja idyllisch geht es in diesem Serail zu, das somit keine exotisch musulmanische Andersartigkeit feiert, wie es in Rossinis 19. Jahrhundert intendiert war (aber heute als kulturelle Aneignung in Verruf geraten ist), sondern bei den gegenwärtigen Geschlechter- und Rollenbildern und deren Durchlässigkeit und Diversität ansetzt.

Unschlagbare Allianz aus ausgekochter Weiblichkeit und queerer Belegschaft
Neue Bewegung kommt da erst ins Spiel, als die titelgebende „Italienerin“ im Hotel „Algerí“ eincheckt: eine Diva wie aus dem Film-Bilderbuch, mit langen Beinen, wilder rotblonder Mähne, türkiser Robe (Kostüme: Hannah Oellinger), unzähligen Koffern im Gepäck und einer umwerfenden Grandezza vom Schlage einer Gina Lollobrigida oder Grace Kelly. Die Dame hat nicht nur vollweiblichen Sex-Appeal, sondern auch jene Stärke und Dominanz, die man bereits von den emanzipierten Ehefrauen aus „Dick und Doof“ kennt. Natürlich will sie in diesem etwas anderen Serail gar nicht ausspannen oder sich vom Burnout erholen, wie es die normalen Hotelgäste tun. Sie sucht vielmehr ihren Geliebten Lindoro, den Edelsklaven des Mustafà, will ihn aus den Fängen des einzigen verbliebenen Heteros vom alten Schlag befreien – und dazu den Herrn Hoteldirektor auch noch ordentlich vorführen und in seine Schranken weisen.
List trifft auf Lustprinzip
Dazu erniedrigt sie sich zunächst selbst: als Putzkraft, die den Staub in der Hotelhalle so huldvoll wedelt, dass Mustafà ihr zu Füßen liegt und dahinschmilzt: Er will sie sogleich gegen seine eigentliche Gattin Elvira (sopranzwitschernd: Charlotte Bozzi) eintauschen. Da macht Isabella, die stolze Italienerin, nun dieses amoralische Auslaufmodell von Mann zur Schnecke. Die Allianz aus ihrer ausgekochten Weiblichkeit und der nun nur noch widerwillig vor dem Bey buckelnden queeren Belegschaft erweist sich als unschlagbar. List trifft auf Lustprinzip. Die Buffa mit ihrer sanft subversiven Widerstandskraft gegen die etablierte Macht will es so sehr wie der Lauf der Welt. Das Happy End kann kommen. Der Bey muss die Italiener ziehen lassen. Es lebe die (wahre) Liebe.

Der musikalische Champagner sprudelt
Zwar wird zumal das bei Gioacchino Rossini angelegte Subversive durch die Regie eingeebnet, und die Vermeidung des Klischees vom Clash der Kulturen scheint mitunter ersetzt durch jenes einer quietschbunten Queerness als neuer Normalität. Doch handwerklich ist diese Inszenierung so detailverliebt durchgearbeitet, dass das Rossini-Absurdistan eben doch nie aus dem Ruder läuft oder in die Klamotte abdriftet. Wo die Inszenierung sich im Laufe des Abends dennoch primär auf das perfekt abschnurrende Komödienuhrwerk verlässt, lotet Michele Spotti mit dem Orchestre de la Suisse Romande seinen Rossini mit dem Wissen um jeden Zwischenton aus. Da stimmt nicht nur das gern hohe Tempo und wird im Zusammenspiel von Graben und Bühne präzise und extra fein austariert, da ist nicht nur ein perfekt zu verstehendes idiomatisches Italienisch zu hören, da schnurrt und sprudelt der musikalische Champagner nicht nur so perlig, wie es der echte Schaumwein in der Opernpause in der französischsprachigen Westschweiz vermag. Mit Michele Spotti ist hier ein Rossini-Überzeugungstäter am Werk, der mit subtilen dynamischen Raffinessen sowie mit Accelerandi, Strettaeffekten und diese dann wieder ausgleichenden kleinen Verzögerungen ganz tief in die Partitur eines Buffa-Meisterwerks hineinlauscht. Der sehr zu Recht internationale angesagte junge Maestro beweist, dass Rossini eben sehr wohl mehr als ein Feuerwerk des Belcanto entzündet. Rossini greift Mozarts Größe auf (wahren da nicht allerhand Zitate des Salzburgers zu vernehmen?), gerade auch im Hinblick auf das Rebellische, Unangepasste, gesellschaftliche Fesseln Sprengende.

Man staunt, spitzt die Ohren, ist begeistert
Davon ist in der so angenehm klar klingenden Ersatzspielstätte des Grand Théâtre de Genève im Bâtiment des Forces Motrices, dem einstigen Wasserkraftwerk an der Rhone aus dem späten 19. Jahrhundert, ganz viel Aufregendes zu hören. Man staunt, spitzt die Ohren, ist begeistert. Natürlich auch über ein sängerisches Spitzenensemble, das, genau wie es sein soll, Gaëlle Arquez als Isabella anführt. Die Mezzosopranistin hat den Eros, die Wärme, die Geläufigkeit, die in allen Lagen ausgereifte Samtstimme für diese große Frau. Einmal mehr ein Belcantostilist vom Feinsten ist Maxim Mironov mit seinem höhenhell grazilen Tenor. Basspolternd die Männerdominanz von einst hochhaltend gibt Nahuel Di Pierro den Mustafà. Baritoneloquent stattet Riccardo Novaro den Taddeo als tragikomischen Begleiter Isabellas aus. Jubel.
Grand Théâtre de Genève
Rossini: L’Italiana in Algeri
Michele Spotti (Leitung),Julien Chavaz (Regie), Amber Vandenhoeck (Bühne), Hannah Oellinger (Kostüme), Eloi Gianini (Licht), Clara Pons (Dramaturgie), Mark Biggins (Chor), Gaëlle Arquez (Isabella), Nahuel Di Pierro (Mustafà), Maxim Mironov (Lindoro), Riccardo Novaro (Taddeo), Charlotte Bozzi (Elvira), Mi Young Kim (Zulma), Mark Kurmanbayev (Haly), Daniel Daniela Ojeda Yrureta & Clara Delorme (Tänzer), Chor des Grand Théâtre de Genève, Orchestre de la Suisse Romande
So., 25. Januar 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Rossini: L’italiana in Algeri
Gaëlle Arquez (Isabella), Nahuel Di Pierro (Mustafà), Isabella Maxim Mironov (Lindoro), Riccardo Novaro (Taddeo), Charlotte Bozzi (Elvira), Mi Young Kim (Zulma), Mark Kurmanbayev (Haly), Michele Spotti (Leitung), Julien Chavaz (Regie)
Mi., 28. Januar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Rossini: L’italiana in Algeri
Gaëlle Arquez (Isabella), Nahuel Di Pierro (Mustafà), Isabella Maxim Mironov (Lindoro), Riccardo Novaro (Taddeo), Charlotte Bozzi (Elvira), Mi Young Kim (Zulma), Mark Kurmanbayev (Haly), Michele Spotti (Leitung), Julien Chavaz (Regie)
Fr., 30. Januar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Rossini: L’italiana in Algeri
Gaëlle Arquez (Isabella), Nahuel Di Pierro (Mustafà), Isabella Maxim Mironov (Lindoro), Riccardo Novaro (Taddeo), Charlotte Bozzi (Elvira), Mi Young Kim (Zulma), Mark Kurmanbayev (Haly), Michele Spotti (Leitung), Julien Chavaz (Regie)
So., 01. Februar 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Rossini: L’italiana in Algeri
Gaëlle Arquez (Isabella), Nahuel Di Pierro (Mustafà), Isabella Maxim Mironov (Lindoro), Riccardo Novaro (Taddeo), Charlotte Bozzi (Elvira), Mi Young Kim (Zulma), Mark Kurmanbayev (Haly), Michele Spotti (Leitung), Julien Chavaz (Regie)
Di., 03. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Rossini: L’italiana in Algeri
Gaëlle Arquez (Isabella), Nahuel Di Pierro (Mustafà), Isabella Maxim Mironov (Lindoro), Riccardo Novaro (Taddeo), Charlotte Bozzi (Elvira), Mi Young Kim (Zulma), Mark Kurmanbayev (Haly), Michele Spotti (Leitung), Julien Chavaz (Regie)




