Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Seelen in Gefangenschaft

Opern-Kritik: Festspiele St. Gallen – Aida

Seelen in Gefangenschaft

(St. Gallen, 19.6.2026) Bei den St. Galler Festspielen blickt Regisseur Ben Baur in Verdis „Aida“ auf die Psychologie hinter der Fassade eines exotistischen Ägyptens.

vonPatrick Erb,

Schlussendlich hat sich vor allem Amneris wenig vorzuwerfen: Im Kampf mit der Titelheldin Aida um den von beiden geliebten Radamès fordert sie lediglich ein, was ihr als Pharaonentochter rechtmäßig zusteht; zugleich wahrt sie die Staatsräson, als sie den Feldherrn anzeigt, der soeben entscheidende Kriegsstrategien an seine Feinde verraten hat. Dennoch nagen bis zum letzten Takt der Oper heftige Zweifel an ihr: Sie verzeiht Radamès und versichert, für ihn selbst auf Ägyptens Krone verzichten zu wollen. Die anderen hingegen sind sich ihres Handelns sicher und mit dem Leben im Reinen: Der gescheiterte Held, der allein seine Liebe zu Aida bejahen kann, schließt in der Gruft unterhalb des Tempels entrückt mit dem Leben ab; Aida folgt ihm liebesergeben in sein lebendiges Grab. Auch der Pharao tut recht daran, in seiner militärischen Logik keinen Verrat zu dulden, obschon er sich die Demütigung eines ganzen Volkes nicht entgehen lässt.

Szenenbild aus „Aida“
Szenenbild aus „Aida“

Volk und Wille in Ketten gelegt

In der neuen St. Galler Festspielinszenierung von Verdis „Aida“ sind es freilich weder szenischer Prunk noch ägyptisierende Exotismen, die den Wert des Stücks unterstreichen sollen. Regisseur Ben Baur seziert vielmehr mit kammermusikalischer Schärfe das emotionale Beziehungsgeflecht der vier Hauptfiguren und legt dabei deren psychologische Gedankenwelten Schicht für Schicht frei. Als inszenatorischer Rahmen dient Baur ein martialisch anmutender, roher Raum in rostig-grauer Färbung, der Tempel, Palast und Gruft sinnlich in sich vereint und in seiner Geschlossenheit die klaustrophobische Enge des Szenarios spiegelt.

Szenenbild aus „Aida“
Szenenbild aus „Aida“

Dass man den ägyptischen Zauber inszenatorisch nicht allzu sehr zu vermissen braucht, verdankt sich einer ganz eigenen, schaurig-bizarren Symbolik, die mitunter an Shakespeare erinnert und das Szenario obskur belebt: Die Anhänger des Ptah-Kults hantieren während ihrer düsteren Zeremonie mit Totenschädeln; im Nebel wird ein Skelett aufgebahrt, Tänzer sorgen mit Fackeln für Licht in der Dunkelheit. Schließlich wird die Schuld Amneris’ bildhaft in Szene gesetzt: Einerseits nimmt sie ein Bad in blutgefärbtem Wasser – ein Verweis auf Lady Macbeth, die vergebens versucht, das Blut von ihrem Körper zu waschen –, andererseits wird sie von drei Tänzern mit Erde überschüttet. Unklar bleibt hingegen, warum Baur seiner Amneris eine jüngere und eine ältere Version ihrer selbst an die Seite stellt. Ihre Funktion als Lebensparabel ist zwar erkennbar, erfüllt sich im Verlauf des Stücks jedoch nicht und bleibt letztlich bloßes Accessoire.

Szenenbild aus „Aida“
Szenenbild aus „Aida“

Aufeinander abgestimmtes Trio

Den sängerischen Leistungen tut dies freilich keinen Abbruch. Für die Festspielproduktion hat St. Gallen eine klug kuratierte, einander treffend ergänzende Sängerriege versammelt. Der spanisch-argentinische Tenor Marcelo Puente präsentiert ein elegant wandelbares Timbre, das sowohl die edelsüße Färbung eines Mannes trägt, der an blinder, seine rationale Urteilskraft zersetzender Liebe leidet, als auch die heldenhafte Leidenschaft des Heerführers hörbar macht. Libby Sokolowski, die jüngst in St. Gallen auch als Lady Macbeth und Tosca Erfolge feierte, bestätigt in der Rolle der Amneris eindrucksvoll ihre Klasse im dramatischen Fach. Noch stärker begeistert jedoch Amber R. Monroe als Aida, die, aus tiefstem Herzen singend, selbst mit zurückhaltenden, leisen Tönen von überwältigender Authentizität ist. Der St. Galler Ensemblebass Jonas Jud überzeugt in der Rolle des Pharaos als Wüstling von zweifelhaftem Charakter, der seine Macht und die Unterwerfung seiner Feinde spielerisch wie sängerisch wirkungsvoll in Szene zu setzen versteht.

Im Orchestergraben führt der scheidende Generalmusikdirektor Modestas Pitrenas die kammermusikalische Erzählung des „Aida“-Stoffs mit reduzierten Mitteln und kleinem Orchesterapparat fort, ohne dass die Wirkung darunter litte – vor allem dank seiner agilen Streicherbehandlung und seiner pathosfrei zündenden Tempi. Musikalische Grandezza verleiht der Oper schließlich der Opernchor, der mit Emphase leistet, was das Bühnenbild nicht soll. Prunk schreibt man in St. Gallen nun also doch groß – aber chorästhetisch!

St. Galler Festspiele
Verdi: Aida

Modestas Pitrenas (Leitung), Ben Baur (Regie & Bühne), Uta Meenen (Kostüm), Rachele Pedrocchi (Choreografie), Anselm Fischer (Licht), Filip Paluchowski/Janko Kastelic (Chor), Amber R. Monroe, Marcelo Puente, Libby Sokolowski, Vincenzo Neri, Jonas Jud, Sultonbek Abdurakhimov, Olivia Smith, Riccardo Botta, Chor des Theaters St. Gallen, Sinfonieorchester St. Gallen






Auch interessant

Rezensionen

  • „Es ist eine ewige Entdeckungsreise“
    Interview Rudolf Buchbinder

    „Es ist eine ewige Entdeckungsreise“

    Pianist Rudolf Buchbinder über Schuberts Tänze, das Grafenegg Festival, seine Faszination für verschiedene Ausgaben von Beethoven-Sonaten – und die Fußball-Weltmeisterschaft.

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!