Opern-Kritik: Bayerische Staatsoper München – L'Infedeltà delusa

Schlafsaal in Flammen

(München, 19.3.2022) Haydns „L'infedeltà delusa“ gerät vom Komödienspaß zur Internatstragödie. Musikalisch gibt es aber berechtigt viel Jubel.

© W. Hösl

Sandrina (Jessica Niles)

Sandrina (Jessica Niles)

Brutalität, jede Menge Soziologie, Überflutung durch Videos und brillantes Musizieren zeichnen die neue Produktion des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper im Münchner Cuvilliéstheater aus. Für die sechs jungen Solisten, das Bayerische Staatsorchester und Giedrė Šlekytė gab es berechtigt viel Jubel. Das Produktionsteam um die filmaffine Marie-Eve Signeyrole und Laurent La Rosas inhaltslastige Videos musste vereinzelte Buhs einstecken. Kein Wunder: Joseph Haydns Komödienspaß von 1773 für das Schlosstheater in Esterházy wurde zur Internatstragödie. „Untreue lohnt nicht“ und „Einmal Liebe hin und zurück“ sind die häufigsten deutschen Titel seiner komischen Oper „L’infedeltà delusa“. In der Münchner Neuinszenierung – die letzte des Werks war 1968 – geht sie fast so an die Nieren wie „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“. Bei Signeyrole gibt es am Ende nur Verlierer und Irritationen. Dieser analytische Pessimismus reizte zu Widerspruch.

Allwissende Videos

Eine Schülerin (Céline Baril) streift mit der Kamera durch den Schlafsaal. Diese streichelt Körper und Gesichter der jungen Frauen, schlüpft sogar unter Bettdecken, verfolgt alle Körper- und Seelenregungen. Auf der fast die halbe Portalfläche einnehmenden Leinwand darüber sieht man synchron die entleerten und heruntergekommenen Räume. Die Kamera streunt in Sandrinas Tagebuch: „Papa, ich hasse dich!“ schreit eine Seite. Selbst wenn es um Domestizierungsmaßnahmen an jungen Frauen geht, bleibt Signeyrole objektiv: Mit Gewaltimpulsen und aufflammender Wut reagieren Frauen und Männer. Nur scheinen die Frauen ihre Gefühle und Situationen genauer zu reflektieren. Mit vom szenischen Spiel oft ablenkender Geschwätzigkeit verrät die Kamera alles über die Internatszöglinge. Schon zu Beginn droht sie mit Kippmomenten und Eskalationen.

© W. Hösl

Nencio (Joel Williams), Sandrina (Jessica Niles), Il padre di Nencio (Andrew Gilstrap) und Vespina (Jasmin Delfs)

Nencio (Joel Williams), Sandrina (Jessica Niles), Il padre di Nencio (Andrew Gilstrap) und Vespina (Jasmin Delfs)

Signeyroles Münchner Arbeit gerät schonungsloser als die an Saint-Saëns› „Frédégonde“ in Dortmund, weil es hier um mit Schärfe bebilderte Soziologie geht. Fabien Teignés Detailverliebtheit reicht bis zu eisernen Bettgestellen, verschnörkelten Bronzegriffen der Emaille-Waschbecken und einer Suppenterrine aus weißem Porzellan. Lukas Kaschubes Lichtsäulen durchschneiden die neugotische Dauerdämmerung. Mutter Oberin (Tatjana Smutna) macht Druck mit Drill und grazilen Tischmanieren. Die Grundfarbe des Geschehens von 1955 ist pittoresk wie horribel.

Giedrė Šlekytė und die kleine Besetzung aus dem Bayerischen Staatsorchester mit dem die Psychodynamik am Cembalo kräftig forcierenden Michael Panolya gestalten Haydn in schneidender Brillanz und gerundeten Klangecken. Šlekytės hochpräzise bis coole Souveränität gleitet zum Verkleidungsspuk der Mädchen in eine etwas weichere Dimension. Das musikalische Kunststück erklingt angemessen zum rot-goldenen Prunk des Cuvilliéstheaters, das aus der gleichen Zeit stammt wie Haydns und Marco Coltellinis aufklärerische Versuchsanordnung. Die Grundsatzfragen des in den Rezitativen kräftig gekürzten Stücks nach der Kompatibilität von menschlichem Glück und sozialer Vernunft wird ernst genommen: Einmal mehr hält man Haydn für einen unterschätzten Opernkomponisten, weil seine Partitur Signeyroles und Šlekytės Reibungen von instrumentaler Pracht und pessimistischer Recherche recht gut aushält. Die Solist:innen wirken frisch und leicht. Ihre gesangliche Verve und Direktheit erhebt die düstere Bebilderung in ein schönes Helldunkel.

Geschlechtliche Umgewichtung

Wie im 18. Jahrhunderts oft üblich, schrieb Richard Whilds für diese Produktion die Bassbariton-Partie des Nanni in eine andere Stimmlage um, für Mezzosopran. So kämpft Sandrina bis zu ihrer von Jessica Niles betörend gesungenen Bravourarie für ihr Recht auf freie Partnerinnenwahl. Signeyrole gießt zusätzlich Öl ins Problemfeuer von Haydns ‹Burletta›, indem sie den Kampf von Haydns heterosexuellem Paars auf ein Frauenpaar umverteilt. Sandrinas Liebe zu Nanni (warmer Mezzo: Emily Sierra) bleibt stabil. Nur die Männer sind von dieser Konstellation restlos überfordert. Bei Armando Elizondo (Filippo) und Joel Williams (Nencio) klingen die von Haydn den Tenören anvertrauten Moralpredigten eher geschmeidig als unerbittlich. Im Kontakt Sandrinas mit ihrem recht brutalen Vater Filippo bleibt in der Schwebe, ob dessen fast sexuelle Übergriffe Ursache oder Konsequenz von Sandrinas Entscheidung für Nanni sind.

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Nencio (Joel Williams), Filippo (Armando Elizondo), Sandrina (Jessica Niles) und Vespina (Jasmin Delfs)

Nencio (Joel Williams), Filippo (Armando Elizondo), Sandrina (Jessica Niles) und Vespina (Jasmin Delfs)

Liebe unter Frauen lässt sich nicht zu Besitzmehrung nutzen wie eine normgerechte Zweckheirat! Dieses Männerdilemma ist den Internatsschülerinnen gleichgültig. Die von Nencio wegen der geplanten Heirat mit Sandrina verlassene Vespina (Vokalsilber mit Selbstbewusstsein: Jasmin Delfs) entfesselt im zweiten Teil einen Verkleidungsspuk aller Figuren. Der ist gewaltig und macht Signeyroles fast realistisch begonnene Skizze zu einer Phantasie, die Problemsituationen verschiedener historischer Epochen ineinander treibt und auftürmt: Dass Signeyrole sogar die Aufzucht von fraulichen Arbeitstieren für den industriellen Aufschwung darstellen will, gerät zynisch. Der unentschiedene Nencio singt von seiner Vorliebe für ehrliche Landfrauen, denen er mehr traut als den geschminkten Visagen in der Stadt. In Signeyroles Maskenzauber schlüpft Nencio selbst ins Frauenoutfit. Von Sandrinas Entscheidung für Nanni sind alle Männer überrannt, sogar Andrew Gilstrap als Nencios Vater.

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Sandrina (Jessica Niles) und Nencio (Joel Williams)

Sandrina (Jessica Niles) und Nencio (Joel Williams)

Insgesamt ist das sängerische Niveau sehr hoch. Die Opernstudio-Mitglieder wollen bei ihrem großen Gemeinschaftstauftritt alles richtig machen und das gelingt ihnen. Dabei feilten sie mehr an technischer und spielerischer Perfektion als an den wärmenden Aspekten ihrer Partien. Signeyrole setzt neben der Agilität ein starkes intellektuelles Mitdenken voraus. Dieses befindet sich mitunter in Widerstand zum Ausdrucksgehalt von Haydns Musik und belässt das sängerische Agieren in einer gewissen Kühle. Ein Vakuum zwischen Haydns Happyend und Signeyroles durch Zwang und Zweck angetriebene Handlungsspirale bleibt. Am Ende brennt der Schlafsaal.

Bayerische Staatsoper
L’Infedeltà delusa

Giedrė Šlekytė (Leitung), Marie-Eve Signeyrole (Regie), Fabien Teigné (Bühne & Kostüme), Lukas Kaschube (Licht), Laurent La Rosa (Video), Jasmin Delfs (Vespina), Emily Sierra (Nanni), Jessica Niles (Sandrina), Armando Elizondo (Filippo), Joel Williams (Nencio), Andrew Gilstrap (Il padre di Nencio), Tatjana Smutna (Mutter Oberin), Céline Baril (Live-Kamera), Bayerisches Staatsorchester

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