Opern-Kritik: ROYAL OPERA HOUSE COVENT GARDEN – CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI

Kri­mi des ganz nor­ma­len Lebens

(London, 13.12.2015) Sir Antonio Pappano und Damiano Michieletto beweisen grandios, welch gegenwärtige Sprengkraft der Verismo haben kann

© Catherine Ashmore

Ein Toter liegt an der Later­ne – unweit der klei­nen Bäcke­rei. Die Dorf­ge­mein­schaft fin­det den jun­gen Mann. Sei­ne alte Mut­ter bricht über der Lei­che zusam­men. Gleich einem fil­mi­schen Fores­ha­dowing nimmt Dami­a­no Michie­let­to das ers­te töd­li­che Ende des Veris­mo-Dop­pel­packs zu Beginn von Caval­le­ria Rusti­ca­na vor­weg. Nach 75 span­nungs­pral­len Minu­ten sehen wir exakt die­se Sze­ne noch ein­mal. Anto­nio Pap­pa­no hat bis dahin das lei­den­schaft­li­che An- und Abschwel­len der Phra­sen, all die­ses ener­ge­ti­sche Pul­sie­ren vol­ler süd­li­chem Tem­pe­ra­ment mit sei­nem Orches­ter und einer gefei­er­ten Sän­ger­schar gran­di­os aus­mu­si­ziert. Und Regis­seur Michie­let­to hat dazu prä­zi­se und ein­fühl­sam einem fil­mi­schen Rea­lis­mus gehul­digt, der die eins­ti­gen Schock­wir­kun­gen des Veris­mo mit Bil­dern erneu­ert, die so oder ähn­lich in jeder heu­ti­gen Klein­stadt Sizi­li­ens oder Kala­bri­ens zu sehen sein könn­ten.

Oper als bru­ta­ler Spie­gel der Wirk­lich­keit

Wenn die Oper des Veris­mo der bru­ta­len Wirk­lich­keit den Spie­gel vor­hält, ohne zu schö­nen, ohne mit Thea­ter­schmin­ke zu ver­kleis­tern, was im wah­ren Leben so los ist, dann gelingt die­se ursprüng­li­che Absicht der natu­ra­lis­ti­schen Spiel­art des Musik­thea­ters hier ganz vor­treff­lich. Die Eifer­suchts­ge­schich­te gewinnt in der Aktua­li­sie­rung eine bestür­zen­de Dring­lich­keit. Statt mit sei­nem Pfer­de­ge­spann fährt Alfio mit sei­nem Auto­mo­bil vor, er ist ein fie­ser klein­ma­fiö­ser Gau­ner, dem Bari­ton Dmi­t­ri Pla­ta­ni­as die Züge eines schmie­ri­gen Fett­wans­tes ver­leiht. Sei­nen teno­ra­len Gegen­spie­ler Tur­riddu gibt Yong­ho­on Lee als prä­po­tent bru­ta­len Leder­ja­cken-Macho. Sei­ne stets eine Spur zu lau­ten Töne impo­nie­ren frei­lich der Frau­en­welt, sowohl der feschen Lola, Alfi­os von ihm wohl kaum befrie­dig­ter jugend­li­cher Gat­tin, als auch der in die Jah­re gekom­me­nen San­tuz­za, der Tur­ri­du einst die Ehe ver­spro­chen hat­te.

Bigot­te Gesell­schaft einer Dorf­ge­mein­schaft

Dami­a­no Michie­let­to schaut sehr genau hin, wie eine Dorf­ge­mein­schaft auch heu­te noch auf das reagiert, was nicht sein darf, aber den­noch immer so wahr. Die Oster­sze­ne spitzt er als Sit­ten­ge­mäl­de einer bigot­ten Gesell­schaft zu: Die Mari­en­sta­tue der Pro­zes­si­on selbst ist es, die zum Leben erweckt den Zei­ge­fin­ger auf die Sün­de­rin San­tuz­za erhebt. Eva-Maria West­br­oek ist eine in der Mit­tel­la­ge ein­drucks­voll fül­li­ge und sehr dra­ma­ti­sche, frei­lich auch arg tre­mo­lie­ren­de, in ihrer ver­blü­hen­den Weib­lich­keit zudem sehr tra­gi­sche San­tuz­za. Eine Freu­de ist das durch­weg exzel­len­te Ita­lie­nisch, das in Covent Gar­den zu hören ist, zumal die meis­ten Par­tien gar nicht mit Ita­lie­nern besetzt hin. Ein Urer­leb­nis aus dem Land der Oper indes ist Ele­na Zilio, die ein in jeder Hin­sicht scharf gezeich­ne­tes Por­trait der Mam­ma Lucia ablie­fert.

Aus Caval­le­ria Rusti­ca­na und Pagli­ac­ci wird ein ein­zi­ges Stück

Über­aus cle­ver ver­knüpft Michie­let­to die Caval­le­ria Rusti­ca­na mit dem nach­fol­gen­den Bajaz­zo, indem er bei­de Stü­cke im sel­ben Dorf spie­len lässt und das heim­li­che Lie­bes­paar des zwei­ten Teils via Par­al­lel­hand­lung bereits zu Beginn ein­führt. Denn der Sil­vio-Lieb­ha­ber aus dem Bajaz­zo ist der Bäcker im Pane­fi­cio der Caval­le­ria. Im klei­nen Laden unweit der Later­ne flir­tet Sil­vio schon mal mit der lie­bes­hung­ri­gen Ned­da, die wie ihre Dorf­schwes­ter im Geis­te, Lola, einen älte­ren Mann geehe­licht hat, der er nicht mehr all das geben kann, was sie erwar­tet. Dank der enorm attrak­ti­ven Car­men Giann­at­ta­sio ist die­se Ned­da eine ganz moder­ne eman­zi­pier­te Frau: Sie steckt vol­ler sexu­el­ler Ener­gie, die sich im Ker­ker ihrer Ehe mit Canio auf­ge­staut hat und nach einer selbst­be­stimm­ten Ent­la­dung drängt. Giann­at­ta­sio macht das mit einer emo­tio­nal unge­mein dich­ten Dar­stel­lung deut­lich und einer am Bel­can­to geschul­ten, jeder Wort­nu­an­ce inten­siv nach­spü­ren­den stimm­li­chen Durch­drin­gung.

Die Komö­di­an­ten um ihrem Mann Canio und den unglück­lich in sie ver­guck­ten Tonio zieht in Michie­let­to Regie­lo­gik nun nicht als fah­ren­de Künst­ler­trup­pe von Ort zu Ort. Viel­mehr spie­len sie das Spiel im Spiel der Bajaz­zo-Hand­lung in der Schul­au­la ihres Dor­fes. Die Eifer­suchts­sze­ne beginnt zunächst hin­ter den Kulis­sen, kippt dann in die im Sti­le von Opas Mot­ten­kis­ten­oper gespiel­te Komö­di­en­hand­lung, aus der sie mit Cani­os Dop­pel­mord an sei­ner Frau und ihrem Lieb­ha­ber Sil­vio gän­se­haute­vo­zie­rend wie­der in die Wirk­lich­keit fällt. Ein per­fek­ter Trick, um den einst von Leon­ca­vallo behaup­te­ten Rea­lis­mus fri­sches ech­tes Thea­ter­blut zuzu­füh­ren.

Welt­klas­se-Beset­zung

Die Beset­zung ist pure Welt­klas­se: Alek­san­drs Anto­nen­ko ist ein Canio alter Schu­le, mit all dem fest fokus­sier­ten Metall sei­nes Hel­den­te­nors erin­nert er an den gro­ßen Rus­sen Wla­di­mir Atlan­tow. Und der musi­ka­li­sche Haus­herr diri­giert wie­der­um einen elek­tri­fi­zie­ren­den Veris­mo vol­ler Glut, vol­ler Zwi­schen­tö­ne, vol­ler Far­ben: Sir Anto­nio Pap­pa­no ist und bleibt einer der bedeu­tends­ten Opern­di­ri­gen­ten unse­rer Zeit. Da er Lon­don treu bleibt, müs­sen sich deut­sche Opern­fans nur immer wie­der auf den Weg an die Them­se machen, um ihn zu erle­ben. Der Weg lohnt jeden Pen­ny der hohen Ein­tritts­prei­se. Die Roy­al Ope­ra zeigt sich in könig­li­cher Ver­fas­sung.

Roy­al Ope­ra House Covent Gar­den

Mas­ca­gni/Leoncavallo: Caval­le­ria Rusticana/Pagliacci

Aus­füh­ren­de: Anto­nio Pap­pa­no (Lei­tung), Dami­a­no Michie­let­to (Insze­nie­rung), Pao­lo Fan­tin (Bühne),Carla Teti (Kos­tü­me), Yong­ho­on Lee, Ele­na Zilio, Eva-Maria West­br­oek, Dmi­t­ri Pla­ta­ni­as, Mar­ti­na Bel­li, Alek­san­drs Anto­nen­ko, Car­men Giann­at­ta­sio, Ben­ja­min Hulett, Dio­ny­si­os Sou­bris

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