Opern-Kritik: Oper Köln – Benvenuto Cellini

Déjà-vu am Rhein

(Köln, 15.11.2015) Das katalanische Künstlerkollektiv „La fura dels Baus“ bebildert Berlioz

© Paul Leclaire

Erst vor zwei Wochen hat­te in Bonn Ber­li­oz‘ Ben­ven­uto Cel­li­ni Pre­mie­re. Jetzt eröff­ne­te das­sel­be Stück die Opern­spiel­zeit in Köln – im neu­en Inte­rims­spiel­ort, dem in Rekord­zeit bespiel­bar gemach­ten Staa­ten­haus auf dem Deut­zer Mes­se­ge­län­de. Vor­her ist das Stück an bei­den Orten nie gespielt wor­den – ein merk­wür­di­ger Zufall unko­or­di­nier­ter Spiel­plan­po­li­tik.

In Bonn hat die Cho­reo­gra­phin Lau­ra Scoz­zi mit gro­ßem Erfolg ver­sucht, die Gegen­wär­tig­keit von Ber­li­oz‘ Debü­toper zu bewei­sen, indem sie sei­ne sta­ti­sche Tableau-Dra­ma­tur­gie dyna­mi­siert und das für fran­zö­si­sche Oper typi­sche Sen­ti­ment mit der gebo­te­nen Ele­ganz iro­ni­siert hat. In Köln geht das kata­la­ni­sche Per­for­mance-Kol­lek­tiv „La Fura dels Baus“ einen voll­kom­men ande­ren Weg. Sie sehen Ben­ven­uto Cel­li­ni als Künstler‑, vor allem als Kunst­dra­ma.

Die Hand­lung wird nicht erzählt, son­dern auf zwei wider­strei­ten­den Kanä­len illus­triert

Auf die „Fura“-typische Art und Wei­se wird die gesell­schaft­li­che Rol­le der Kunst emble­ma­ti­siert und nahe­zu bloß­ge­stellt. Die Hand­lung wird nicht erzählt, son­dern gleich­sam auf zwei wider­strei­ten­den Kanä­len bebil­dert. Der ers­te speist sich aus denk­bar nai­ven, von der Geschich­te aus­ge­lös­ten Illus­tra­tio­nen, der zwei­te bie­tet gro­ße, durch Grün­deln im his­to­ri­schen und kul­tu­rel­len Umfeld des Wer­kes gefun­de­ne Bil­der. Die­se inter­agie­ren mit der Musik, las­sen sich aber kaum gedank­lich nach­voll­zie­hen.

Da neh­men im gro­ßen Thea­ter­ta­bleau vor der Pau­se plötz­lich qual­len­ar­ti­ge, vom Köl­ner Ensem­ble „Angels Aeri­als“ vir­tu­os an Sei­len durch die Luft beweg­te Misch­we­sen die Büh­ne ein. Und immer wie­der drän­gen trans­pa­ren­te Plas­tik­schläu­che ins Bild, die krie­chen­de Krea­tu­ren beher­ber­gen, Figu­ren aus­spei­en und Kunst­stoff­hau­fen zum Ein­sturz brin­gen. Das ist ein­drucks­voll, aber eben nicht sinn­stif­tend oder ziel­füh­rend, gele­gent­lich gar belie­big, arbei­tet den­noch die schon erwähn­te Sta­tik der Dra­ma­tur­gie deut­lich her­aus.

Kölns neu­er Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor fal­tet die Musik mit extrem nuan­cier­ter Farb­pa­let­te auf

Fran­cois-Xavier Roth, der neue Köl­ner Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor, hat sich für sein ers­tes Köl­ner Opern­di­ri­gat die Urfas­sung von Ben­ven­uto Cel­li­ni aus­ge­sucht, nahe­zu drei­ein­halb Stun­den Musik, die er mit extrem nuan­cier­ter Farb­pa­let­te unge­mein stil­si­cher auf­fal­tet. Die Tem­pi sind eher lang­sam, sodass an eini­gen Stel­len, auch wegen des aus­ufern­den Umfangs, die Span­nung ver­lo­ren zu gehen droht. Dafür spielt das Gür­ze­nich-Orches­ter, singt der Chor so gut wie in der Oper lan­ge nicht mehr.

Thea­tra­lisch erwacht die Titel­fi­gur nicht zum Leben

Als zen­tra­les Pro­blem von Insze­nie­rung und Fas­sung erweist sich die Titel­fi­gur. Die­ser Ben­ven­uto Cel­li­ni – das his­to­ri­sche Vor­bild ist der ältes­te beleg­te Künst­ler-Auto­bio­graph – ist eigent­lich unge­heu­er char­mant und von sich und sei­nem Künst­ler­tum so über­zeugt, dass er sich abso­lut alles her­aus­nimmt. Er ent­führt die Frau, die er begehrt, er bringt einen um, der ihm Wider­stand leis­tet, er wider­spricht dem Papst. In Köln lässt einen das alles kalt. Fer­di­nand von Both­mer nähert sich der mör­de­ri­schen Par­tie musi­ka­lisch über­aus geschmack­voll und wird ihr mit wun­der­schö­nem tie­fem Tenor­re­gis­ter und schö­nen Fal­sett­ef­fek­ten, trotz Pro­ble­men im Regis­ter­aus­gleich im Gro­ßen und Gan­zen gerecht. Aber thea­tra­lisch erwacht die Figur nicht zum Leben – wofür der Inter­pret kaum ver­ant­wort­lich zu machen ist.

Star­ke Sän­ger

Aus­schließ­lich erfreu­li­ches bei den ande­ren Sän­gern: Emi­ly Hind­richs (Tere­sa) lie­fert als Objekt der Begier­de im unvor­teil­haf­ten Ein­tei­ler eine fast per­fek­te femme fra­gi­le- Stu­die ab. Kat­rin Wund­sam legt Cel­li­nis Lehr­ling Asca­nio über­ra­schend damen­haft an und zieht ihm dann bril­lant die Hosen aus. Niko­lay Diden­ko singt den Papst mit erze­nen Bass­tö­nen nahe­zu rol­len­spren­gend, und Niko­lay Bor­chev wer­tet Cel­li­nis Gegen­spie­ler Fiera­m­os­ca mit höhen­star­kem, dif­fe­ren­ziert und nicht sel­ten wit­zig phra­sier­tem Bari­ton zur Haupt­fi­gur auf.

Oper Köln im Staa­ten­haus

Ber­li­oz: Ben­ven­uto Cel­li­ni

Fran­cois-Xavier Roth (Lei­tung), La Fura dels Baus: Car­lus Pad­ris­sa (Regie), Roland Olbe­ter (Büh­ne), Chu Uroz (Kos­tü­me); Fer­di­nand von Both­mer, Emi­ly Hind­richs, Kat­rin Wund­sam, Vin­cent Le Texier, Niko­lay Bor­chev, Niko­lay Diden­ko, Gür­ze­nich-Orches­ter Köln, Chor und Extra­chor der Oper Köln

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