Zum Tod von Menahem Pressler

Wann die Welt in Ordnung war

Der große Pianist Menahem Pressler verstarb am Wochenende in London.

© Sasha Gusov

Menahem Pressler

Er lerne gerade ein neues Stück, das Streichquintett von César Franck, erzählte Menahem Pressler 2018 concerti. Und sezierte sogleich die besonderen pianistischen Anforderungen des Werks. Später diktierte er ins Notizbuch: „Wenn ich Klavier spiele, fühle ich mich wie fünfzig, wenn ich unterrichte wie vierzig. Aber wenn ich die Treppe raufgehe, dann spüre ich mein Alter.“ Die Frage, wie man noch all das leisten kann – CD-Aufnahmen, Konzerte, Üben, Fototermine, ständige Zeitverschiebungen – hat sich dadurch erübrigt: Musik war für den Pianisten ein Lebensmittel. Mit Blick auf seine Kindheit und Jugend müsste man noch hinzufügen: Überlebensmittel.

Geboren wurde Pressler mit Vornamen Max, 1923 in Magdeburg. Die Machtübernahme der Nazis hatte für den Juden zur Folge, dass er das Gymnasium verlassen musste. Mit fünfzehn floh er dann mit seiner engsten Familie nach Palästina, der erweiterte Familienkreis kam im Holocaust ums Leben. In dieser Zeit wollte er nicht mehr essen, wäre fast verhungert. Die Musik verhalf ihm jedoch wieder zu Lebensmut, und so spielte und spielte er Klavier, buchstäblich bis zur Ohnmacht. Nach dem Gewinn des Debussy-Wettbewerbs 1946 in San Francisco entschloss sich Pressler, der sich bald den Namen Menahem geben sollte, zur Übersiedelung in die USA, studierte bei Bruno Walter. Alle Zeichen standen auf eine glanzvolle Solokarriere, doch stattdessen gründete Pressler 1955 das legendäre Beaux Arts Trio. Die Violinen und Celli wechselten, das Klavier blieb die Konstante, 53 Jahre lang. Am Ende wollte er keinen weiteren Geiger mehr erziehen, so begründete er das Ende der Ensemblearbeit. Sie markierte zugleich einen Neuanfang, denn der nunmehr 85-Jährige startete als Solopianist durch. Eine Kuriosität allemal, vor allem aber ein unschätzbarer Gewinn für die Musikwelt der letzten anderthalb Jahrzehnte: Musikalische Reife, nobler und präziser Anschlag, klangliche Frische, bisweilen jugendhafte Lebensfreude: Hörte man Menahem Pressler zu, war die Welt in Ordnung, war das Leben einfach schön.

Mit seiner Heimat Magdeburg, mit dem einst so feindseligen Land Deutschland, hat sich Menahem Pressler schnell versöhnt. Schon elf Jahre nach Kriegsende gab er dort Auftritte. Auch mit seinen Kindern in Amerika soll er Deutsch gesprochen haben. Drei Staatsbürgerschaften besaß er, sie alle hatten für Pressler eine besondere Bedeutung: Deutsch sei seine Muttersprache; Amerika sei der Ort seiner größten Erfolge; und Israel habe ihm das Bewusstsein gegeben, Mensch zu sein, erwünscht zu sein. Am Samstag starb Menahem Pressler mit 99 Jahren in London.

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