Interview Vilde Frang

„Ich war alles, garan­tiert aber kein Wun­der­kind“

Plakative Superlative und Schubladen mag Vilde Frang zwar gar nicht. Und dennoch: Die Norwegerin gehört zweifellos zu den besten Geigerinnen ihrer Generation

© Marco Borggreve

Vilde Frang

Mag es drau­ßen auch noch kühl sein, Vil­de Frang braucht erst ein­mal fri­sche Luft: Also das Stu­dio-Fens­ter geöff­net – und obwohl die Gei­ge­rin nur ein leich­tes Ober­teil trägt, zeigt sie kein Frös­teln und macht auch kei­ne Anstal­ten, die Fens­ter­flü­gel wie­der zu schlie­ßen. Typisch Nor­we­ge­rin eben...

Zum Ein­stieg ein Zitat von Ihnen: „Musik stellt per­ma­nent Fra­gen, auf die man als Inter­pret Ant­wor­ten fin­den muss“ – fin­den sie immer Ant­wor­ten?

Man­che Ant­wor­ten habe ich noch nicht gefun­den, dafür wird es noch ein paar Jah­re brau­chen, viel­leicht auch Jahr­zehn­te. Doch sobald du eine Ant­wort gefun­den hast, tut sich eine neue Fra­ge auf: Du hast also das Pro­blem nicht wirk­lich gelöst. Viel­leicht soll­ten wir uns daher zu ver­schie­de­nen Zei­ten unse­res Lebens bestimm­te Fra­gen aufs Neue stel­len.

War­um das?

Wir ver­brin­gen ja unser Leben mit die­sen Kom­po­nis­ten – und so wie sich unse­re Bezie­hung zu ihnen ver­än­dert, so ver­än­dern sich auch die Bedeu­tung der Ant­wor­ten und Fra­gen. Als Vier­jäh­ri­ge war die Bedeu­tung eine ganz ande­re als nun mit 29 Jah­ren oder eines Tages mit 50. Für mich ist das eine ewi­ge Suche – und trotz­dem hof­fe ich, dass irgend­wann der Tag kom­men wird, wo ich alle Ant­wor­ten gefun­den habe: Dann hät­te ich als Musi­ke­rin mei­ne Erfül­lung gefun­den.

Wel­che Ant­wor­ten haben Sie denn noch nicht gefun­den?

Es gibt Wer­ke, die für mich wie eine Bibel sind, denen gegen­über ich einen gewal­ti­gen Respekt habe und wo Men­schen sagen: Hal­te dich zum jet­zi­gen Zeit­punkt von die­sem Stück fern, denn du soll­test es nicht anrüh­ren, bevor du nicht durch gewis­se Kri­sen gegan­gen bist und weißt, was Leben eigent­lich bedeu­tet.

Man kann sich das Leben auch schwer machen ...

... in der Tat ist das ein gefähr­li­cher Denk­an­satz. Und den­noch: Beet­ho­vens Vio­lin­kon­zert etwa ist für mich ein wenig wie die Mona Lisa – du siehst das Lächeln, aber du begreifst ihr Lächeln nicht wirk­lich: Lächelt sie mir zu oder lächelt sie über mich? Ich bin noch nicht wirk­lich so weit, dass ich das ver­ste­hen könn­te – und so ähn­lich ist es mit Beet­ho­ven.

Inwie­fern?

Wäh­rend ich noch mit mir und mei­nem Cha­rak­ter kämp­fe, steht er über den Din­gen. Und da kann es sehr schwie­rig sein, die Balan­ce zu fin­den. Es braucht ein­fach Zeit, um die­se zu fin­den, denn sie ereig­net sich in dei­nem Inne­ren.

© Mar­co Borggreve/WarnerClassics

Vilde Frang

Vil­de Frang

Wenn Sie aber nun jedes Mal aufs neue Fra­gen stel­len, auch an wohl bekann­te Wer­ke, fin­den Sie da wirk­lich immer neue Ant­wor­ten?

Es soll­te kein Selbst­zweck sein, eine neue Ant­wort zu fin­den, etwas Neu­es oder auch Ande­res in einem Werk zu ent­de­cken: Damit kommt man nicht wirk­lich weit. Bin ich von etwas über­zeugt und habe das Gefühl, in einer Mis­si­on für die­ses Musik­stück unter­wegs zu sein, für die­sen Kom­po­nis­ten und das Werk zu bren­nen: Dann soll­te es in dem Moment kei­ne Fra­gen mehr geben. Dann bin ich ganz Musik – und wenn ich das errei­che, so ist das für mich der per­fek­te Moment.

Ist es Ihnen schon ein­mal mit einem Werk so ergan­gen?

Mit dem Brit­ten-Kon­zert habe ich mich die­sem Zustand sehr nahe gefühlt: Das war und ist eine Mis­si­on für mich. Ich habe das Stück nicht mehr nur allein auf­ge­führt, son­dern es ist zu einem Teil mei­ner Selbst gewor­den – das ist der See­len- und Bewusst­seins­zu­stand, den ich mir immer wün­schen wür­de (lacht).

Nicht zuletzt ob die­ses Eins­wer­dens mit der Musik wer­den Sie häu­fig als „Jahr­hun­dert­ta­lent“ gehan­delt – belas­ten Sie sol­che Vorschuss­lorbeeren?

Ich den­ke, dass ich sehr viel bes­ser spie­le, wenn die Leu­te nicht so nett zu mir sind (lacht). Solch posi­ti­ve Kri­ti­ken set­zen mich nur unter Druck und das ent­fernt mich auch von mei­ner eigent­li­chen Per­sön­lich­keit. Nein, das ist nicht mein wirk­li­ches Ich, das dort abge­bil­det wird.

Doch die Men­schen ver­pas­sen ande­ren nun ein­mal gern bestimm­te Eti­ket­ten ...

... um sie dann in eine Schub­la­de zu ste­cken – ja, ich weiß es wohl! Doch die sind so ober­fläch­lich und oft auch falsch: Als ich klein war, haben die Leu­te gesagt, ich sei ein Aus­nah­me­ta­lent oder Wun­der­kind – ich war alles, aber garan­tiert kein Wun­der­kind!

© Mar­co Borggreve/WarnerClassics

Vilde Frang

Vil­de Frang

War­um mögen Sie die­ses Label nicht?

Ein Wun­der­kind ist jemand, der all die gro­ßen Vio­lin­kon­zer­te schon früh per­fekt spielt – Menu­hin war solch ein Wun­der­kind, und es hat sicher auch vie­le ande­re gege­ben wie Anne-Sophie Mut­ter, Sarah Chang oder Mido­ri. Mei­ne Kind­heit aber war gera­de­zu mär­chen­haft, denn ich bin in einer sehr fried­li­chen Umge­bung in Nor­we­gen auf­ge­wach­sen und habe eine wun­der­ba­re Erzie­hung genos­sen. Ich habe viel gele­sen, bin viel in die Oper und ins Thea­ter gegan­gen und auch sonst kei­nes­wegs iso­liert vom nor­ma­len Leben groß gewor­den.

Immer­hin stan­den sie schon als Zwölf­jäh­ri­ge mit Mariss Jan­sons auf der Büh­ne.

Als ich von ihm damals als Solis­tin für ein Kon­zert mit den Oslo­er Phil­har­mo­ni­kern enga­giert wur­de, haben die Leu­te natür­lich gesagt: Das ist jetzt der Beginn einer Wun­der­kind-Kar­rie­re – doch tat­säch­lich hat es vie­le Jah­re gedau­ert, bis mei­ne Kar­rie­re Rea­li­tät gewor­den ist, lang­sam, aber mit viel Bedacht. Und ich bin wirk­lich dank­bar, dass es kein gro­ßer Knall gewe­sen ist, son­dern ich in Ruhe nach Deutsch­land gehen und stu­die­ren konn­te und Zeit hat­te zu rei­fen: Das war das, was ich gebraucht habe.

War das wirk­lich eine ganz nor­ma­le Kind­heit? Schließ­lich waren Sie ja zwei Jah­re zuvor auch schon mit dem Nor­we­gi­schen Rundfunk­orchester auf­ge­tre­ten.

Mit dem inten­si­ven Üben habe ich wirk­lich nicht ange­fan­gen, bevor ich mit 15 die Schu­le been­det hat­te. Als Elf­jäh­ri­ge hat­te ich Anne-Sophie Mut­ter getrof­fen und sie wur­de für mich zu einer Art Men­to­rin: Ich habe ihr Auf­nah­men von mir geschickt und ihr geschrie­ben – und als ich 15 wur­de, hat sie mich dann nach Mün­chen zu einem Vor­spiel ein­ge­la­den und mir gera­ten, die Schu­le zu been­den und nach Deutsch­land zum Stu­di­um zu gehen.

Ein sehr frü­her Abgang von der Schu­le...

... doch mir ist sehr schnell klar gewor­den, dass ich mich künf­tig wirk­lich voll und ganz der Musik ver­pflich­ten woll­te. Zuvor hat­te ich nie Ton­lei­tern geübt, ich war sehr faul und stur und dach­te: Ton­lei­tern sind lang­wei­lig, die brauchst du ohne­hin nicht. Doch von da an habe ich ange­fan­gen, mich inten­siv mit all den Grund­la­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen – für mich und mei­ne Tech­nik sind das ent­schei­den­de Jah­re gewe­sen.

Inwie­fern?

Damals habe ich sehr viel ver­än­dert: Ich bin sehr ernst­haft an die Sache her­an­ge­gan­gen – und das hat­te sehr viel mit Frau Mut­ter zu tun, denn mich hat ihre Fokus­sie­rung, ihre Genau­ig­keit und Dis­zi­plin unge­heu­er beein­druckt, ja fas­zi­niert. Spä­ter hat sie mir dann gera­ten, alles etwas ent­spann­ter anzu­ge­hen, etwas weni­ger ernst­haft und statt­des­sen mehr zu genie­ßen (lacht) – da war ich schon über­rascht, dass die­ser Vor­schlag gera­de von ihr kam.

Was war denn das Prä­gends­te, das Sie von Anne-­So­phie Mut­ter gelernt haben?

Dass sie mich ermu­tigt hat, mei­nem eige­nen Bauch­ge­fühl zu ver­trau­en, mei­nen Instink­ten zu fol­gen und mei­ne eige­ne Stim­me zu fin­den: Immer wie­der hat sie betont, wie wich­tig das sei. Bis­wei­len bin ich mir ihr auf Tour gewe­sen, und dann hat sie mich in Muse­en geführt wie das Gug­gen­heim in New York oder in die Neue Pina­ko­thek in Mün­chen: Sie woll­te, dass ich mei­nen Hori­zont erwei­te­re und die Musik auch in einem grö­ße­ren Zusam­men­hang betrach­te, in wel­cher Bezie­hung etwa Debus­sy und Fau­ré zu Clau­de Monet stan­den. Für mich war das damals wie eine gro­ße Vit­amin­sprit­ze.

Bis heu­te spie­len Sie die Vio­li­ne von Jean-Bap­tis­te Vuil­laume, die Ihnen einst der Freun­des­kreis der Anne-Sophie ‑Mut­ter­-Stif­tung zur Ver­fü­gung gestellt hat ...

... ja – inzwi­schen habe ich das Instru­ment gekauft. Die­se Gei­ge ist wie ein Boo­me­rang, denn sie ist immer wie­der zu mir zurück­ge­kom­men. (lacht) Über die Jah­re habe ich ver­schie­de­ne Instru­men­te gespielt: eine Berg­on­zi-Vio­li­ne, für eini­ge Jah­re eine Stra­di­va­ri, auch eine Gua­d­a­gni­ni habe ich ver­sucht – und doch hat es mich immer wie­der zu Jean-Bap­tis­te gezo­gen. Es ist ein sehr lyri­sches Instru­ment und besitzt zugleich eine gro­ße Per­sön­lich­keit: Es kennt mich sehr gut und ich ken­ne die­ses Instru­ment wirk­lich gut – auch sei­ne Gren­zen. Manch­mal muss ich mit ihm auch kämp­fen, es wie eine Kuh behan­deln und jeden Tag mel­ken, um wirk­lich alle Dimen­sio­nen sei­nes Klang­kör­pers her­aus zu kit­zeln. Sie ist wirk­lich eine sehr inter­es­san­te Krea­tur, mei­ne Gei­ge (lacht).

CD-Tipp

Termine

Sonntag, 26.03.2023 19:00 Uhr Philharmonie Essen

Vil­de Frang, City of Bir­ming­ham Sym­pho­ny Orches­ter, Mir­ga Gra­zi­nyte-Tyla

Elgar: Violinkonzert h-Moll op. 61, Prokofjew: Romeo und Julia op. 75

Dienstag, 28.03.2023 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Vil­de Frang, City of Bir­ming­ham Sym­pho­ny Orches­tra, Mir­ga Graži­nytė-Tyla

Elgar: Violinkonzert h-Moll op. 61, Prokofjew: Romeo und Julia op. 64 (Auszüge)

Mittwoch, 29.03.2023 20:00 Uhr Isarphilharmonie München

Vil­de Frang, City of Bir­ming­ham Sym­pho­ny Orches­tra, Mir­ga Graži­nytė-Tyla

Elgar: Violinkonzert h-Moll op. 61, Prokofjew: Musik zu „Romeo und Julia“ op. 64

Samstag, 15.04.2023 19:30 Uhr Neue Universität Heidelberg
Sonntag, 16.04.2023 16:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Vil­de Frang, B'Rock Orches­tra, Maxim Emely­any­chev

Karmanov: Green DNK, Schumann: Violinkonzert d-Moll WoO 1, Schnittke: Suite im alten Stil für Violine und Klavier, Haydn: Sinfonie Nr. 103 Es-Dur „Mit dem Paukenwirbel“

Rezensionen

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