Interview Leila Josefowicz

„Es hat lange gebraucht, mich selbst zu finden“

Leila Josefowicz über analytisches Denken, Schostakowitsch als Therapeut – und über ihre Aufgabe als Interpretin im Räderwerk der Musik.

© Tom Zimberoff

„Jetzt erst fühle ich mich wie eine professionelle Geigerin“

Leila Josefowicz: „Jetzt erst fühle ich mich wie eine professionelle Geigerin“

Die Pfade von Wunderkindern sind mannigfach, doch der musikalische Weg der Geigerin Leila Josefowicz war nochmal anders: Sie verschrieb sich mehr und mehr der Neuen Musik und pflegte fast schon nebenher das gewöhnliche Geigenrepertoire. Eine Sache aber ist dennoch wunderkindtypisch: Ihr Weg war steinig.

Ihre Mutter Wendy ist Genetikerin. Ihr Vater Jack Physiker. Welche Rolle hat die Musik in Ihrem Elternhaus gespielt?

Leila Josefowicz: Mein Vater liebte Violinmusik, als Kind wurde ich deshalb sehr gefördert. Ich sah die Reaktion meiner Eltern auf meine Fortschritte und merkte, wie glücklich es beide machte.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie die Träume Ihrer Eltern umsetzen sollten?

Josefowicz: Eigentlich nicht. Sie liebten einfach den Klang der Violine.

Naturwissenschaftler wie Ihre Eltern sind meist analytisch veranlagt. Überwiegt bei Ihnen das Musische oder das Analytische?

Josefowicz: Ich nehme an, beides. Denn auch ich kann sehr analytisch und systematisch sein. Besonders im musikalischen Bereich. Das erklärt sich aus meiner Faszination für Neue Musik und der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Partituren. Besonders die Zweite Wiener Schule hat mich sehr interessiert, und die muss man ja wegen ihrer oft mathematischen Strukturen analytisch angehen. Für mich ist diese Zeit eine sehr wichtige Periode in der Musik. Gleichzeitig gibt es dort auch eine sehr emotionale Welt, die es zu entdecken gilt und die ausschlaggebend ist. Umgekehrt formuliert: Aus einer großen Mathematik-Formel entsteht nicht unbedingt ein großes Werk.

Der Mathematiker James Joseph Sylvester beschrieb die Musik als Mathematik des Gefühls und die Mathematik als Musik des Verstandes. Beide hätten die gleiche Seele.

Josefowicz: Naja, ich habe drei Söhne, acht, elf und siebzehn. Ich kann den jüngeren allerdings nicht auf der High School in Mathe helfen. Der Jüngste will wirklich gerne Violine spielen. Ich hatte nie diese Vorstellung, dass eines meiner Kinder eine Geigenlaufbahn einschlägt. Er liebt es wirklich. Das hat mich wirklich überrascht.

Dabei waren auch Sie ein Geigenwunderkind. Was war das Beste aus dieser Zeit, was das Schwierigste?

Josefowicz: Ohne groß darüber nachzudenken: Das Beste war, dass mir die große Liebe zur Musik geblieben ist. Ich liebte es, dass beim Geigenspiel der ganze Körper gefordert wird. Dieser körperliche Aspekt lag mir sehr, weil ich auch Sport mag. Und ich hatte wohl auch eine Menge Energie. Das Härteste war, dass ich keine Kontrolle über etliche Faktoren meines Lebens hatte, mich sehr oft fremd­bestimmt fühlte. Es hat sehr viele Jahre gebraucht, um mich selbst zu finden und zu er­fahren, wer ich wirklich bin, und nicht, wie andere mich wollen.

Bereits als Kind traten Sie auf Hollywood-Partys auf und in großen Konzertsälen sowie im Fernsehen. Sie hatten einen Vertrag mit der mächtigen Künstleragentur IMG.

Josefowicz: Ich wusste damals wirklich nicht, wer ich eigentlich bin. Mein Repertoire heute ist ein ganz anderes als früher, es steht sehr viel mehr für meine Identität als Musikerin.

Was empfinden Sie, wenn Sie Ihre Kinderfotos mit den weißen Kleidchen und den Schleifchen im Haar sehen oder das Werbebild für ein Chanel-Parfüm?

Josefowicz: Über die Jahre betrachte ich die Fotos immer wieder aus unterschiedlicher Perspektive. Wenn ich die Fotos von mir als junges Mädchen sehe, denke ich manchmal, wie erwachsen ich doch war oder sein musste. Manchmal tue ich mir selbst leid. Doch dann habe ich auch Momente und sage mir: Wow, was für ein starkes Kind ich doch war, in diesem jungen Alter auf der Bühne zu stehen und dies alles zu machen. Es ist kompliziert und Ihre Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn sie berührt auch die persönliche Dynamik zwischen Eltern und Kind. Ich habe sehr, sehr viel an diesem Thema gearbeitet. Die Jahre zwischen fünfzehn und dreißig waren mitunter die schwierigsten. Da fing ich an, sehr kritisch zu werden.

© Tom Zimberoff

Kommt aus einem naturwissenschaftlichen Elternhaus: Leila Josefowicz

Kommt aus einem naturwissenschaftlichen Elternhaus: Leila Josefowicz

Kommt aus einem naturwissenschaftlichen Elternhaus: Leila Josefowicz

Sie verpassten wichtige Lebenserfahrungen, konnten wegen eines Auftritts etwa Ihr Diplom am Curtis Institut nicht persönlich entgegennehmen.

Josefowicz: Als Mutter möchte ich heute nicht, dass sich manches wiederholt. In meinen Zwanzigern begann ich darüber nachzudenken, dass ich mir eine neue, wahrhaftige Identität aufbauen musste, und das ging nur über das Repertoire. Und ich bin sehr, sehr glücklich, dass es Komponisten gab, die mir dabei halfen, einen neuen Weg zu finden. Vielen Künstlern, die als Kinder sehr erfolgreich waren, gelingt das nicht. Bei Schauspielern sieht man das. Das ist ein schwerer Prozess.

Sie sagten einmal, dass Dmitri Schostakowitsch Ihr Therapeut gewesen sei, ausgerechnet eine doch pessimistische Musikerpersönlichkeit.

Josefowicz: Na ja, es war ja nicht seine Persönlichkeit, sondern sein Werk, dass mich mich neu definieren ließ. So viele Menschen, die sehr jung erfolgreich waren, scheitern dann schrecklich. Aber ich bin immer noch am Leben, dank der Musik. Es gab dann doch ein Licht am Ende des Tunnels, Menschen, die an mich glaubten. Der Komponist John Adams ist einer, der mich unterstützte und sehr wichtig für mich wurde. Er kennt mich sehr gut. Aber auch Oliver Knussen oder Esa-Pekka Salonen. Mit achtzehn oder neunzehn kannte ich diesen musikalischen Reichtum nicht, nur das übliche Standardrepertoire. Damals ging es nur darum, was die Labels haben wollten. Jetzt erst fühle ich mich wie eine professionelle Geigerin – mit 46 Jahren! Obwohl ich schon seit über 35 Jahren auf der Bühne stehe. Das ist doch irrsinnig.

Hat die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik Ihren Blick auf das traditionelle Repertoire geändert?

Josefowicz: Ja. Man sieht die Details einer Komposition viel klarer, doch noch wichtiger ist, dass ich jetzt meinen eigenen Instinkten traue. Ich möchte keine vergangene Musik spielen, sondern Musik, die jetzt geschrieben wird, von Menschen, die heute leben.

Komponisten haben Ihnen Werke gewidmet.

Josefowicz: Das macht mich sehr stolz und ich spüre dann eine sehr große Verantwortung für das Werk. Denn wenn ein Komponist etwas schreibt, dann ist das ja nicht nur für mich, sondern ein Geschenk an die Welt der Musik. Komponisten brauchen Interpreten. Und Interpreten brauchen Komponisten. Wenn ich so helfen kann, dann bin ich sehr dankbar.

In Deutschland spielen Sie Matthias Pintschers Violinkonzert „Assonanza“.

Josefowicz: Matthias versteht sehr viel vom Geigenspiel, doch sein Konzert ist kein geigenspezifisches Stück. Ich mag das, denn die interessantesten Werke für Geige sind nicht unbedingt die, in denen es um technische Schwierigkeiten oder Herausforderungen geht. Es geht vielmehr um die musikalische Idee und die Vision. Und es ist mein Job, diese Vision herauszuarbeiten und umzusetzen. Es geht darum, etwas zu sagen, nicht um die sportive Leistung. Matthias’ Musik strahlt etwas Unerklärliches, Schicksalhaftes aus und führt in eine andere Dimension. Als ich diese Musik erstmals hörte, dachte ich mir: Genau das ist es!

Sie sind jetzt mit der Jungen Deutschen Philharmonie auf Tour. Wer tut sich später leichter im Musikbetrieb: das einstige Wunderkind oder das Kind mit einer normalen musikalischen Entwicklung?

Josefowicz: Auch darauf habe ich keine eindeutige Antwort, denn jeder Mensch ist anders, hat andere Eltern. Ich kann es trotz meiner Vergangenheit wirklich nicht sagen, denn jeder geht seinen eigenen Weg, so wie ich auch. Ein junger Musiker, eine Musikerin will spielen und dann wird er oder sie eben auch üben. Es hat sehr viel auch mit den Eltern zu tun, wie sie damit umgehen. Wenn das Kind sich so frei fühlt und sagen darf, dass es heute mal nicht üben will, und die Eltern dies respektieren, dann ist alles gut. Dennoch: Musik ist eine der gesündesten Beschäftigungen, die es für den Menschen gibt.

Termine

Mittwoch, 13.03.2024 19:30 Uhr Stadttheater Aschaffenburg

Leila Josefowicz, Junge Deutsche Philharmonie, John Storgårds

Bartók: Der wunderbare Mandarin, Pintscher: Mar’eh, Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43

Donnerstag, 14.03.2024 19:30 Uhr Graf-Zeppelin-Haus Friedrichshafen

Leila Josefowicz, Junge Deutsche Philharmonie, John Storgårds

Bartók: Suite op. 19 „Der wunderbare Mandarin“, Pintscher: Mar´eh, Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43

Dienstag, 19.03.2024 20:00 Uhr Philharmonie Berlin

Leila Josefowicz, Junge Deutsche Philharmonie, John Storgårds

Bartók: Der wunderbare Mandarin, Pintscher: mar’eh, Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43

Mittwoch, 20.03.2024 19:30 Uhr Kulturpalast Dresden

Leila Josefowicz, Junge Deutsche Philharmonie, John Storgårds

Bartók: Der wunderbare Mandarin, Pintscher: Mar’eh, Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43

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