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Interview Matthias Kirschnereit

„Jedes Jahr öffnet sich eine neue Tür!“

Das Abtauchen in die Seelengründe der Komponisten vergleicht Matthias Kirschnereit mit einem Jungbrunnen. Auch seine „Gezeitenkonzerte“ erfinden sich stets neu.

vonSören Ingwersen,

In Rostock unterrichtet er als Professor für Klavier, und im Rahmen seiner „Gezeitenkonzerte“ bietet er mit den langen Nächten der „Gipfelstürmer“ und dem „Piano Panorama“ jungen Künstlerinnen und Künstlern ein Forum. Dass Pianist Matthias Kirschnereit sich so sehr für den Nachwuchs einsetzt, hat vielleicht auch mit seiner eigenen Künstlerbiografie zu tun, die alles andere als gewöhnlich ist.

Herr Kirschnereit, Sie haben vor zwei Jahren Ihren sechzigsten Geburtstag gefeiert und das Album „Time Remembered“ aufgenommen, eine Art musikalisches Tagebuch mit 36 Stücken von 36 Komponisten unterschiedlicher Epochen und Musikstile. Was muss man über Ihr Leben wissen, um die tieferen Beweggründe der Stückauswahl nachvollziehen zu können?

Matthias Kirschnereit: Ursprünglich wollte ich Renaissancemusik mit Musik um die Wende zum 21. Jahrhundert kombinieren. Dann stieß ich auf die wundervolle Jazzballade „Time Remebered“ von Bill Evans und kam auf die Idee, Werke zusammenzustellen, die die erlebte Zeit reflektieren. Ich habe das Repertoire komplett geöffnet – auch für Stücke, die mir in meinem Leben viel bedeutet haben. So reflektiert das Album meine Jugendzeit in Namibia in einer lutherischen Pastorenfamilie, in der sehr viel gesungen wurde, und meine „Initiation“ in Detmold, wo ich als absoluter Spätzünder mit vierzehn Jahren das Klavierstudium aufnahm und ich – um das Versäumte nachzuholen – zwei Jahre später ohne Abitur die Schule verlies. Ich habe nur Stücke eingespielt, die ich außerordentlich liebe.

Auf der anderen Seite haben Sie viele Gesamteinspielungen veröffentlicht. Impliziert der Wunsch nach Vollständigkeit nicht auch immer, etwas spielen zu müssen, das man dann doch nicht so sehr liebt?

Kirschnereit: Bei den Werken, die ich eingespielt habe, trifft das nicht zu, obwohl ich bei Mozart, Haydn oder Händel durchaus Präferenzen habe. Nicht jedes Konzert hat hier eine gleichermaßen herausragende, einzigartige Qualität. Schwierigkeiten hätte ich aber zum Beispiel bei dem Gesamtwerk von Max Reger oder von Dmitri Schostakowitsch – Komponisten, die ich sehr schätze, aber von denen ich weiß Gott nicht alles spielen möchte.

Sind Sie bei Aufnahmen ein Perfektionist?

Kirschnereit: Eine Aufnahme ist eine Momentaufnahme, wobei mir die Unmittelbarkeit, die Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit sehr wichtig sind. Ich möchte diesen Moment aus einer ganz besonderen Inspiration heraus spielen. Insofern ist eine Aufnahme für mich etwas sehr Lustvolles, das ich unter anderem dadurch zelebriere, dass ich den Saal komplett abdunkle und immer ohne Schuhe spiele! Ich bin auch ein enormer Vielspieler. Selbst wenn der Tonmeister bei Take fünf sagt, das war großartig, nehme ich noch mindestens drei weitere Takes auf.

Stößt dieser Perfektionismus an seine Grenzen, wenn ein Orchester mit von der Partie ist?

Kirschnereit: Aufnahmen mit Orchester sind purer Stress. Das spiegelt sich sogar in den Träumen wider. Bei meiner Aufnahme von Schumanns Klavierkonzert mit dem Konzerthausorchester Berlin ist mir Schumann im Traum erschienen, als Skelett im schwarzen Gehrock, mit pomadisierten Haaren und grün leuchtenden Augen – wie in Hitchcocks „Psycho“. Ich hatte große Angst. Aber dann sagte er: „Matthias, du spielst meine Musik gut. Mach weiter so.“ Auch von Brahms habe ich geträumt. Mit ihm bin ich schweigend in Ostfriesland spazieren gegangen. Das sind aber nur hübsche Anekdoten, die man nicht überbewerten sollte.

Sie sagen, dass Sie in der Musik, die Sie spielen, nach der „menschlichen Botschaft“ suchen. Andererseits sagen Sie aber auch, dass Sie beim Notenstudium streng analytisch vorgehen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Kirschnereit: Überhaupt nicht. Die Komponisten, die ich spiele, haben ihre Werke unheimlich genau notiert, und es ist geradezu eine Lust, eine Beethoven– oder Brahms-Partitur wie ein Archäo­loge zu durchleuchten. Es mag ingenieurhaft klingen, wenn man sagt, hier spiele ich jetzt pianissimo, weil es so dasteht. Aber in den allermeisten Fällen steht das Pianissimo ja für ein psychologisches Momentum: Intimität, komplette Verunsicherung, Misterioso, Angst, Flüstern … Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich die Seelensprache der Komponisten, fühle und leide ich mit ihnen. Diese Nähe, wenn man versucht, sich in ein Medium zu transformieren, hat etwas sehr Vitales. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb immer noch wie 39.

Man ist im Alter also nicht dazu verdammt, sich auf dem einmal Erreichten auszuruhen?

Kirschnereit: Karlheinz Kämmerling hat mir einmal gesagt, was man bis dreißig nicht geschafft hat, schafft man später auch nicht mehr. Aus eigener Erfahrung muss ich hier widersprechen. Ich habe das Gefühl, dass die Richterskala nach oben hin durchaus offen ist, solange man sich die Neugierde und die Lust erhält, in die Musik einzutauchen. So öffnet sich Jahr für Jahr eine neue Tür.

Eine Tür, die sich immer weiter zu öffnen scheint, sind die „Gezeitenkonzerte“ in Ostfriesland, deren künstlerischer Leiter Sie von Beginn an sind. Sie finden in diesem Jahr zum zwölften Mal statt und verzeichnen einen kontinuierlich wachsenden Publikumszustrom. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Kirschnereit: Qualität und Identifikation. Verglichen etwa mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival sind wir mit unseren rund 35 Veranstaltungen ja ein kleines Festival und bekommen wenig Geld aus öffentlicher Hand, haben aber über 150 regionale Förderer und mehr als 860 Mitglieder im Freundeskreis. Ich nenne die „Gezeitenkonzerte“ gerne eine Bürgerbewegung, weil sie für die Region einen hohen Identifikationsfaktor darstellt. Die Konzerte finden zumeist in kleinen Kirchen statt, wodurch auch bei Auftritten von Stars eine Nahbarkeit und Menschlichkeit gegeben ist. Außerdem spielt der Glamour-Faktor bei uns keine allzu große Rolle, weil ich versuche, ein sehr soziales Festival zu kreieren.

Was heißt das genau?

Kirschnereit: Egal ob für Grigory Sokolov, Daniel Hope, Helge Schneider, Ulrich Tukur oder Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen – selbst in der höchsten Kategorie liegen die Preise unter fünfzig Euro. Außerdem sind unsere ermäßigten Karten für 5,50 Euro nicht kontingentiert. Das kenne ich von keinem anderen Festival. Im Zuge der finanziellen Kürzungen im Kulturbereich sehe ich es als Gebot der Stunde, aufeinander zuzugehen, was Künstlergagen, Saalmieten und Ticketpreise anbelangt. Es macht mich sehr traurig, wenn ich von anderen Festivalintendanten höre, dass für einen Abendauftritt zum Teil sechsstellige Künstlergagen verhandelt werden.

„Miteinander!“ lautet das Motto der diesjährigen Gezeitenkonzerte. Ist das als Aufforderung zu verstehen?

Kirschnereit: Mit diesem Motto möchte ich die Sorgen unserer Zeit reflektieren, insbesondere jene, die durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die große Krise in Nahost ausgelöst werden. Nur gemeinsam können wir Dinge bewegen, ein zunehmendes Auseinanderdriften der Gesellschaft verhindern und uns dem Verlust der Akzeptanz von Fakten entgegenstellen. Dinge wie beispielsweise der Klimawandel sind nicht verhandelbar, höchstens die Art und Weise, wie man sich ihm entgegenstellt. Bei uns spielen in diesem Jahr das ukrainische Exilorchester Mriya, junge palästinensische und israelische Gipfelstürmer der Barenboim-Said-Akademie und das Miagi Orchestra aus Südafrika. Als Zeichen gegen Antisemitismus treten prominente israelische Künstlerinnen und Künstler auf. Ich bin kein Politiker, aber wenn wir mit unserer Musik die Welt ein Stück besser, lebenswerter und empathischer machen können, bin ich dafür sehr dankbar.

Album-Tipp:

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