Startseite » Interviews » „Jede Musik ist meine Leidenschaft“

Interview Jean-Guihen Queyras

„Jede Musik ist meine Leidenschaft“

Als weltweit gefragter Cellist und Lehrer setzt sich Jean-Guihen Queyras intensiv mit zeitgenössischer Musik auseinander.

vonChristian Schmidt,

Seit mehreren wichtigen Preisen in früher Jugend zählt Jean-Guihen Queyras zu den wichtigsten französischen Cellisten unserer Zeit. In Freiburg und New York ausgebildet, wurde der inzwischen 60-Jährige besonders durch seine Zusammenarbeit mit Pierre Boulez geprägt und war viele Jahre Mitglied von dessen Ensemble intercontemporain. Er sitzt ebenso als Solorecitalist wie mit den besten Orchestern der Welt auf der Bühne. Im Interview erklärt er, warum er gegen den Trend immer noch fleißig CDs aufnimmt und was er seinen Studierenden mit auf den künstlerischen Lebensweg gibt.

Mitte Mai erscheint Ihr neues Album mit Werken von Lutosławski und Bloch. Warum gerade diese beiden?

Queyras: Seit unserer 2023er-Aufnahme von Dutilleux’ „Tout un monde lointain“ verstehe ich mich mit dem Luxembourg Philharmonic und dem Dirigenten Gustavo Gimeno sehr gut. Was Lutosławskis Cellokonzert und Blochs „Schelomo“ gemeinsam haben, ist die Inkarnation des Instruments als epische Figur. Bei Bloch ist das Cello König Salomo, das Orchester verkörpert Volk und Schicksal; bei Lutosławski kämpft der Solist gegen das Orchester, ein wilder Dialog von David und Goliath. Das geht ziemlich heftig zu auf beiden Seiten: Das Orchester wird irrsinnig laut und kräftig, und der Cellist muss sich dagegenstemmen, schreien und stampfen, so gut es geht. Und dann gibt es diese verrückten Läufe gegen Ende bis zum letzten A ganz oben im Register. Der Cellist probiert, durch Virtuosität dieses Duell zu gewinnen. Eine gute Resonanz mit König Salomo.

Was fasziniert Sie besonders an Lutosławski?

Queyras: Er war eine der prägenden Figuren der polnischen Nachkriegsmoderne und hat hinter dem Eisernen Vorhang seine ganz eigene Sprache entwickelt. Er testet die Aleatorik, wie es jenseits John Cage und andere getan haben, im Falle des Cellokonzerts mit ganz merkwürdigen abstrakten, quasi ausdruckslosen Tönen auf der leeren d-Saite, als wären sie nur das Abbild von Zeit, aber von unmenschlicher Zeit. Und mit der Kadenz gleich am Anfang – etwas sehr Originelles! – kommt Leben ins Spiel. Solist und Orchester treten in einen Dialog, aber sie verstehen sich nicht; jede Partei spricht ihre eigene Wahrheit aus. So etwas finden Sie in keinem anderen Cellokonzert.

Und wie ist das bei Blochs „Schelomo“?

Queyras: Er schreibt programmatische Musik, eine Tondichtung über die inneren Konflikte eines Königs. Das Cello wird zur Stimme Salomos, ringt mit Verantwortung und Zweifel. Wir Cellisten müssen in diesem Stück wirklich die Figur verkörpern – nicht als Virtuosen, sondern als Darsteller. Man geht da in die Haut eines Charakters, der das Schicksal eines Volkes auf den Schultern hat. Selbst der Bogenarm trägt hier Gewicht, muss den Klang von Schwere und Verantwortlichkeit erzeugen.

Sie haben zehn Jahre im Ensemble intercontemporain mit Pierre Boulez gearbeitet. Ist zeitgenössische Musik für Sie Verpflichtung oder Verantwortung?

Queyras: Jede Musik ist meine Leidenschaft. Schon als Student war ich dabei, wenn neue Werke entstanden sind. Da habe ich den Kompositionsstudierenden gesagt, wenn ihr ein Versuchskaninchen für eure Musik braucht – ich bin da! Beim Ensemble intercontemporain habe ich gelernt, mit den Schöpfern in Austausch zu treten. Das ist natürlich ein sehr großer Vorteil bei Neuer Musik. Dieser Dialog hat mir auch einen anderen Umgang mit älteren Werken beigebracht. Jede Partitur spricht, wenn man ihr zuhört. Ich fühle mich weiterhin der Gegenwart verpflichtet.

„Streaming ersetzt die Einnahmen durch den Verkauf von CDs nicht annähernd“ sagt Jean-Guihen Queyras
„Streaming ersetzt die Einnahmen durch den Verkauf von CDs nicht annähernd“ sagt Jean-Guihen Queyras

Zeitgenössische Musik ist beim Publikum nicht immer leicht durchzusetzen, was den wirtschaftlichen Druck erhöht.

Queyras: Das stimmt. Aber das Publikum reagiert bereitwillig, wenn man neue Werke mit derselben Leidenschaft vermittelt wie Beethoven oder Schumann. Auf Französisch würde man sagen, auch aus 300 Jahre alter Musik wählen wir nur die besten Kirschen aus. Die Veranstalter haben die große Verantwortung, auch aus der Neuen Musik die besten Werke auszusuchen und immer wieder ins Programm aufzunehmen. Bei meinem eigenen Kammermusik-Festival in Südfrankreich zum Beispiel haben wir jedes Jahr einen Residenz-Komponisten. Die Besucher erleben dort Gespräche und Workshops – die Reaktionen sind durchweg positiv. Menschen sind neugierig, wenn man sie ernst nimmt und pädagogisch begleitet.

Anzeige

Warum nehmen Sie in Zeiten des Streaming überhaupt noch CDs auf?

Queyras: Weil eine Aufnahme eine andere Kunstform ist. Das Konzert lebt vom Augenblick, vom Atem im Saal, wir dürfen die Musik hier leben lassen. Das ist wunderschön und nicht zu ersetzen. Im Studio kann man experimentieren, Varianten suchen, wie in einem Labor. Das ist kein Verrat gegen den Prozess eines Konzerts, sondern eben etwas ganz anderes. Theater als Moment und Film als perfektioniertes Ergebnis haben auch nebeneinander ihre Berechtigung. Die CD als Objekt mag wie einst die LP verschwinden, und ich finde das auch in Ordnung – entscheidend ist, dass es einen Weg gibt, Musik sorgfältig festzuhalten. Schwieriger ist das ökonomische Modell – Streaming ersetzt die Einnahmen durch den Verkauf von CDs nicht annähernd.

Sie geben Solo-Recitals, spielen Kammermusik und Konzerte mit Orchester. Was ist Ihnen lieber?

Queyras: Für mich ist auch ein Orchesterkonzert erweiterte Kammermusik: Kommunikation mit den Kollegen an den Solopulten, Dialog im besten Sinne – auch mit den Dirigenten. Die besten davon denken auch kammermusikalisch. Und selbst wenn ich alleine Bach spiele, spüre ich eine virtuelle Basslinie, einen unsichtbaren Gegenpart: Das ist dann Kammermusik im Dialog mit mir selbst. Ich sage das auch meinen Studenten: Spielt die Suiten nicht, als wäret ihr allein.

Sie lehren in Freiburg. Die Musikhochschulen bilden weit über Bedarf aus. Was sagen Sie Ihren Studierenden in unsicheren Zeiten?

Queyras: Ich habe wenig übrig für gut gemeinte Ratschläge wie „wähle lieber einen sicheren Beruf“. Solche Warnungen gab es schon, als ich selbst studierte. Wer Musik macht, tut das aus Leidenschaft – das war immer so. Studierende brauchen keine Vorträge über die wirtschaftliche Realität; die kennen sie selbst am besten. Meine Aufgabe ist nicht, Karrierewege vorzugeben, sondern den Studierenden zu zeigen, was zwischen den Noten einer Partitur lebendig wird. Es geht mir nicht darum, sie auf möglichst sichere Probespiele vorzubereiten. Auch in diesem Kontext zählt am Ende nicht nur makellose Technik, sondern auch musikalische Persönlichkeit und der Wille, sich menschlich auszudrücken.

Sie engagieren sich auch stark politisch und haben etwa Benefizerlöse für die Ukraine gespendet. Warum?

Queyras: Es ist ein inneres Bedürfnis. Kunst und Politik lassen sich nicht trennen – wer Menschliches ausdrückt, bezieht Stellung. Pablo Casals ist dafür mein Vorbild: ein zutiefst menschlicher Klang, getragen von moralischer Haltung. Die Ukraine kämpft nicht nur für sich, sondern für uns alle und unsere Werte. Ich habe ukrainische Freunde gefragt, ob sie sich überhaupt über Konzerte freuen würden – alle sagten: „Bitte kommen!“ Sie wollen die Verbindung zu Europa nicht verlieren, und es bewegt sie, wenn Künstler präsent sind.

Finden Künstler heute noch als öffentliche Stimme Gehör?

Queyras: Ich mache mir keine Illusionen über meine Reichweite. Es geht nicht um Größe, sondern um Haltung. Jeder kann etwas tun – als Musiker, Arzt oder Klempner. Bürger zu sein heißt, nicht neutral zu bleiben. Wenn selbst eine kleine Geste irgendwo Trost spendet, hat sie Sinn.

Aktuelles Album:

Album Cover für

30 Ans de Duo

Werke von Britten, Poulenc, Debussy, Schubert u. a.

Jean-Guihen Queyras (Cello), Alexandre Tharaud (Klavier)
harmonia mundi

Anzeige

Termine

Auch interessant

Rezensionen

Anzeige
Anzeige

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!

Anzeige