Interview Isabel Mundry

„Tragisch endet es bei denen, die glauben, dass sie Genies sind“

Isabel Mundry legt als Professorin für Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Hochschule für Musik und Theater München den Grundstein für Karrieren ganz unterschiedlicher Art.

© Manu Theobald

Isabel Mundry

Isabel Mundry

Frau Mundry, lassen Sie uns über das Berufsbild Komponistin bzw. Komponist reden? Wie lässt sich mit dieser Tätigkeit Geld verdienen?

Isabel Mundry: Fast niemanden lebt ausschließlich vom Komponieren. Der Druck, immer produktiv zu sein, wäre dabei auch unglaublich hoch. Leider muss man sagen, dass Kompositionsaufträge unterbezahlt sind. Wenn man auf die Arbeitszeit bezogen vergleicht, was der Dirigent und was der Komponist eines Stückes verdienen, erkennt man eine große Schieflage in unserer Kultur. Ich habe viele sehr erfolgreiche Kolleginnen und Kollegen, die ihr Geld mit dem Unterrichten, nicht mit dem Komponieren verdienen.

Wie sieht es für die Studierenden aus?

Mundry: Kompositionsstudierende, bei denen es gut läuft, bekommen Stipendien, beispielsweise von der Studienstiftung, und haben im Anschluss an das Studium Residenzen und erste Kompositionsaufträge. Im Idealfall läuft es darauf hinaus, dass man langfristig eine Tätigkeit findet, die sich nicht beißt mit dem Komponieren. Als Freischaffender hingegen muss man jedes Stück, das man schreibt, quasi mit seiner Stromrechnung abgleichen und auch mal Aufträge annehmen, die sich schnell runterschreiben lassen.

Zum Beispiel?

Mundry: Man macht zum Beispiel aus einem Stück drei Ableger. Das finde ich persönlich völlig sinnlos, wenn damit nicht eine neue Fragestellung verbunden ist. Doch wenn man das Geld braucht, ist das verständlich. Denn wenn man ein wirklich neues Stück schreiben möchte, mit ganz neuen Bedingungen, weiß man nie, wie schnell das gelingt. Das ist auch ein Unterschied zum tonalen Zeitalter. Man musste damals nicht die Harmonik neu erfinden, um ein neues Werk zu schreiben, sondern hat innerhalb des Systems Neuland entdeckt. Heutzutage entsteht mit jeden Stück alles neu, was vom Preis-Leistungs-Verhältnis her absolut unlukrativ ist.

Komponieren Sie auch manchmal ganz frei ohne Auftrag?

Mundry: Ich habe seit meinem Studium immer Aufträge gehabt. Von daher kommt es nicht vor, dass ich einfach dasitze und überlege, was ich jetzt machen könnte, wobei Aufträge ganz unterschiedliche Freiheitsgrade haben. Wenn man von einem Streichquartett gefragt wird, ob man ein Streichquartett schreiben möchte, hat man natürlich andere Rahmenbedingungen, als wenn man für ein Festival schreibt, das keine Besetzung vorgibt. Es gibt aber auch wirklich schöne Anregungen von Veranstaltenden. Ich habe zum Beispiel mal ein Stück für Klarinette und Akkordeon geschrieben. Auf diese Besetzung wäre ich alleine nie gekommen.

In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es mehr Komponisten als Komponistinnen? Warum?

Mundry: Es gibt eine seit Jahrhunderten gewachsene Wahrnehmungsstruktur, dass Komposition männlich ist. In den Geschichtsbüchern fehlen einfach die Komponistinnen. Wenn man auf die sehr gegenwärtige Musik schaut, ist das aber nicht mehr so. Da gibt es Namen wie Clara Iannotta, Olga Neuwirth, Rebecca Saunders und Unsuk Chin. Trotzdem sitzen in meinen Kompositionsklassen weniger Frauen als Männer. Und besonders wenige Frauen aus dem deutschsprachigen Raum. Wenn man an der Hochschule mit einer Gruppe von Studierenden eine Diskussion eröffnet, sind es auch fast immer die männlichen Studierenden, die der ganzen Diskussion die Richtung geben. Die Erziehung ist eben doch noch nicht so paritätisch, wie wir uns das vielleicht wünschen, und Mädchen müssen viel mehr Mut aufbringen.

Deckt sich dieses Bild mit ihren persönlichen Erfahrungen?

Mundry: Mit sechzehn hatte ich einen Freund, der Malerei studieren wollte. Alle haben ihm Mut gemacht und gesagt, er sei bestimmt ein Genie. Wenn ich gesagt habe, ich möchte Komposition studieren, hat man mir immer geraten, lieber Schulmusik zu studieren. Wenn es darum geht, sich zurückzuziehen und ohne sozialen Rückhalt mit großer Ausdauer an etwas zu arbeiten – wie beim Malen oder Komponieren –, sind geschlechterdifferente Rollenbilder noch tief verankert in unserer Gesellschaft. Da werden Männer als Helden und Frauen als asozial betrachtet.

Wie wichtig ist es für eine Komponistin oder einen Komponisten heutzutage, auch persönlich auf der öffentlichen Bühne zu erscheinen, um erfolgreich zu sein?

Mundry: Das fragen Sie die Falsche. Ich bin vermutlich noch von den alten protestantischen Werten geprägt und glaube an den Wert der Sache. Natürlich kann man viel Zeit in Marketing investieren und auch damit vorankommen, wenn man eine gewisse Begabung hat. Problematisch wird es, wenn man sich von diesem Bereich abhängig macht, beziehungsweise sich über ihn definiert. Wer Karriere machen möchte, sollte lieber Banker werden. Weshalb schreibt man Musik? Weil man etwas entdecken möchte. Deshalb unterstütze ich die Studierenden darin, etwas Eigenes zu finden. Man sollte einfach gute Stücke schreiben, denn in der Kunst ist Autonomie ein wirklich hohes Gut.

Warum werden so viele neue Musikstücke und Opern, obwohl sie erfolgreich sind, nur einmal aufgeführt?

Mundry: Da müssen Sie die Veranstaltenden fragen. Was ist das für ein Hype, unbedingt eine neue Oper haben zu wollen und keine Zweitaufführung? Das hat wahrscheinlich auch mit der Presse zu tun, die lieber über Uraufführungen als über Zweitaufführungen berichtet. Das Publikum ist nämlich immer dankbar, Werke wiederzuhören. Ich werde oft gefragt, wann Stücke von mir wiederholt aufgeführt werden. Aber vielleicht war das in den vergangenen Jahrhunderten ähnlich. Wie oft wurden Bachs Kantaten oder Schuberts „Winterreise“ wieder aufgeführt? Wurde Monteverdi zu Bachs Zeit noch gesungen? Das vorübergehende Vergessen gehört wohl zur Musikgeschichte.

Wie wichtig ist das Kompositionsstudium für die spätere Berufsausübung? Kann nicht auch ein begabter Musiker komponieren?

Mundry: Was ist der Unterschied zwischen einem Dilettanten und einer professionellen Person? Die professionelle Person ist viel kritischer, das lernen wir alle in interdisziplinären Kollaborationen. Sie betrachtet die eigenen Ideen aus vielen Perspektiven. Natürlich könnte sich jemand auch selbst beibringen, was er oder sie braucht. Aber eine abstrakte Idee in Noten auszudrücken, ist wirklich schwer. Ein Kompositionsstudium kann unterstützend in solchen Prozessen sein. Nicht unterschätzen sollte man auch die Infrastruktur Hochschulen. Man kann Konzerte und Festivals organisieren und sich mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen austauschen. Da entstehen Energien, die nicht direkt mit der Lehre zu tun haben, die aber unglaublich wichtig sind.

Die Hochschule als Ort der Inspiration?

Mundry: Die Züricher Hochschule ist in dieser Hinsicht absolut vorbildlich. Es gibt dort zum Beispiel einen bildenden Künstler, der einen Windtunnel gebaut und ihn auf das Dach der Hochschule gestellt hat. Windtunnel sind eigentlich Forschungsobjekte in aerodynamischen Instituten. Er hat aber ein mehrjähriges Kunstprojekt daraus gemacht, begleitet von Performances etc. Wir haben dann ein sechsköpfiges Team aus den Bereichen Kunst und Geisteswissenschaft einberufen, uns zwei Jahre regelmäßig getroffen – oft auch oben auf dem Dach – und darüber nachgedacht, was dieser Windtunnel sein könnte. Ist er ein Instrument, ein Kunstwerk oder ein deplatziertes Objekt der Wissenschaft? Dabei habe ich wirklich viel über Ästhetik und Kunst gelernt. Es ist fantastisch, wenn Hochschulen zu Werkstätten werden, zu Brennpunkten von Debatten, Experimenten und kollektiven Erfahrungen.

Was passiert mit denen, die es nicht schaffen, mit ihren Kompositionen Fuß zu fassen?

Mundry: Letztendlich findet sich nur ein kleiner Teil der Studierenden später im kompositorischen Bereich wieder. Man benötigt als Komponistin oder Komponist ja eine ganz eigene Energie, ein Leben lang immer wieder in diesen dunklen Raum einzutreten, ohne zu wissen, ob man sich darin zurechtfindet und am Ende etwas dabei herauskommt. Ich kenne aber mehrere Komponisten wie Hans Thomalla oder den 2016 verstorbenen Jens Schroth, die als Dramaturgen in Opernhäusern gearbeitet haben und habe zurzeit auch eine Studierende, die als Bildende Künstlerin Komposition studiert und in ihren Ausstellungen mit Partituren arbeitet. Einige unterrichten später ein Instrument und bringen ihren kompositorischen Background in den Unterricht mit ein. Man sollte also nicht übersehen, dass das Kompositionsstudium eine kostbare Ausbildung für ganz verschiedene Bereiche sein kann. Tragisch endet es nur bei denen, die glauben, dass sie Genies sind und nicht merken, dass das wahrscheinlich nicht ganz stimmt.

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