Wenig Zeit, dennoch entspannt und mit einer Prise Humor: Der Telefoncall mit Renaud Capuçon liefert das Update zu einem Musiker, der seit Jahrzehnten zur Weltspitze zählt. Im Januar wurde der Franzose, der insgesamt dreimal den Echo Klassik gewann, 50 Jahre alt.
„Ich bin nicht zu jung, nicht zu alt“, waren Ihre Worte, als Sie zu Ihrem 50. Geburtstag befragt wurden. Was bedeutet es für einen Musiker, in der Mitte seines künstlerischen Lebens zu stehen?
Capuçon: Zunächst: Gesundheit ist das Allerwichtigste. Ich fühle mich körperlich absolut fit. Und künstlerisch reich beschenkt: Nach über 30 Jahren Bühnenerfahrung habe ich das Gefühl, musikalisch viel dazugelernt zu haben. Das heißt natürlich nicht, dass es einfacher wird. Aber man bringt eben musikalisches Wissen und Erfahrung mit auf die Bühne. Wenn ich zum Beispiel heute eine Brahms-Sinfonie dirigiere, dann habe ich in den Jahren zuvor das Violinkonzert, das Doppelkonzert und alle Kammermusikwerke von Brahms interpretiert. Die Anhäufung von Spiel, Lernen und Studium dieser Stücke macht mein musikalisches Leben in gewisser Weise offener und freier. Ich denke, in diesem Alter muss man sich als Mensch nicht mehr beweisen, gegenüber den Eltern, den Lehrern, den Freunden. Das ist anders als noch im Alter von 20 oder 25 Jahren. Da hatte man diesen Druck, bekannt zu werden. Am Anfang kennt dich niemand! Jetzt kann ich mich nur noch auf die Musik konzentrieren und auf Projekte, die mir gefallen.
Auf Ihrem aktuellen Album haben Sie Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo eingespielt. Das Projekt haben Sie lange geheim gehalten. Warum?
Capuçon: Ich wollte keinen Druck von außen. Also dass mich Leute fragen: „Wie läuft es denn mit deinem Bach? Bist du bereit?“ Selbst in meiner Familie habe ich nicht darüber gesprochen. Ich wollte die Freiheit haben, das Album aufzunehmen, wann immer ich mich dazu bereit fühlte. Also plante ich zwei Zeiträume ein, einen im Mai, einen im September 2025. Ich habe natürlich monatelang vorher geübt. Und ja, Bach war gewissermaßen mein geheimer Garten. Ich arbeitete überwiegend ganz allein im Studio, auch kein Tontechniker war da. Das war ein sehr emotionaler Moment, intensiv und gleichzeitig unglaublich konzentriert und schön.
Die Musik von Bach sei für Sie wie die „morgendliche Bibellektion“, sagten Sie einmal. Was erfahren wir durch diese klingende Bibel?
Capuçon: Es ist tatsächlich so, als ob man von dieser Musik spirituell genährt wird. Sie ist unglaublich einfach, pur und gleichzeitig unglaublich kraftvoll. Sie erzählt Dinge, tiefgründige Dinge. Und ich glaube, dass sie einem Frieden schenkt. Ich spiele sie ganz allein für mich, wenn ich einen besonderen Moment habe, wenn ich einfach sehr gut gelaunt bin oder auch traurig, oder wenn ich etwas im Konzert nicht richtig hinbekommen habe. Es klingt vielleicht ein bisschen kindisch, aber wenn man auch nur ein paar Noten einer Bach-Partita hört, ist das so, als würde man sich plötzlich in einer wunderschönen Landschaft befinden, ein schönes Antlitz erblicken und über das Wunder der Natur und der Erde staunen. Es ist wie Wasser trinken. Ich vergleiche diese Musik immer mit dem Wasser, das aus dem Berg sprudelt, unglaublich rein und erfrischend.
Orts- und Zeitwechsel: Welche Bedeutung messen Sie zeitgenössischer Musik und Uraufführungen bei?
Capuçon: Sie sind sehr präsent in meinem Leben. Bei meinem Geburtstag wurde ich gefragt, wie viele Uraufführungen ich bisher gegeben habe. Ich musste nachdenken und kam auf 40 Werke, die seit 1995 für mich geschrieben wurden und die ich uraufgeführt habe – was mich selbst überrascht hat. Mindestens die Hälfte davon sind Violinkonzerte, zum Beispiel von Dusapin und Mantovani. Was ich an diesem Prozess liebe, ist, dass ich einen lebenden Komponisten vor mir habe. Man kann ihm Fragen stellen, zum Beispiel zu dessen Intention und der Artikulation schwieriger Passagen. Wie gerne hätte ich Mozart, Brahms oder Schubert befragt! Von einem Komponisten zu lernen, ist etwas unglaublich Bereicherndes. Und ein neues Werk als Erster zu spielen, bedeutet, eine enorme Verantwortung zu übernehmen.

Ihre künstlerische Entwicklung hat Sie in den vergangenen Jahren von der Solo-Geige zum Dirigentenpult geführt. Was war der Grund für diese Richtungsänderung?
Capuçon: Ich habe immer darüber nachgedacht, seit ich etwa 20 Jahre alt war. Als Claudio Abbado einmal das von ihm gegründete Gustav Mahler Jugendorchester dirigierte, gab er mir den Taktstock, damit ich auf die Balance achte. Fünf Minuten lang war ich buchstäblich da und schwebte herum. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte und fühlte. Das war 1997. Es brauchte einige Zeit, aber schließlich, vor sieben oder acht Jahren, beschloss ich, in diese neue Welt einzutauchen. Es ist ja nicht so, dass ich aufhöre, Geige zu spielen. Es ist kein Bruch, sondern bedeutet Kontinuität für mich. Und irgendwie trägt das Dirigieren dazu bei, dass ich als Solist besser spiele. Es bereitet mir unglaubliche Freude, vor allem mit meinem Orchester in Lausanne, einem fantastischen Kammerorchester mit 48 Musikern. Im nächsten Jahr werden wir alle Beethoven-Sinfonien im Rahmen des Festivals aufführen.
Man kennt Sie auch als Festivalleiter, unter anderem in Aix-en-Provence und Évian. In dieser Rolle haben Sie neben dem kreativen Aspekt auch mit Politik und finanziellen Ressourcen zu tun …
Capuçon: Zum Glück muss ich mich damit nicht so sehr beschäftigen, denn die drei Festivals, die ich leite, sind allesamt privat finanziert. Meine Wahl war bewusst, denn politisches Kalkül und Beeinflussung von Dritten ist immer eine komplizierte Sache. Ich möchte einfach die großartigste Musik planen und sie mit dem Publikum teilen. In diesem Sommer wird es in Évian besonders spannend, denn wir bekommen einen neuen Saal, der La Source Vive heißt. Ich konnte an der akustischen Planung beratend mitwirken, in Zusammenarbeit mit den großartigen Architekten Patrick Bouchain und Philippe Chiambaretta. Ich kann es kaum erwarten, im Juni dort zu sein.
Zusammen mit Ihrem Bruder Gautier traten Sie bei der Wiedereröffnung der Kathedrale Notre-Dame de Paris auf. Was war das für ein Gefühl?
Capuçon: Wow! Das war, als ob man Höhenangst bekommt, wenn man sehr hoch in den Bergen unterwegs ist und hinunterschaut. Die Einladung bedeutete eine große Ehre für uns, und die Veranstaltung war unglaublich bewegend. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass all diese offiziellen Personen anwesend waren, sondern auch, weil dieses so bedeutende Gebäude abgebrannt und innerhalb von nur fünf Jahren wieder aufgebaut wurde. Wir befanden uns also plötzlich mitten in einem historischen Moment. Wir spürten Geschichte.
Zum Schluss eine ganz einfache Frage: Was bringt Sie zum Lachen?
Capuçon: Manche blöden Witze, manche Situationen. Mein Sohn, wenn wir zusammen sind, bringt mich zum Lachen. Meine Frau bringt mich zum Lachen. Oder einfach eine komische Situation, zum Beispiel, wenn man zufällig etwas am Flughafen sieht, ein Missgeschick, ein absurder Moment. Und natürlich lustige Filme, vor allem Louis de Funès! Er hat mich immer zum Lachen gebracht. Bis heute muss ich sofort losprusten, wenn er eine seiner irrwitzigen Grimassen schneidet. Diese Art von Humor liebe ich. Als ich jünger war, habe ich mir am Tag vor wichtigen Wettbewerben oder Konzerten oft einen Film von Funès angesehen, um weniger nervös zu sein. Das funktionierte perfekt.
Chausson: Poème & Concert
Renaud Capuçon (Violine), Nicholas Angelich (Klavier), Quator Ébène, Brussels Philharmonic, Stéphane Denève (Leitung)
Erato




