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Interview: Sophie Pacini im InstaView

„Ich glaube daran, dass Kunst einen wertungsfreien Raum schaffen kann“

Die Pianistin Sophie Pacini spricht über Urlaubsrituale, Heimaten in Deutschland und Italien, die Würde von Tieren und eine Auswahl persönlicher Instagram-Postings.

vonPatrick Erb,

In Sophie Pacini schlagen viele Herzen: ein deutsches und ein italienisches, ein romantisches – und eines für samtpfotige Vierbeiner. Musikalisch gehört ihre Leidenschaft vor allem der Romantik, insbesondere Frédéric Chopin. Im Gespräch spricht die junge Pianistin über diese Facetten, über die Haltung, die sie verbinden – und darüber, warum sie auch vor skurrilen Outfits nicht zurückschreckt.

… Martha Argerich

Sophie Pacini: Ich habe Martha Argerich zum ersten Mal gehört, da war ich sieben Jahre alt – im Auto, auf einer Aufnahme. Und ich war sofort völlig fasziniert von dieser Persönlichkeit, die da spielte. Ich habe sie eigentlich als Mensch über ihr Spiel kennengelernt. Diese geheimnisvolle Aura, weil sie so wenige Interviews gibt, hat mich zusätzlich angezogen – ich wollte verstehen, wer sie ist, allein über die Musik.

Als ich sie dann später persönlich traf, war das eine ganz besondere Begegnung. Ich war vierzehn, hatte ihr eine CD gebrannt, einen Brief geschrieben – und als ich vor ihr stand, habe ich einfach meinen Namen vergessen. Aber zwischen uns war sofort eine wortlose Ebene. Sie hat mich angesehen, und ich hatte das Gefühl, sie sieht wirklich in mich hinein. Diese Wärme, die von ihr ausging, war unglaublich.

Später wurde sie für mich zu einer wichtigen Bezugsperson. Sie hat mich gelehrt, an meine eigene musikalische Wahrheit zu glauben, Grenzen zu setzen und den Mut zu haben, auch gegen den Strich zu gehen – nicht aus Prinzip, sondern aus Ehrlichkeit. Und sie lebt das selbst radikal: Wenn sie das Gefühl hat, an einem Abend nichts Wahrhaftiges sagen zu können, sagt sie Konzerte ab.

… Musizieren in Frauenhäusern

Pacini: Die Idee, in Frauenhäusern zu spielen, hat ihren Ursprung in einer sehr frühen Erfahrung. Die Tante einer Kindheitsfreundin, die ich zuvor als stark und strahlend erlebt hatte, war von häuslicher Gewalt betroffen. Diese gebrochene Haltung, diese Verunsicherung – ich habe das damals nicht verstanden, aber es hat mich tief getroffen und lange beschäftigt.

Später habe ich mich gefragt: Wo kann ich mit meiner Musik wirklich etwas bewirken? Wo erreicht sie Menschen, die sonst keinen Zugang dazu haben? Und so entstand der Gedanke, in Frauenhäuser zu gehen. Anfangs wollte ich das gar nicht öffentlich machen, da das ein Marketing-Geschmäckle hat. Aber die Frauen selbst haben mich gebeten, darüber zu sprechen – „Sophie, gib uns eine Stimme“, haben sie gesagt. Musik wirkt dort unmittelbar, ohne Umwege. Ich sehe, wie sich Körperhaltungen verändern, wie sich etwas öffnet.

Gerade weil klassische Musik nicht wertet, sondern einfach da ist, kann sie Menschen genau dort abholen, wo sie stehen. Und ich habe gemerkt, wie viel Mut es braucht, sich solchen Situationen zu stellen. Denn natürlich kann es auch sein, dass Menschen sagen: Das hilft mir gerade nicht. Aber genau darin liegt auch die Verantwortung – wirklich daran zu glauben, dass das, was man tut, eine Bedeutung hat.

… Modische Eigenheiten

Pacini: Dieses Bild ist bei meiner besten Freundin entstanden – sie ist wie eine Schwester für mich. Und diese Schuhe, diese Puschen, hat sie schon ewig. Sie sagt immer liebevoll, dass ich manchmal Dinge trage, bei denen sie denkt: Aus welcher Generation kommst du eigentlich? Und dann ziehe ich sie an, und plötzlich funktioniert es. Für mich war das so ein Moment, den ich festhalten wollte, weil er zeigt, wer ich auch bin – jenseits der Bühne. Ich liebe es, zu Hause zu sein, mich einzukuscheln, auch mal völlig absurde Kombinationen zu tragen. Ich habe zum Beispiel auch einen Overall in Form eines Pelikans. Das gehört genauso zu mir.

… Romantik

Pacini: Diese Einteilung in Epochen war für mich schon immer schwierig, aber die Romantik ist für mich weniger eine klar abgegrenzte Epoche als vielmehr eine Haltung, eine Zeit, in der Gefühle ausgesprochen werden dürfen. Und das hat mich schon sehr früh angezogen. Gerade als junge Frau in einem so abstrakten Feld wie der Klassik wird man oft als Nerd wahrgenommen. Für mich ist vor allem die Literatur der Romantik und des Sturm und Drang wegweisend: Gefühle und Tabus werden angesprochen, man bricht mit Traditionen und verkrusteten Strukturen. Dieses Alles-oder-nichts-Prinzip entspricht meinem Wesen sehr. Ich bin kein Mensch für Halbheiten – weder in der Musik noch im Leben, das sind wohl meine italienischen Wurzeln.

… Familie

Pacini: Mein Vater ist Literaturprofessor und hat mich sehr geprägt. Von ihm habe ich gelernt, dass Gefühle wichtig sind, aber dass es genauso wichtig ist, gut zu argumentieren. Dinge nicht sofort persönlich zu nehmen, sondern genauer hinzuschauen, woher sie kommen. Er hat mich auch früh auf meinem Weg begleitet, weil meine Mutter – er ist 22 Jahre älter als sie – als Ärztin noch stärker gebunden war. Wenn ich heute nach Hause komme, ist das ein sehr besonderes Gefühl. Mein Papa ist jetzt 83 und er redet einfach so gerne über alte Zeiten, aber es ist kein nostalgisches Zurückfallen, sondern eher ein Wiederanknüpfen. Meine Mutter wiederum ist eine unglaubliche Macherin, voller Energie und Zuversicht. Ich glaube, ich habe von beiden etwas mitbekommen.

… Kunst und Glaube

Pacini: Für mich ist Kunst eine Form von Glauben. Es geht darum, durch Ehrlichkeit und durch das Teilen von Emotionen etwas weiterzugeben – Denkanstöße zu geben, vielleicht auch ein Stück Orientierung. Ich glaube daran, dass Kunst einen wertungsfreien Raum schaffen kann. Einen Raum, in dem man einfach sein darf. Und das hat für mich viel mit Religion zu tun. Nicht im dogmatischen Sinne, sondern als Anker. Ich gehe tatsächlich in jeder Stadt, in der ich bin, in eine Kirche und zünde eine Kerze an. Das ist ein Ritual. Ich bin katholisch erzogen, aber für mich geht es vor allem um Energie, um Vorstellungskraft. Architektur, Musik, Kunst – all das macht diesen Raum erfahrbar. Und ich glaube, ohne Vorstellungskraft verliert das Leben seinen Sinn. Kunst gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu fühlen und zu denken, die über das hinausgehen, was direkt greifbar ist. Genau darin liegt für mich ihre Kraft.

… Klassik und Satire

Pacini: Die Klassik kann ein starres Korsett sein. Mit Andreas Rebers zu spielen war der Versuch, mit diesen Gewohnheiten und Routinen ein wenig zu brechen. Gar nicht mal unbedingt mit der Intention, lustig zu sein, vielmehr satirisch reflektiert und mit einer gewissen Form der Ironie. Andreas ist nicht nur Satiriker, sondern auch ein guter Musiker. Die Art, wie er nach Gehör arbeitet, ist total skurril. Wir haben in den Proben viel ausprobiert, Dinge wiederholt, verworfen, neu zusammengesetzt. Er kann aber auch ernst sein. Sobald er am Instrument sitzt, verändert sich alles – die Atmosphäre wird sofort konzentrierter, ernster, ohne dass es ausgesprochen werden muss.

… Ostfriesentee und Gemütlichkeit

Pacini: Ostfriesland – da war ich auf Tour und habe gelernt, wie man Ostfriesentee richtig trinkt. Und das sind genau die Dinge, die ich so liebe an meinem Beruf: dass ich herumkomme, Einheimische treffe und Dinge wirklich vor Ort erlebe. Ich stehe dann nicht im Supermarkt und frage mich, was Ostfriesentee eigentlich ist, sondern ich habe es live gelernt – dieses Ritual mit dem Kandis, der zuerst in die Tasse kommt, dann der Tee, und wie sich die Sahne als kleine Wölkchen entfaltet. Ich saß in diesem Café, mit diesem alten Geschirr, und habe mich umgeschaut – und alle hatten diese Ruhe, dieses Selbstverständnis im Umgang mit dem Ritual.

Meistens reist man an, geht ins Hotel, spielt, reist wieder ab. Aber wenn solche Momente entstehen, dann baut man sich eine Schatzkiste an Erinnerungen. Und manchmal denke ich gar nicht daran, das festzuhalten, weil ich so im Moment bin. Ich merke, dass ich genau diese Form von Ruhe und Gemütlichkeit brauche. Ich habe es gern schön zu Hause, damit ich mich wohlfühle. Und wenn ich unterwegs bin, dann suche ich genau diese Momente – allein oder mit Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringe.

… Italien

Pacini: In Italien merke ich sofort, dass das Spaghetti-Drehen dort eine richtige Kunst ist. Die schaffen das, dass am Ende so ein perfektes kleines Häufchen auf der Gabel liegt, nicht zu viel, nicht zu wenig, wie in der Werbung. Bei mir sieht das eher anders aus. Für deutsche Verhältnisse mach ich das aber ganz gut, weil ich keinen Löffel brauche – und ich gebe den Löffel auch immer ganz stolz zurück, wenn man mir einen reicht. Italien verbinde ich aber vor allem mit Licht. Die Sonne ist dort heller, die Luft hat einen ganz eigenen Geruch – etwas Erdiges, manchmal fast Verbranntes, gleichzeitig moosig, aber auch wie heißer Teer. Für mich ist das sehr stark mit Sommer verbunden. Es ist das Land meiner Oma, meiner Cousine, meines Vaters. Und ich höre oft, dass ich meiner Oma ähnlich bin. Es gibt diese Geschichte: Mein Vater hat im Priesterseminar schlimme Dinge erlebt, und als meine Oma davon erfahren hat, ist sie sofort zurückgefahren, in eine Versammlung gegangen und hat dem zuständigen Oberpriester eine Ohrfeige gegeben – mit den Worten, er solle ihren Sohn nie wieder anfassen. Das verbinde ich mit Italien: diese Haltung, diese Resilienz, dieses Einstehen für andere. Dieses Herz auf der Zunge.

… Hunde oder Katzen

Pacini: Definitiv Typ Katze, ich hatte schon immer eine. Das ist Alfredo. Bei Interviews ist er eigentlich immer dabei, der lässt sich nicht abwimmeln. Er sieht ein bisschen aus wie Grumpy Cat, aber man merkt sofort den Unterschied, wenn er wirklich schlecht gelaunt ist. Und er kann auch eifersüchtig sein – auf eine sehr liebevolle Art. Die meiste Zeit ist er allerdings ein Kuscheltier in echt: Er kratzt nicht, er beißt nicht, er ist einfach immer da. Er begleitet mich durch den Alltag, sitzt beim Üben neben mir auf seinem eigenen kleinen Stühlchen und ist für mich ein ganz wichtiger Anker. Gefunden habe ich ihn im Tierheim, an einem Tag, an dem ich einfach wusste, dass ich dorthin fahren muss. Obwohl man mir gesagt hatte, es gäbe keine Katzen. Und dann saß er da, gerade aus der Quarantäne, halb geschoren, mit diesem Namen „Ebay“. Ich habe später vom Tierarzt erfahren, dass sich Tiere tatsächlich schämen können, wenn ihr Fell so verändert ist – sie spüren, dass etwas anders ist. Und genauso wirkte er auch: ganz zurückgezogen. Als ich zu ihm ging, ist er sofort aufgesprungen, auf mich zugelaufen und hat sich auf meinen Schoß gesetzt – da war klar: Das ist er.

… Oscar Wilde

Pacini: Ich erinnere mich noch genau an das erste Zitat von Oscar Wilde, das ich gelesen habe: „Sei du selbst, denn alle anderen sind bereits vergeben.“ Das hat mich sofort gepackt. Ich habe dann unglaublich viel von ihm gelesen und gemerkt, wie sehr mich seine Art anspricht – diese kurzen, prägnanten Sätze, die nicht aus dem Zusammenhang gerissen wirken und gleichzeitig etwas Unaussprechliches berühren. Er arbeitet so stark zwischen den Zeilen, nutzt die Schärfe der Worte, um etwas ganz Weiches zu zeichnen. Das finde ich faszinierend, weil es für mich sehr nah an Musik ist.

… Malerei

Pacini: In der Malerei zieht es mich zu Kontrasten. Zu Caravaggio und Claude Monet fühle ich mich aus ähnlichen Gründen sehr hingezogen. Caravaggio mit diesem starken Hell-Dunkel, fast wie ein Delacroix des Barocks, und Monet mit einer ganz subtilen Formensprache von Licht. Dieses Spannungsfeld entspricht mir sehr. Ein ganz konkreter Moment war für mich eine Reise nach Rom. Im Museo del Vaticano habe ich mir sehr spontan einen Caravaggio-Bildband gekauft – so schwer, dass ich für Übergepäck zahlen musste. Ich habe dafür sogar Schuhe aus dem Koffer genommen. Dieses Buch steht heute so bei mir, dass ich es vom Klavier aus sehen kann. Gerade in der Corona-Zeit habe ich gemerkt, wie wichtig solche Dinge sind: etwas in der Hand zu haben, Seiten umzublättern, sich zu erinnern, wann man es zuletzt aufgeschlagen hat.

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