Dietrich Pätzold kennt die Geige nicht nur als Musiker, sondern auch als Komponist, Toningenieur, Hörspielregisseur und Autor. Vor diesem Hintergrund entstand nach zwanzig Treffen mit dem an der Ostsee seinen Lebensabend verbringenden Geiger Saschko Gawriloff ein spannender wie differenzierender Lebensabriss. Auf Wikipedia lesen sich die Karriereschritte und Stationen des 1929 in Leipzig geborenen Deutsch-Bulgaren ziemlich nüchtern. Doch wie Pätzold diese Biografie nach dem längeren Einstieg über die Kindheit in der Donaustadt Lom und nach dem Auftritt vor der bulgarischen Zarenfamilie auffächert, gerät spannend und facettenreich. Für einen Konzertmeister und Orchestergeiger wechselte Gawriloff die Stellen ziemlich häufig, sogar unter Berücksichtigung der für den Beginn einer Karriere gewiss komplizierten Nachkriegszeit. Nach leider nur wenigen Hinweisen auf das heute weitgehend vergessene Jugendrepertoire Gawriloffs gewinnt die Darstellung mit der verdichteten Einbettung in die zerrissenen Zeitumstände an Kraft. Pätzold erwähnt die außergewöhnlichen Zerreißproben zwischen Pragmatik und menschlicher Positionierung. Er differenziert Gawriloffs kollegiales Umfeld und berichtet über dessen spieltechnischen Entwicklungssprung in den ersten Berufsjahren. So zeigt dieses Panorama ein gleichgewichtiges Ineinanderwirken von Leben und Kunst, Orchesterspiel und profilierter Solokarriere – bis zu künstlerischen Glückssituationen wie der Uraufführung des Violinkonzerts von György Ligeti.

Leben und Spielen. Der Geiger Saschko Gawriloff und sein Jahrhundert
Dietrich Pätzold
Dittrich, 288 Seiten
22,00 Euro






