Herr Naske, was erwartet das Publikum in der Saison 2026/27?
Matthias Naske: Die künstlerische Planung des Wiener Konzerthauses lebt von einem attraktiven Mix aus Neuem und gewissen Kontinuitäten, die musikalische Exzellenz in hoher Kontinuität sicherstellen. Wir präsentieren in der kommenden Spielzeit 125 Orchesterkonzerte, das ist schon eine ganze Menge. Das wird nur noch getoppt von 138 Konzerten für Kinder und Jugendliche. In die Planung fließt viel Kreativität ein, aber auch Erzählungen, die über das Traditionelle hinausgehen.
Los geht es mit Pittsburgh Symphony unter Manfred Honeck …
Naske: Genau. An den zwei Abenden zur Saisoneröffnung stellen wir zudem jeweils einen Porträtkünstler vor: Augustin Hadelich und Alexandre Kantorow. Da sieht man schon, wohin die Reise geht: starke Junge mit einem bewährten Orchester zusammenzubringen. Ich bin überzeugt, dass es gelingt, diese Saisoneröffnung in ein Fest zu verwandeln. Zunächst gibt es ein ganz traditionelles Konzert mit Pause. Danach laden wir alle – Orchester und Publikum, immerhin 1900 Menschen – ein, im Haus zu bleiben. Die anderen Säle öffnen sich, es gibt Kammerkonzerte, kleinere Formationen in den Foyers, Drinks und kleine Köstlichkeiten und vor allem ein Miteinander. Musikerinnen und Musiker und Publikum feiern zusammen die Eröffnung der neuen Saison und das dauert meist bis Mitternacht.
Ein Projekt, das den Raum selbst neu definiert, folgt kurz darauf.
Naske: Am 20. September bringen wir Georg Friedrich Haas’ „11.000 Saiten“. Wir entfernen die Estradenplätze im Großen Saal und platzieren rund um das Publikum 50 mikrotonal gestimmte Klaviere. Das Publikum erlebt dieses Werk in einem idealen akustischen Ambiente – einmal um 15 Uhr, einmal um 20 Uhr. Das ist ein exponiertes Hörerlebnis und bereits ein Wiederaufführungstermin für dieses wunderbare Werk in diesem Haus, denn es wurde knapp nach der Uraufführung in Bozen im Rahmen des Festivals Wien Modern bereits einmal im Wiener Konzerthaus aufgeführt.
Welche weiteren Höhepunkte erwarten uns?
Naske: Anna Netrebko gibt ein Rollendebüt in „Herzog Blaubarts Burg“. Mit Mirga Gražinytė-Tyla, dem Birmingham Symphony Orchestra and Choir, werden wir Weinbergs „Die Passagierin“ zur Aufführung bringen, eine Oper, die den Holocaust thematisiert. Gute Musik, große Produktion, zehn, zwölf Solisten. Für dieses besondere Thema und musikalisch ist Mirga Gražinytė-Tyla die richtige Person für dieses Werk und für diesen Moment im Jahr. Also das ist sicher ein Meilenstein.
Gibt es irgendetwas, auf das Sie schon ganz lange hingearbeitet haben?
Naske: Zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses präsentieren wir den kompletten „Ring des Nibelungen“ in einer konzertanten Wiedergabe. Kent Nagano hat ihn mit dem Dresdner Festspielorchester während der vergangenen vier Jahre, wissenschaftlich begleitet, erarbeitet, wir zeigen ihn in Zusammenarbeit mit Jan Vogler und dem Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln im Mai 2027 in kompakter Form. Ich habe einige Stationen davon erlebt und dabei musikalisch wirklich großes Vergnügen gehabt. Mich interessiert besonders der Zugang über den Originalklang, also die Suche nach einem Klang, wie ihn Richard Wagner bei der Uraufführung erlebt haben könnte. Richard Wagner auf Darmsaiten zu hören, eröffnet eine neue Perspektive, auch im Hinblick auf die angewandten Spieltechniken und den Vokalstil der Solistinnen und Solisten. Auch wenn wir damit erst kurz im Verkauf sind: Beim Wiener Publikum erzeugt dieses Projekt viel Resonanz, die Besucherinnen und Besucher sind neugierig.
Braucht es für Wagner überhaupt eine Bühne?
Naske: Man kann sich konzertant sehr gut auf die Musik konzentrieren – und da ist genug drin. Ich war kürzlich beim Ring mit Kirill Petrenko in Salzburg, das war überwältigend, hat mich sehr beeindruckt. Aber das Werk ist so reich, dass es eigentlich gar keine Bühne braucht. Das Musikerlebnis wird so unmittelbarer und intensiver.
Auch solistisch ist die Saison stark besetzt.
Naske: Ich freue mich sehr, dass Krystian Zimerman wieder kommt. Er entscheidet selbst, wo er spielt, und war bei seinem letzten Konzert im Großen Saal vom Saal und vom Publikum begeistert. Dazu kommen in der Klavierreihe Martha Argerich, Mitsuko Uchida, András Schiff, Daniil Trifonov, Grigory Sokolov und Hélène Grimaud. Petr Popelka möchte ich auch noch erwähnen, er ist als Chefdirigent der Wiener Symphoniker im Haus sehr präsent. Ein starker, junger, dynamischer Musiker, der den Wiener Symphonikern wirklich sehr gut tut. Darüber hinaus gibt es viele schöne Konzerte, auch mit den Wiener Philharmonikern.
Ein Format, das das Haus besonders prägt, ist der „Gemischte Satz“.
Naske: Wir bespielen dabei alle Säle und können so die Vielseitigkeit des Hauses hervorheben. Das Publikum geht von Saal zu Saal, hört kompakte Konzerte und bekommt zwischen den einzelnen Konzertblöcken Kostproben von Gemischtem Satz, einer Wiener Weinspezialität, gereicht. Innerhalb der Blöcke des musikalischen Geschehens gibt es eine große Freiheit, die die Künstlerinnen und Künstler gut zu nutzen wissen. Ein Schubert-Lied mit Klavier begleitet, ein Volkslied danach, das Schubert beeinflusste, alle sind auf der Bühne, und eine Lesung dazwischen von passenden Texten von Top-Schauspielerinnen und Schauspieler, und danach ein Werk einer zeitgenössischen Komponistin oder eines zeitgenössischen Komponisten, das einen direkten musikalischen Bezug wieder auf das Schubert-Werk hat. Man hört in jedem Fall Musik, die überrascht, und geht danach erfüllt und bereichert und ein bisschen berauscht von der sinnlichen Qualität der Musik und vielleicht auch des Weins wieder weiter.
Gab es zuletzt einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Naske: Raphaël Pichons Matthäus-Passion war für mich eine der schönsten meines Lebens. Es hat alles gestimmt. Evangelist Julian Prégardien, in Topform, großes Vertrauen mit dem musikalischen Partner Raphaël Pichon – das war sehr frei. Es gab minutenlang begeisterte Standing Ovations. Das passiert nicht so oft.
Wie entwickelt man ein Gespür für solche Momente?
Naske: Der Bauch spielt eine Rolle. Aber es ist auch Handwerk: offene Ohren, permanente Evaluation, tägliches Lernen. Gleichzeitig muss man Künstlerinnen und Künstler Räume geben, die sie mit Autonomie und Verantwortung füllen können. Und dennoch gibt es Momente, in denen man als Veranstalter Haltung zeigen muss – auch, um das Publikum zu schützen. Das hat mit Professionalität zu tun, aber auch mit Geschmack.
Welche Rolle spielt ein Konzerthaus gesellschaftlich?
Naske: Es ist ein Ort, an dem Gesellschaft verhandelt wird, ohne mit dem Zeigefinger darauf aufmerksam gemacht zu werden. Gleichzeitig ist es ein Ort der Distinktion im Sinne Bourdieus: Musikgeschmack bleibt ein soziales Unterscheidungsmerkmal. Aber wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Deshalb versuchen wir, möglichst viele ästhetische Perspektiven in unser Programm zu integrieren. Musik ist ein starkes gesellschaftliches Medium. Wichtig ist nur, sich nicht parteipolitisch vereinnahmen zu lassen.
Und konkret: Wie bleibt ein Haus offen?
Naske: Durch Zugänglichkeit. Wir lassen uns lieber vom Publikum tragen als von der Politik, aber öffentliche Mittel sind wichtig, um diese Offenheit zu sichern. Etwa für Projekte mit Menschen mit Behinderung oder für Vermittlungsarbeit. Bei uns gilt: Jede Art der Rezeption ist legitim. Auch Programme wie „Hunger auf Kunst und Kultur“ gehören dazu. Menschen mit geringem Einkommen erhalten freien Zugang – und auch das ist uns wichtig.
Ein zentrales Thema bleibt die Preisgestaltung.
Naske: Pricing ist ein sensibles Instrument. Über den Preis steuert man das Publikum – und das ist ein Dilemma. Hohe Preise bedeuten nicht automatisch ein besseres Publikum. Wir versuchen, über differenzierte Modelle Zugang zu ermöglichen. Gleichzeitig stehen wir vor unternehmerischen Realitäten: Wir müssen jedes Jahr viele Millionen einspielen. Bei 600 eigenen und insgesamt rund 900 Produktionen und 118 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das eine große Verantwortung.
Wie erleben Sie die Rolle der Politik?
Naske: Wir kämpfen um Corporate Partnerships, wir kämpfen um Subventionen. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Phase knapper öffentlicher Mittel und so machen die Mittel der öffentlichen Hand nur 12% unserer Gesamteinnahmen aus. Aber ich glaube an die Kraft der Menschen, und ich glaube, dass dieses Haus eine überschaubare Phase schrumpfender Mitfinanzierung der öffentlichen Hand überstehen wird. Auch Kultureinrichtungen sind nichts anderes als Unternehmen. Sie sind Unternehmen, die nicht auf pekuniären Gewinn gerichtet sind, sondern der Gewinn einfach eine andere Form immateriellen Vermögenswerts ist. Der Gewinn hier ist, dass Menschen am kulturellen Geschehen teilhaben können.
Wie sieht Ihre Vision für die nächsten 5, 10, 15 Jahre aus?
Naske: Ich möchte das Haus noch weiter stabilisieren. In Wahrheit muss es sich ohnehin fortwährend neu erfinden. 15 Jahre werde ich nicht mehr hier arbeiten, aber ich kann Ihnen verraten: Ich würde gerne für weitere fünf Jahre hier arbeiten. Ich könnte auch sagen: So, ist ja bald mal vorbei, ich werde jetzt alt genug, ich gehe in Pension. Aber ich will eigentlich ganz gerne noch ein paar Jahre hierbleiben, in diesem Haus, das ein freier, autonomer, den Menschen dienender Ort ist, in dieser wunderbaren Musikstadt Wien.
Und darüber hinaus?
Naske: Wenn Sie mich nach meiner Vision fragen, dann sage ich: Am liebsten würde ich noch ein drittes Konzerthaus bauen in Wien, einen neuen Ort schaffen, der aus der Gegend gedacht ist, nicht im Zentrum liegt, und ein Ort, der alles das können soll, was man sich heute von einem kulturellen Begegnungsort wünscht. Der sollte natürlich sozial durchlässig sein und künstlerisch viele Möglichkeiten geben. Keine Ahnung, ob mir das noch gelingt, wahrscheinlich, muss ich ganz offen sagen, nicht. Aber ich werde immer wieder darüber reden und auch jungen Menschen Mut geben, dass nur der Gestaltungswille von uns als Menschen, die wir in einer Gesellschaft heute hier leben, Dinge ermöglicht. Dieses Haus ist gebaut worden, weil Menschen es wollten, nicht weil die Politik es wollte, sondern aus einer Notwendigkeit heraus. Es gibt nie genug Orte für Gesellschaft, um diesen Zusammenhalt auch weiterzuentwickeln.
Kann Musik Menschen verändern?
Naske: Ich glaube, dass die Fähigkeit zur konzentrierten Wahrnehmung ein wichtiger Bestandteil eines erfüllten Lebens sein kann. Ob man es übertragen kann auf eine moralische Dimension, wage ich mir nicht vorzustellen. Also ich kann Ihnen sagen: Ich gehe in hunderte Konzerte, und bin kein besserer Mensch geworden.
Was kann Musik in einer digitalisierten Welt leisten?
Naske: Musik ist Kommunikation. Der Bildschirm ist nicht Menschlichkeit. Ein gelungenes Konzert ist, wenn diese Kommunikation zwischen Produzent und Rezipient einfach funktioniert. Das sind diese magischen Momente, nach denen wir uns alle sehnen und die immer wieder passieren. Es gibt dieses schöne Zitat von Géza Anda, der gesagt hat: Ein gelungenes Konzert ist ein gelungenes Wunder. Das klingt so ein bisschen mystifizierend, aber für mich ist es total wahr. Also da muss man auch mit Demut rangehen.
Wie blicken Sie insgesamt auf die kommende Saison?
Naske: Ich bin zuversichtlich. Ich glaube an die Kraft des Publikums in diesem Haus, und ich bin dankbar, dass ich das machen kann. Um Ihre Frage wirklich gut zu beantworten, was meine Vision für die nächsten fünf Jahre ist: dem Ganzen weiter Sinn geben, das wunderbare Team und unsere vielen Gäste zusammenzuhalten. Und der Kunst und der Musik möglichst viel Raum im Leben Vieler zu geben.




