Porträt Martynas Levickis

Die Emanzipation der Quetschkommode

Der junge Litauer Martynas Levickis definiert das Akkordeon aufregend neu.

© Mindo Cikanavičius

Martynas Levickis

Martynas Levickis

Sieht man sich seine Pressefotos an, könnte der junge Herr glatt als Model durchgehen – wäre da nicht sein ständiger Begleiter mit auf dem Bild: ein seltsamer, glänzender, schwarzer Kasten mit ein paar Klaviertasten drauf. Ist das nicht…? Natürlich! Kindheitserinnerungen werden wach an Zerrwänster und Quetschkommoden, Schifferklaviere und Blasebälge. Alles irgendwie liebevoll-abschätzige Bezeichnungen für das Akkordeon.

So was kann man studieren? Unbedingt! Man kann damit sogar extrem erfolgreich sein und rund um die Welt jetten. Und man kann mit dem ersten Studioalbum die Klassikcharts stürmen und Groupies quer durch alle Altersgruppen und Musikliebhaberinnen begeistern. Das ambitionierte Ziel des gerade mal dreißigjährigen Litauers: „Ich möchte das Image meines Instruments neu definieren.“

„Denen werd’ ich’s zeigen!“

Eigentlich hat Levickis schon mit drei Jahren angefangen Akkordeon zu spielen. „Mein erster bewusster musikalischer Eindruck war ein Klavierkonzert im Fernsehen“, erzählt er mit leutseliger Freundlichkeit. „Ich klopfte mit meinen Fingern auf den Tisch, da wusste meine Familie: Das Kind muss Tasten haben.“ Aber ein Klavier war in der Post-Sowjetzeit zu teuer, „da brachte mein Onkel eines Tages ein Kinderakkordeon zu uns nach Hause, und ich habe sofort begonnen zu üben, meistens versteckt im Wald.“ Denn anfangs wurde der kleine Martynas von den Freunden belächelt – und entwickelte den großen Ehrgeiz: „Denen werd’ ich’s zeigen!“ Und er zeigte es ihnen, denn Levickis gehört heute – mit einem Plattenvertrag bei der Decca, nach dem Sieg bei einer Akkordeon-WM sowie beim lettischen „Supertalent“-Ableger im Fernsehen – zu der Handvoll Solisten weltweit, die mit ihrem ungewöhnlichen Instrument ihren Lebensunterhalt verdienen.

Dabei ist das Repertoire, das Martynas Levickis sich anverwandelt, äußerst breit gefächert: Es reicht von Vivaldis „Jahreszeiten“ über die zeitgenössische Musik bis hin zu Folklore und Popsongs von Lady Gaga. Sieht er sich eher als Brückenbauer oder als Missionar? „Gute Frage“, meint der Akkordeonist. „Ich habe an der Royal Academy of Music in London studiert und dadurch sehr früh mit Klassikkollegen zusammengearbeitet, daher sehe ich mich schon als klassischen Musiker. Aber ich erweitere das Repertoire, das mir mehr Optionen eröffnet.“ Das Akkordeon mit seinen kaum zu überblickenden klanglichen Möglichkeiten erlaubt viele Experimente: „Es kann eigentlich alles“, sagt Levickis und lächelt sein Frauenschwarmlächeln.

© Mindo Cikanavičius

Martynas Levickis

Martynas Levickis

Versucht junge Komponisten für das Akkordeon zu begeistern: Martynas Levickis

Weil die akademische Tradition des Akkordeonspiels erst 1929 in Wien begann und das Instrument in den fünfziger Jahren technisch so revolutioniert wurde, dass es sich auf der linken Spielseite von festgelegten Akkordschemata emanzipieren und den Tonumfang erweitern konnte, existiert naturgemäß wenig Originalliteratur. Neues Repertoire wächst nur langsam heran. „Ich bin ein großer Fan der zeitgenössischen Musik und würde sie gern öfter spielen, allerdings wird dieses Repertoire von den Veranstaltern nicht mehr allzu häufig angefragt“, sagt Levickis, der auch selbst ein wenig komponiert. „Viele junge Komponisten muss man erst mal für das Akkordeon interessieren, das mache ich seit sechs Jahren bei meinem eigenen Festival in Litauen.“ Und auf der Agenda stehen auch einige Auftragswerke.

Aber in den allermeisten Fällen nimmt sich Levickis ursprünglich anders besetzte Stücke vor, die er dann selbst für sich arrangiert – Usus unter Akkordeonisten. Dabei kann er am besten auf seine raffinierte Spieltechnik und die vielfältigen Möglichkeiten seines Instruments eingehen. „Ich liebe diese Klänge, die sequenziert, überblendet, reich registriert oder ganz fahl im Raum stehen können.“ Eine menschliche Personalität mag Levickis aber seinem Instrument nicht zubilligen. „Es ist mein Handwerkszeug, ich bin jung und kann damit interessante Fragen aufwerfen, die vielleicht über die Grenzen der Musik hinausgehen.“ Damit will Levickis einerseits gegen die Tradition rebellieren, der er andererseits folgt. „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, gibt er freimütig zu. Entsprechend vielgestaltig ist Levickis’ Vorbilderriege – sie reicht von Barenboim bis Eminem. Am meisten rebelliert er damit wohl gegen die Erwartungshaltung. Mit seinen Ritten quer durch alle musikalischen Genres kann er die artifiziellen Gemüter beeindrucken und gleichzeitig die Musikkonsumenten befriedigen. Im besten Falle bringt Martynas Levickis beide dazu, zusammen im Konzert zu sitzen. Und wenn sie aus der einstigen Quetschkommode plötzlich ein ernstzunehmendes Instrument erwachsen sehen, ist die Mission erfüllt.

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