Ihren Richard, den lassen sich die Dresdner was kosten. Wagner, der hier immerhin drei seiner frühen Opern mit seiner „Wunderharfe“ uraufführen ließ, zieht in der Semperoper immer. Pünktlich zur Karwoche ist nun mal wieder der „tumbe Tor“ an der Reihe, als Mitleid erlernender Parsifal nicht nur die sektiererischen Gralsritter, sondern auch die Sachsen selbst zu erlösen, die zumindest in ihrer Hauptstadt vier Jahrzehnte auf Wagners letzte Oper warten mussten. Dementsprechend begehrt sind die Tickets rund um Ostern.
Aber ach! Bereits im Vorspiel deutet sich an, dass man beim verwöhnten Publikum der Semperoper nicht mit ungeteilter Begeisterung würde rechnen können. Und das liegt nicht nur an den umweltschützenden Rucksacktouristen, den Nonnen, den Rollstuhlfahrern und den Pfadfindern, die schon in der Ouvertüre die fiktive Abtei-Ruine „Sankt Parsifal“ bevölkern und das hehre Bühnenweihfestspiel quasi als Theater auf dem Theater beglotzen.

Besonders „sehr langsam“
Auch musikalisch gibt es am Anfang erstmal einige Fragezeichen. Chefdirigent Daniele Gatti legt ein Tempo vor, das noch deutlich langsamer als das vorgeschriebene „Sehr langsam“ vor sich hin steht. Das führt unweigerlich auch bei der Sächsischen Staatskapelle zu unüberhörbaren Wacklern – metrisch wie intonatorisch. Erst im dritten Akt gelingt es Gatti, seine Wunderharfe zu den Weihen zu führen, für die man sie zu Recht feiert, haben Diktion, Dynamik und Klangreichtum die Perfektion erreicht, die man hier erwarten darf.
Jubelstürme für Georg Zeppenfeld als Gurnemanz
Von Anfang an darf hingegen Haus-Star Georg Zeppenfeld als Gurnemanz die größten Jubelstürme für sich verbuchen, und das auch völlig zu Recht. Sein warmer, gut austarierter Bass funktioniert auch im Sotto voce mit großartiger Deklamation und erstklassiger Textverständlichkeit. Auch Oleksandr Pushniak legt seine Amfortas-Partie menschlich-warm an, während Eric Cutler in der Titelrolle einige Fragen offenlässt, besonders in der Höhe und in der Gestaltungsvarianz. Auch die vereinten Chöre des Hauses fahren erst im letzten Drittel zu der Hochform auf, die man von ihnen gewohnt ist; zuvor fehlt es durchaus an intonatorischer Genauigkeit und Klangtiefe. Mag sein, dass all dies mit der heute üblichen Verknappung von Probenzeiten zu tun hat, zumal die Oper mit fünfeinhalb Stunden Spieldauer inklusive zweier Pausen eine der längsten des Repertoires ist.

„Parsifal“ aus den Augen eines Kindes erzählen
Zuvorderst zeigt sich dieser Mangel indes in der Inszenierung, die ausgerechnet im dritten Akt, da die musikalische Emphase ihren Höhepunkt erreicht hat, vollends auf der Stelle tritt. Schon zu Beginn stellt sich schnell die Frage, ob man den mit christlich-historistischem Pathos überladenen „Parsifal“ überhaupt noch heutig inszenieren kann. Floris Visser versucht es mit Naturalismus, den er glaubt bemühen zu können, indem er sich des Tricks bedient, die Handlung aus den Augen eines Kindes zu erzählen, das sich – aus einer touristisch gelangweilten Schulklasse hervortretend – mit der Titelfigur identifiziert und die Entwicklung des dummen Knaben zum Gralshüter aus einem Buch selbst herbeifantasiert.
Den jungen Komparsen Leander Wille kann man kaum beneiden, denn er ist volle drei Akte auf der Bühne damit beschäftigt, offenen Mundes zu staunen und die Rückblenden der Erzählung zu spielen, etwa wenn er seiner darob vergehenden Mutter entläuft. Der Junge macht das gut, aber er bleibt unverschuldet auch in dieser Lesart ein Fremdkörper, weil er letztlich – abgesehen vom Naivitätsfilter, für den ihn die Regie nutzt – ohne Funktion bleibt. Er dient lediglich als Vehikel, um in der für die Szenenwechsel drehbaren gotischen Kirchenruine (Bühne: Frank Philipp Schlößmann) einen mit allerlei Zaubertricks garnierten katholischen Bilderreigen irgendwo zwischen Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, John Miltons „Paradise Lost“ und waschechtem Hollywoodkitsch ablaufen lassen zu können.

Katholische Fantasy bis ins letzte Detail
Schon 1880 hatte Richard Wagner in seinem Essay „Religion und Kunst“ erkannt, dass „da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten“, um – so sinngemäß – ihre „mythischen Symbole“ durch ideale Darstellung erst wahrhaftig werden zu lassen. Nur hat der Regisseur diese Ambition insofern zu wörtlich genommen, als er die allzu katholische Fantasy bis ins letzte Detail ausbuchstabiert. Von Klingsors in der Handlung eigentlich schon vollzogener Entmannung über den Sündenfall von Adam und Eva bis zum blutüberströmten Gralsbecher in historistischer Optik bleibt dem Publikum wirklich nichts erspart.
Zu allem Überfluss will der Regisseur auch noch politische Dimensionen ausloten, projiziert Kriegsvideos in die Abteirosette und lässt die Gralsritter plötzlich Demonstranten sein, die nur singend die Enthüllung des Kelchs, szenisch aber mit Plakaten die Rettung der Welt fordern. Sind sie nicht dran, sehen sie stumm und statisch dem lebensmüden Amfortas in seiner Todessehnsucht zu. Da wird die ohnehin schmale Erzählspur vollends zur Farce mit viel ungenutztem Personalauflauf.

Wer erlöst die Menschheit?
Zum Finale, dessen philosophisch-theologische Aspekte weitgehend unerzählt bleiben, sind alle irgendwie erlöst, der Kindertraum endet; man gibt sich die Hände, und alle haben sich wieder lieb. Das Pathos wird von Kitsch erstickt – und das ist an himmelschreiender Naivität nicht zu überbieten. Überdies gerät die Erzählung damit in eine nicht ungefährliche Nähe zum Narrativ des einzelnen Erlösers, auf den die Welt nur gewartet hat, um von allen Übeln der Welt zwischen Verarmung, Klimakrise und Kriegsgeschrei befreit zu werden. Mag sein, dass er mit guten Absichten und humanitärem Mitleid gekommen ist. Aber was, wenn nicht? Die Menschheit erlösen kann wohl nur die Menschheit selbst. Oder untergehen.
Semperoper Dresden
Wagner: Parsifal
Daniele Gatti (Leitung), Floris Visser (Regie), Frank Philipp Schlößmann (Bühne), Jon Morell (Kostüme), Malcolm Rippeth (Licht), Will Duke (Video), Demi Walls (Choreografie), Oleksandr Pushniak, Albert Dohmen, Georg Zeppenfeld, Eric Cutler, Scott Hendricks, Michèle Losier, Leander Wilde; Sächsischer Staatsopernchor, Kinderchor der Semperoper Dresden, Sinfoniechor Dresden, Extrachor der Semperoper Dresden, Sächsische Staatskapelle Dresden
Termintipp
Mi., 25. März 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Parsifal
Daniele Gatti (Leitung), Floris Visser (Regie)
Termintipp
Di., 31. März 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Parsifal
Daniele Gatti (Leitung), Floris Visser (Regie)
Termintipp
Fr., 03. April 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Parsifal
Eric Cutler (Parsifal), Oleksandr Pushniak (Amfortas), Albert Dohmen (Titurel), Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Scott Hendricks (Klingsor), Michèle Losier (Kundry), Daniele Gatti (Leitung), Floris Visser (Regie)
Termintipp
Mo., 06. April 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Parsifal
Eric Cutler (Parsifal), Oleksandr Pushniak (Amfortas), Albert Dohmen (Titurel), Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Scott Hendricks (Klingsor), Michèle Losier (Kundry), Daniele Gatti (Leitung), Floris Visser (Regie)


