Opern-Kritik: Göteborgs Operan – HAMLET

Hamlet mit Happy End

(Göteborg, 9.4.2016) Umjubelte Schwedische Erstaufführung der Grand opéra von Ambroise Thomas

© Mats Bäcker

Was hätte aus diesem Paar wohl alles werden können? Hätten Hamlet und Ophelia gar die Erneuerung einer mörderischen Diktatur bewirken können, die sich als lupenreine Demokratie gibt, aber doch nur durch die Mechanismen eines üblen Überwachungsstaats, ja durch politische Morde am Leben erhalten wird? Etwas ist faul im Staate Dänemark. Just der gern zitierte Shakespeare-Satz wird zwar in der Hamlet-Oper von Ambroise Thomas nicht gesungen. Doch Stephen Langridge lässt in seiner Inszenierung keinen Zweifel daran, welche Fäulnisprozesse diese Gesellschaft auszeichnen. Dazu greift der regieführende Intendant zu durchaus deutlichen Mitteln der Aktualisierung.

Hamlet heute – Pussy Riot und Litwinenko lassen grüßen

Er kann sich dabei auf Shakespeare berufen, dessen Modernität einfach erstaunlich ist. Wenn der größte britische Dichter in der Vorgeschichte seiner Tragödie das saubere Morden ohne Spuren vorführt, weist er geradewegs in die jüngere Vergangenheit. Wie war das noch mit dem Fall Litwinenko in London? Claudius jedenfalls bringt seinen Bruder mit einer Giftspritze um die Ecke, um alsbald dessen Platz einzunehmen. Das Volk jubelt dem neuen König an der Seite der neualten Königin Gertrude pflichtschuldig zu. Die Polizei sorgt für Ordnung. Dumm nur, dass zwei nackte Aktivistinnen in Pussy Riot-Manier die anbefohlene Harmonie stören. Auch wenn dänische Fahnen geschwenkt werden: Die Parallelen zum real existierenden Russland der Gegenwart sind offensichtlich. Hamlet will das böse Spiel nicht mitspielen. Der aufbegehrende Prinz ist ein jugendlicher Kapuzenmann, ein nachdenklicher Revoluzzer, der Gewalt am liebsten nicht mit Gegengewalt bekämpfen will. Und der am Ende doch zum Rächer wird, seinen bösen Onkel umbringt und selbst König wird.

Operndemokratie – Publikum entscheidet über das Finale

Ein Hoffnungsschimmer am Ende von Hamlet? Ambroise Thomas will es so. Jedenfalls in der Pariser Uraufführung von 1868 kommt der Titelheld nicht ums Leben, Hamlet überlebt die tragischen Verstrickungen, nachdem er baritonbalsamisch auf Französisch über Sein oder Nicht-Sein, „To be or not to be“, sinniert hat, nachdem seine geliebte Ophelia sich entleibt hat, nachdem sein Volk sich mutig den Erlöser aus diesem irdischen Jammertal herbei demonstriert hat. Ob daraus ohne Herzensfrau und Seelenmensch Ophelia etwas Gutes werden wird? Darauf weiß auch die Oper keine Antwort.

In Göteborg, wo Hamlet jetzt unter großem Jubel seine schwedische Erstaufführung feierte, wirkt das Ende mit einem durch ein frisches Graffiti immerhin symbolisch gekrönten Prinzen sehr wohl stimmig. Gleichwohl weiß der Brite Stephen Langridge natürlich, dass die Story bei Shakespeare ja eigentlich böse endet. Also lässt er im Wechsel der Vorstellungen die Alternativversion der Oper spielen, die Thomas für die Londoner Premiere an Covent Garden autorisierte: Im Shakespeare-Land hielt man ein optimistisches Ende für nicht vermittelbar. Da tötet Hamlet also Claudius, dann sich selbst, um seiner Ophelia im Liebestod nachzufolgen. In der Göteborger Premiere indes respektierte man den ursprünglichen Komponistenwillen und zeigte ein Happy End. Das Publikum darf sich in den kommenden Wochen entscheiden, welche Variante es bevorzugt.

Ophelia-Lady Di Die Königin der Herzen

Langridge erzählt diesen absolut heutigen Hamlet mit eindrücklich starken Bildern (Samal Blak) und in präzis psychologischer Personenführung, die ihm auch dank seiner exzellenten Sängerdarsteller wunderbar gelingt. Der Niederländer Thomas Oliemans ist mit seinem edel warmen, aufrichtigen wie tragfähigen, in der Höhe hellen Kavaliersbariton ein idealer Prinz, deutlich weniger blutarmer Zauderer als bei Shakespeare, denn seiner Mission bewusster sensibler moderner Held. Die Dänin Ditte Højgaard Andersen gibt die Ophelia mit ihrem anrührenden, modulations- und expansionsreichen lyrischen Koloratursopran als charismatische Königin der Herzen. Nach ihrem Tod legt der Chor wie weiland für Lady Di ein Blumenmehr an die Straße. Mit ihr ist auch ein Mythos gestorben. Die Parallele ist klug gewählt. Und Ophelia ist in der Oper deutlich aufgewertet gegenüber der Schauspielvorlage. Zudem gibt Ambroise Thomas den Bösewichtern mehr Gewicht. Gertrude und Claudius werden hier zu heimlichen Verwandten von Lady Macbeth und ihrem mörderischen Gatten. Das Duett der dunklen Stimmen ist eine Wucht, auch weil Göteborg mit Katarina Karnéus ein umwerfendes Mezzo-Urviech im Ensemble hat. In der kommenden Spielzeit ist sie die Klytämnestra in der Elektra-Neuproduktion, die wiederum Stephen Langridge in Szene setzen wird. Das macht auch dramaturgisch Sinn, ist Elektra in ihrem Rachehunger doch gleichsam ein weiblicher Hamlet.

Die sehr hohe musikalische Qualität setzt sich im Orchester fort, das unter Henrik Schaefer mit ganz viel französischer Eleganz, extrafeinen Pianissimi und wunderbar abgemischten Farben aufwartet. Der packende Musiktheaterabend ist noch bis 21. Mai in Göteborg zu erleben. Das lichte, erst 1994 nah am Wasser gebaute Opernhaus ist so manche Reise wert, man darf es zu den attraktivsten Neubauten der Gegenwart zählen. Die Stadt ist ohnehin eine immer wieder neu zu entdeckende Schöne! Nicht nur die dänischen Nachbarn sollten zu „ihrem“ Hamlet hier in einer aufregenden Neudeutung von europäischem Spitzenformat pilgern.

Göteborgs Operan

Thomas: Hamlet

Henrik Schaefer (Leitung), Stephen Langridge (Regie), Samal Blak (Bühne & Kostüme), Paul Pyant (Licht), Thomas Oliemans, Ditte Højgaard Andersen, Katarina Karnéus, Paul Whelan, Joachim Bäckström, Göteborgsoperans Orkester und Kör

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