Opern-Kritik: Theater Osnabrück – Owen Wingrave

Gegen Krieg und Kada­ver­ge­hor­sam

(Osnabrück, 16.1.2016) Benjamin Brittens pazifistische Fernsehoper von 1971 bewegt uns auch heute noch

© Jörg Landsberg

Osna­brück führt den Bei­na­men „Frie­dens­stadt“. 1648 been­de­te der hier geschlos­se­ne West­fä­li­sche Frie­den den 30jährigen Krieg. Erich Maria Remar­que, der Autor des bis heu­te welt­weit erfolg­reichs­ten Anti­kriegs­ro­mans Im Wes­ten nichts Neu­es, wur­de 1898 hier gebo­ren. Das schmu­cke Thea­ter direkt neben dem mit­tel­al­ter­li­chen Dom macht immer wie­der Pro­jek­te zu die­sem, die Stadt kul­tu­rell prä­gen­den The­ma.

Owen Wing­ra­ve, ursprüng­lich als Fern­seh­oper kon­zi­piert, passt inhalt­lich her­vor­ra­gend in die­se Pro­gramm­li­nie. Die Titel­fi­gur, Spross einer lan­gen Rei­he von Offi­zie­ren und Kriegs­hel­den, beschließt auf der Mili­tär­aka­de­mie, nicht Sol­dat zu wer­den, wird von Ver­lob­ter und Fami­lie als pflicht­ver­ges­se­ner Feig­ling ver­sto­ßen und kommt auf so rät­sel­haf­te wie furcht­ba­re Wei­se zu Tode. Das 1971 zeit­gleich in BBC und ZDF, also im his­to­ri­schen Umfeld des Viet­nam-Krie­ges, urauf­ge­führ­te Werk ist ein fast dis­kur­siv gebau­tes, pazi­fis­ti­sches Fanal, das sich nicht nur gegen Krieg an sich, son­dern auch und vor allem gegen Fremd­be­stim­mung und Kada­ver­ge­hor­sam rich­tet. In Osna­brück ist eine bemer­kens­wer­te Auf­füh­rung gelun­gen.

Packen­de musi­ka­li­sche Inten­si­tät

Schon das kur­ze Orches­ter­vor­spiel, kon­zi­piert als Abschrei­ten einer Ahnen­ga­le­rie von Offi­zier­s­por­träts, packt unmit­tel­bar. Fast gewalt­sam bele­ben Dani­el Inbal und das Osna­brü­cker Sym­pho­nie­or­ches­ter Brit­tens in letz­ter Kon­se­quenz stets intro­ver­tier­te, so moder­ne wie wir­kungs­ori­en­tier­te Klang­spra­che. Sprö­de Frag­men­te schei­nen sich, schein­bar lose über­ein­an­der geschich­tet, von selbst zum Auf­schrei zu ver­bin­den. Die musi­ka­li­sche Inten­si­tät hält die gan­zen 110 Minu­ten der Auf­füh­rung an, könn­te nur moment­wei­se lei­ser, geheim­nis­vol­ler klin­gen.

Ein klaus­tro­pho­bi­scher Kas­ten wird zur Chif­fre nie hin­ter­frag­ter Tra­di­tio­nen

Auf der Büh­ne hat Gary McCann einen grau­en, klaus­tro­pho­bi­schen Kas­ten ent­wor­fen, bestückt mit lee­ren Bil­der­rah­men als Chif­fre für nicht beleb­te, nicht hin­ter­frag­te, das Leben bestim­men­de Tra­di­tio­nen. Immer wie­der öff­nen sich Kabi­nett­tü­ren in die­sen Wän­den, mit denen und durch die das Spiel rei­bungs­los abläuft. Die exak­ten Bewe­gungs­ar­ran­ge­ments von Loris Vis­ser erzäh­len die Sto­ry sehr klar, stel­len die dra­ma­ti­schen und erzäh­le­ri­schen Struk­tu­ren her­aus, hal­ten uns aber, im Ver­bund mit den ans Spät­vik­to­ria­ni­sche ange­lehn­ten, durch­aus geschmack­vol­len Kos­tü­men, auch von den Figu­ren fern und geben der Insze­nie­rung einen Zug ins Unver­bind­li­che.

Brit­ten schreibt ein Ensem­ble­stück für acht her­vor­ra­gen­de Solis­ten – Osna­brück hat sie

Dass die Auf­füh­rung den­noch bewegt, liegt an den gut geführ­ten Sän­gern. Owen Wing­ra­ve ist ein Ensem­ble­stück und ver­langt acht her­vor­ra­gen­de Solis­ten. Osna­brück hat sie. Jan Fried­rich Eggers beglau­bigt die Titel­rol­le durch kon­zen­trier­te, nie über­trie­be­ne Dar­stel­lung, hin­rei­ßend sei­ne Dekla­ma­ti­on, gewis­ser­ma­ßen auf der Schnei­de zwi­schen Spre­chen und Sin­gen, auch wenn sei­ne Stim­me in den weni­gen kan­ta­blen Pas­sa­gen ein wenig flach klingt. Eine abso­lu­te Urge­walt ist Fran­cis van Broek­hui­zen als Owens ewig kei­fen­de bru­tal stu­pi­de Tan­te, noch über­trof­fen von Alme­ri­ja Delic, die als Ver­lob­te einen Pracht­mez­zo leuch­ten lässt, mit war­mer, so gro­ßer wie fle­xi­bler Höhe und fast Angst machen­dem pas­to­sen Fun­da­ment. Mark Ham­man cha­rak­te­ri­siert den unbarm­her­zi­gen Groß­va­ter mit fast geis­ter­haft schlan­kem und bieg­sa­mem, in etli­chen Grau­tö­nen schil­lern­dem Tenor. Bemer­kens­wert das enthu­si­as­ti­sche, ener­gie­ge­la­de­ne Zusam­men­spiel, der fein aus­ta­rier­te Zusam­men­klang aller Betei­lig­ten.

Thea­ter Osna­brück

Brit­ten: Owen Wing­ra­ve

Aus­füh­ren­de: Dani­el Inbal (Lei­tung), Flo­ris Vis­ser (Insze­nie­rung), Gary McCann (Aus­stat­tung), Mar­kus Laf­leur (Chor), Jan Fried­rich Eggers, Rhys Jenk­ins, Dani­el Wag­ner, Fran­cis van Broek­hui­zen, Eliza­beth Magnor, Alex­an­dra Schoe­ny, Alme­ri­ja Delic, Mark Ham­man, Kin­der­chor des Thea­ters Osna­brück, Osna­brü­cker Sym­pho­nie­or­ches­ter

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