Interview Tabea Zimmermann

„Bloß nicht jünger werden!“

Tabea Zimmermann über wohlmeinende Ratschläge, positive Erlebnisse und den Reiz des Viertinstruments.

© Marco Borggreve

Bezeichnet sich selbst als „Musikerin mit dem Instrument Bratsche“: Tabea Zimmermann

Bezeichnet sich selbst als „Musikerin mit dem Instrument Bratsche“: Tabea Zimmermann

Sie weiß, was sie will. Und sie weiß auch, wie man künstlerische Überzeugungen durchsetzt. Tabea Zimmermann ist eine Powerfrau mit klarer Linie. Wer jetzt aber denkt, sie sei eine schwierige Gesprächspartnerin, irrt gewaltig. Die international renommierte Bratschistin und Hochschullehrerin, die mit unzähligen Preisen überhäuft wurde, lacht gerne und ist offenkundig ein Sonnenscheinmensch.

Frau Zimmermann, 2020 haben Sie den Ernst von Siemens Musikpreis erhalten. In der Laudatio wurden unter anderem folgende Aspekte gewürdigt: „Ihr unbestechliches Musizieren, ihre authentische, persönliche Haltung und künstlerische Integrität“. Von welcher dieser Zuweisungen fühlen Sie sich am ehesten angesprochen?

Tabea Zimmermann: Ich möchte zunächst mal nicht hoffen, dass irgendein Musiker bestechlich in seiner Arbeit ist. Solche Zuweisungen sind immer etwas gedrechselt formuliert. Zum Beispiel „authentisch“, ein heute gerne gebrauchtes Attribut. Sagen wir es anders: Ich bin manchmal recht stur (lacht). Das weiß man auch bei der Ernst von Siemens Stiftung. Stur zu sein, gehört einfach ein bisschen dazu. Sich sozusagen zu trauen, die Gedanken, die einem zu gewissen Themen in den Sinn kommen, auch wirklich auszusprechen. Und das, obwohl man weiß, dass alle um einen herum meinen, dies oder jenes sei wichtig für meine Karriere oder den speziellen Abend. Es erfordert einen gewissen Mut zu sagen: Ich mache da nicht mit. Dass dies nun preiswürdig ist, finde ich ehrlich gesagt klasse! Ich war oft in meinem Leben ein bisschen frech.

Waren Sie als Kind auch so, dass Sie gute Ratschläge Ihrer Eltern ignoriert haben?

Zimmermann: Als viertes Kind in der Familie war ich schon immer die Freche. Ob jetzt mein Charakter oder die Position in der Reihenfolge der Grund war, weiß ich nicht. Aber ehrlich gesagt: An erster Stelle hätte ich nie gerne gestanden. Da hat man es echt schwer. Wo soll man auch den Mut hernehmen, so ganz allein? Ich dagegen konnte daraus lernen, was ich bei den anderen beobachtet habe.

Sie sagten einmal: „Ich hätte wohl nicht Bratsche gelernt, wenn ich ein Einzelkind gewesen wäre.“ Ist die Bratsche ein familiär-verbindendes Instrument?

Zimmermann: Wenn ich das erste Kind gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich Klavier oder Geige gespielt. Danach das Cello. Tja, und dann blieb für mich eben nichts mehr übrig, als die alle vergeben waren. Die Bratsche ist sozusagen das Viertinstrument. Aber es ist wichtig! Denn in der Kammermusik stellt sie tatsächlich das verbindende Element dar. Die Frage stellt sich mir seit vielen Jahren: Wäre ich eventuell eine andere Person geworden, wenn ich nicht Bratsche gelernt hätte? Hat mich das Instrument, das nun mal übrig blieb, so deutlich geprägt und meinen Weg vorgegeben – oder hat mich die Bratsche von vornherein angezogen?

© Marco Borggreve

Fühlt sich im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie pudelwohl: Tabea Zimmermann

Fühlt sich im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie pudelwohl: Tabea Zimmermann

Die Viola bezeichnen Sie gerne als philosophisches Instrument. Um sich der Welt gewahr zu werden, stellt die Philosophie Fragen. Welche Fragen kann die Viola, gegenüber anderen Instrumenten, am besten formulieren?

Zimmermann: Zunächst einmal: Die Formulierung „philosophisches Instrument“ ist die positive Variante zur gerne zitierten Schwerfälligkeit der Bratsche (lacht). Denken wir nur an die unzähligen Bratscherwitze. Zur Frage kann ich sagen, dass Musik immer beispielhaft ist. Ein Konzert gibt einem etwas mit auf den Weg. Mein Wunsch wäre es, dass durch das Musizieren die Frage auftaucht, wie unsere Welt denn aussehen könnte, wenn wir öfter aufeinander hören würden. Wenn wir uns öfter aufeinander einlassen würden. Kann man das Aufeinanderzugehen modellhaft mittels Musik erlernen? Deshalb plädiere ich auch dafür, dass man Kammermusik als Schulfach etabliert, beziehungsweise ihr einen viel größeren Rahmen im Musikunterricht einräumt. Je früher man anfängt, Kammermusik zu spielen, desto friedlicher wird die Welt. Da bin ich mir ganz sicher! In der Musik gibt es etwas Erfahrbares für Mitspieler wie auch für Hörer. Es macht diesbezüglich für mich keinen Unterschied, ob ich auf der Bühne stehe oder im Konzert als Besucher teilnehme. Im Konzert erlebt man Gemeinsamkeit. Das kann ein großes Geschenk sein für alle, die im Raum sind.

Gibt es einen Saal, in dem Sie sich pudelwohl fühlen?

Zimmermann: Ohne die anderen zu diskreditieren: ja! Es ist der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Da fühle ich mich total wohl. Immer wenn ich dort spielen darf, stehe ich auf der Bühne und denke: Ja! Das ist es! Als Elfjährige habe ich im Großen Saal der Philharmonie spielen dürfen. Das war 1977. Das habe ich nie vergessen. Es war ein derart positives Erlebnis, dass ich das abgespeichert habe und das Gefühl, ja sogar der ganze Ablauf, immer wieder da ist, wenn ich hier auftrete. Dieses Erlebnis hat mich ganz sicher geprägt. Aus meiner Lehrerperspektive ist das übrigens auch relevant. Für mich ist es wichtig, wenn ich mit den jungen Menschen arbeite, ihnen an die Hand zu geben, positive Erfahrungen bewusst abzuspeichern. Die Musikausbildung ist leider oft auf das Negative ausgerichtet. Die strenge Schule benennt eine Liste von Fehlern, die der Schüler tunlichst vermeiden sollte. Er oder sie übt also dann Fehlervermeidung, um besser zu werden. Das aber bewirkt eine Ansammlung von schlechten Erfahrungen. Eher sollte man sich ersparen, schlechte Erlebnisse zu sammeln. Außerdem ist Intuition oft der bessere Wegweiser. Es ist eine durchaus künstlerische Herangehensweise, selbst Dinge auszuprobieren und Regeln zu hinterfragen. Bei der Erarbeitung eines Stücks sollte man sich selbst die Frage stellen: Was hat der Komponist gemeint? Ohne die Partitur weiterzulesen: Wie könnte es an dieser Stelle weitergehen? Es wird eine Erwartung aufgebaut – wie wird sie aufgelöst? Mit jeder Erfahrung wird man besser. Mit dem Alter wird man besser, das kann man ruhig so mal sagen. Bloß nicht jünger werden!

Erwarten Sie von Ihren Schülern auch dieses Hinterfragen, gar einen Widerspruch?

Zimmermann: Klar. Wir brauchen das im Umkehrschluss, denn nicht alles, was einem der Lehrer sagt, bewirkt, dass man ein guter Künstler wird. Aufstrich, Abstrich, dritter Finger – das ist noch lange nicht Musik! Und das ist schon gar keine Kunst, sondern bezeichnet schlicht das Handwerk. Den Schritt zum Künstler kann man eigentlich nur damit tun, dass man sich selbst auch als Künstler begreift und seine eigene Sicht vertritt. Nein zu sagen mag schwer sein, ist aber langfristig der bessere Weg.

Wann sagen Sie Nein?

Zimmermann: Wenn ich bei einer Anfrage für ein Konzert von vornherein weiß, dass es zu wenig Probenzeit gibt und ich mir in kurzer Zeit irgendwas zusammenbasteln muss, erspare ich mir diesen Auftritt. Ich kann davon ausgehen, dass er einfach nicht gut genug werden kann und er nicht meinen Ansprüchen genügt. Dann sage ich lieber Nein. Eine Konzertanfrage ist ja immer mit verschiedenen Bedingungen und Faktoren verknüpft: der Ort, der Zeitpunkt, das Programm, die Mitwirkenden, die finanziellen Bedingungen. Ich habe seit Jahren immer sehr früh die Haltung vertreten, dass ich einem Engagement erst zusage, wenn ich alle Bedingungen kenne. Und diese Haltung ist manchmal unbequem. Wenn mich ein Veranstalter zum Beispiel fragt, er hätte gerne Mozarts „Sinfonia concertante“, kann ich erst zusagen, wenn ich weiß, wer der Geiger ist. Oder das Violakonzert von Bartók ist geplant, alles ist klar, Gage, Dirigent und so weiter, aber der Probenplan steht noch nicht fest. Ich möchte gerade bei diesem Stück mehr proben, da das Repertoire für die Bratsche bei den Orchestern eher nicht präsent ist. Bei Geige oder Violine stellt sich das anders dar. Die Konzerte von Brahms, Mendelssohn, Beethoven sind präsent. Bei der Viola aber sind es Hindemith, Walton oder gar Widmann. Da kann es vorkommen, dass diese Solokonzerte von dem Orchester in den letzten zwanzig Jahren kein einziges Mal gespielt wurden. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Es liegt an uns Bratschern, das zu ändern.

Termine

  • Sonntag, 12.05.2024 17:00 Uhr Tonhalle Zürich

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