INTERVIEW ANNE-SOPHIE MUTTER

"Sie hat mich zu einem tie­fe­ren Musi­ker gemacht"

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter über Geschmack, Geburten und den Einfluss der zeitgenössischen Musik

© Harald Hoffmann/DG

Ann-Sophie Mutter

Deutsch­lands berühm­tes­te Gei­ge­rin setzt sich seit lan­gem schon für zeit­ge­nös­si­sche Musik ein. Auf ihrem jüngs­ten Album prä­sen­tiert sie drei neue Wer­ke von Wolf­gang Rihm, Krzy­sz­tof Pen­der­ecki und Sebas­ti­an Cur­ri­er.

Frau Mut­ter, hat sich im Lau­fe Ihrer 35jährigen Kar­rie­re Ihr Geschmack ver­än­dert?

Mein Inter­es­se an zeit­ge­nös­si­scher Musik hat natür­lich mein Ver­hält­nis zu klas­si­scher Musik beein­flusst. Sie hat mich nicht nur zu einem tie­fe­ren und siche­re­ren Musi­ker gemacht, son­dern auch mei­nen Geschmack enorm ver­än­dert. Als ich noch in der Schweiz stu­dier­te, hat mich zeit­ge­nös­si­sche Musik nicht inter­es­siert, geschwei­ge denn Zwölf­ton­mu­sik. Mei­ne Aus­bil­dung ende­te bei Berg und Stra­win­sky. Paul Sacher ver­mit­tel­te mir die Begeg­nung mit Witold Luto­slaw­ski, sei­ne Musik erwei­ter­te mei­nen klang­li­chen Hori­zont. Spä­ter kamen Dutil­leux, Bou­lez, Sofia Gubai­du­li­na, Rihm, Cur­ri­er, Pre­vin, Pen­der­ecki, Crumb und ande­re dazu. Sie waren und sind für mich ein ele­men­ta­rer Bau­stein mei­nes künst­le­ri­schen Wer­dens. Ich woll­te mich nie spe­zia­li­sie­ren, ich woll­te Musik mög­lichst werk­ge­treu ver­mit­teln, aber auch durch die eige­nen Augen und Ohren und durch den Ver­stand gefil­tert inter­pre­tie­ren.

Als Sie anfin­gen, gab es noch kei­nen iPod, kei­nen Down­load. Heu­te ist Musik jeder­zeit ver­füg­bar. Wis­sen wir des­halb mehr von Musik?

Nicht unbe­dingt. Dass vie­le das Wort Copy­right nicht mehr ken­nen, ist ein gro­ßes Pro­blem unse­rer heu­ti­gen Gene­ra­ti­on. Dass es so etwas wie geis­ti­ges Eigen­tum gibt, ist für vie­le schwer nach­voll­zieh­bar und schwer zu imple­men­tie­ren. Man lädt alles her­un­ter, man hat es sozu­sa­gen „on a click on the but­ton“, man kon­su­miert High­lights und lässt sich nicht mehr auf einen müh­sa­me­ren oder län­ge­ren Gedan­ken ein. Das Wun­der­ba­re ist aber auch, dass wir uns in kür­zes­ter Zeit Wis­sen aneig­nen kön­nen. Ich sehe nur eine Gefahr dar­in, dass ein Men­schen­le­ben, das so auf Neu­hei­ten gerich­tet ist, sich nicht mehr des­sen bewusst ist, dass in der Ver­gan­gen­heit Gro­ßes geleis­tet wur­de.

Kön­nen Sie sich an Momen­te in Ihrer Lauf­bahn erin­nern, die Sie beson­ders bewegt haben?

Ich gucke nicht ger­ne zurück. Aber jede Urauf­füh­rung war ein her­aus­ra­gen­der Moment, eine Art Geburts­mo­ment; und auch die Zeit danach mit dem Werk war beson­ders, die­se Exklu­si­vi­tät, ein Vio­lin­kon­zert ein hal­bes, ein gan­zes Jahr, viel­leicht auch mal zwei Jah­re allei­nig spie­len zu dür­fen. Irgend­wann ver­schließt man die Ohren vor der Rea­li­tät, dass das Stück nicht mir, son­dern natür­lich der gan­zen Welt gehö­ren soll, und dann ist die ers­te Zeit der Tren­nung etwas schwie­rig. Wirk­lich schwer muss es aller­dings für einen Kom­po­nis­ten sein, ein Werk abzu­ge­ben. Ein Inter­pret hat immer noch die Mög­lich­keit, eine neue Deu­tung her­zu­stel­len.

Geht es Ihnen auch so, wenn Sie eine CD pro­du­ziert haben und „abge­ben“ müs­sen?

Eine CD ist für mich immer der Abschluss eines Pro­zes­ses; bei zeit­ge­nös­si­scher Musik ist er weni­ger schmerz­haft in dem Sin­ne: Da sind noch hun­dert Wor­te unge­sagt. Viel­leicht liegt das dar­an, dass man mit zeit­ge­nös­si­schen Wer­ken nicht sei­ne Kind­heit ver­bracht hat; die Durch­drin­gung ist noch nicht so abso­lut und die Spon­ta­nei­tät des Ent­deckt-Habens, des „Gebä­rens“ stär­ker. Im Lau­fe mei­nes Lebens habe ich akzep­tiert, dass eine Inter­pre­ta­ti­on auf CD ja nicht immer als voll­endet gel­ten muss.

Waren die Wer­ke denn immer voll­endet? Wor­an erken­nen Sie gro­ße Kunst?

Ich weiß nicht, ob ich mir ein abso­lu­tes Urteil über­haupt zutrau­en wür­de. Mir wer­den sehr vie­le zeit­ge­nös­si­sche Par­ti­tu­ren geschickt, und wenn ich mir die anschaue, kon­sul­tie­re ich immer auch mei­ne Kom­po­nis­ten­freun­de. Nur ein Meis­ter kann ein adäqua­tes Urteil fäl­len, ich kann allen­falls einen Gei­ger-Kol­le­gen beur­tei­len.

Anselm Feu­er­bach defi­niert wah­re Kunst mit dem „rich­ti­gen Weg­las­sen des Unwe­sent­li­chen“.

Ein schö­ner Satz, aber genau das ist es. Wer maßt sich an, das Unwe­sent­li­che zu erken­nen? Rodin sagt eben­so: „Ich las­se weg, was mich stört.“ Er nimmt einen Mar­mor­block und haut das weg, was ihn stört, sodass nur noch die Essenz bleibt.

Was ist Sebas­tian Cur­riers Time Machi­ne für ein Werk?

Ein wun­der­ba­res Werk, das um die Zeit kreist. Ich habe Sebas­ti­an Cur­ri­er über mei­nen lang­jäh­ri­gen Kam­mer­mu­sik­part­ner Lam­bert Orkis ken­nen­ge­lernt. Er hat­te ein Vio­lin­kon­zert für mich geschrie­ben, das wegen der extre­men Orches­ter­be­set­zung aller­dings kaum rea­li­sier­bar schien. Ich bat Sebas­ti­an um eine Umar­bei­tung. So ent­stand Time Machi­ne, es ist rhyth­misch außer­ge­wöhn­lich span­nend, aber kon­ven­tio­nell orches­triert – ein Vio­lin­kon­zert im klas­si­schen Sin­ne. Alle sie­ben Sät­ze stel­len ins­ge­samt eine Art Zeit­ma­schi­ne dar, die uns nach vor­ne wirft, uns dann wie­der Rück­schau hal­ten lässt, alles kom­pri­miert, dehnt, dann wie­der zusam­men­zieht – Zeit im Zeit­raf­fer sozu­sa­gen, Musik, die ganz lei­se ver­klingt. Ich weiß nicht wes­halb, aber ich bekom­me ein­fach nie ein „flas­hy ending“. Ande­rer­seits ist ein sol­ches Ende wahr­haf­tig, da es nicht auf einen lei­den­schaft­li­chen Aus­bruch des Publi­kums spe­ku­liert, son­dern ein­fach dem Wesen der Kom­po­si­ti­on ent­spricht.

CD-Tipp

Termine

Samstag, 27.05.2023 19:00 Uhr Stadtcasino Basel

Anne-Sophie Mut­ter, Maxi­mi­li­an Hor­nung, Lam­bert Orkis

Werke von Beethoven, Currier, Schumann & Brahms

Montag, 21.08.2023 19:30 Uhr KKL Kultur- und Kongresszentrum Luzern
Dienstag, 29.08.2023 19:30 Uhr KKL Kultur- und Kongresszentrum Luzern

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