Seit 2018 ist Semyon Bychkov Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie. Sinnbildlich für die künstlerische Harmonie zwischen dem Traditionsklangkörper aus Prag und dem 73-jährigen Maestro steht eine neue Aufnahme sämtlicher Sinfonien von Gustav Mahler. Vor Tourneebeginn schaltet sich Bychkov, der 2028 die Nachfolge von Gustavo Dudamel als Musikdirektor der Pariser Oper übernimmt, zum Telefoninterview.
Sie sagten einmal, die Tschechen hätten Musikalität in ihrer DNA.
Semyon Bychkov: Es geht darum, wie man eine musikalische Sprache spricht, wie man die Klänge formt, wie man phrasiert und artikuliert. Und da gibt es von Nation zu Nation Unterschiede. Man hört sofort, wenn Musiker Stücke aus ihrem Heimatland spielen. Aber für einen Interpreten besteht die eigentliche Herausforderung darin, Musik einer anderen Kultur überzeugend zu gestalten, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren.
Ein Blick in die Geschichte der Tschechischen Philharmonie zeigt ihre enge Beziehung zu Mahler. Worauf können Sie zurückgreifen, wenn Sie seine Musik hier dirigieren?
Bychkov: In meiner ersten Saison als Musikdirektor haben wir gemeinsam die „Auferstehungssinfonie“ erarbeitet. Bereits nach der ersten Seite wurde mir bewusst, dass sich die Musiker hier auf vertrautem, heimischem Terrain bewegen. Sie spielen Mahler mit dem gleichen Selbstverständnis wie Dvořák. Denn auch wenn sich sein Leben größtenteils außerhalb des heutigen Tschechiens abspielte, wurde er eben nicht in Österreich oder Deutschland, sondern hier in Böhmen geboren. Die Welt vergisst das manchmal.
War es eine bewusste Entscheidung, den Mahler-Zyklus ohne Eile über sieben Spielzeiten hinweg aufzunehmen?
Bychkov: Uns war klar, dass das Zeit brauchen würde – die Entscheidung für eine Aufnahme fiel übrigens noch vor meinem Amtsantritt. Man muss diese Musik immer wieder aufs Neue und auch auf Tournee spielen, sonst macht eine Aufnahme gar keinen Sinn. Der Zyklus ist das Ergebnis unseres gemeinsamen Lebens mit Mahler.
Wie würden Sie heute Ihr Verhältnis zur Tschechischen Philharmonie beschreiben?
Bychkov: Als wirklich wunderbar! Wenn unsere Zusammenarbeit nicht organisch wachsen würde und von Harmonie geprägt wäre, könnten wir nicht so erfolgreich sein. Wie hätte man uns sonst zum „Orchester des Jahres“ küren können?
Was haben Sie von der Tschechischen Philharmonie gelernt?
Bychkov: Als ich die Einladung, Musikdirektor zu werden, angenommen habe, war mir klar, dass ich eines Tages Smetanas „Má vlast“ dirigieren müsste. Das ist die Bibel der tschechischen Musik. Man glaubt, das Orchester habe das schon gespielt, bevor es komponiert wurde. Ich hingegen hatte den Zyklus noch nie dirigiert. Also habe ich ihn mit anderen Ensembles intensiv geprobt, um mir eine eigene, belastbare Vorstellung davon zu machen, die ich der Philharmonie gegenüber vertreten konnte. Als wir dann gemeinsam daran arbeiteten, wurde es zu unserem Werk – es war nicht mehr nur mein oder ihr „Má vlast“. Wir lernen alle voneinander. Am Ende müssen wir zu einer Idee finden, von der wir alle überzeugt sind.
Was hatte Sie 2018 eigentlich bewogen, das Angebot aus Prag anzunehmen?
Bychkov: Ich kannte das Orchester und seine exzellente Qualität ja bereits aus dem 2015 begonnenen Tschaikowsky-Projekt. Nach Jiří Bělohláveks Tod entschieden die Musiker einstimmig, dass ich ihr nächster Musikdirektor werden sollte. Ein so traditionsreicher Klangkörper, tief verwurzelt in einer Gesellschaft, die sich so sehr für Musik interessiert, insbesondere die Menschen in Prag – das hat mich überzeugt.
Wo sind Sie erstmals mit Mahlers Musik in Kontakt gekommen?
Bychkov: Ich besuchte die Glinka-Chorschule in Leningrad. Unser Schulgebäude war mit dem Saal verbunden, in dem das Philharmonische Orchester probte. In jeder Pause lief ich in die „Capella“ hinüber und hörte zu. An jenem Tag, ich muss etwa zwölf Jahre alt gewesen sein, betrat ich den Saal, und es herrschte eine große Stille. Dann setzten ganz leise Klänge ein. Ich war so überwältigt, dass ich vergaß, in den Unterricht zurückzugehen. Ich hatte keine Ahnung, was ich da hörte. Später sah ich auf Straßenplakaten die Ankündigung von Mahlers dritter Sinfonie. Ich wusste nicht, wer Mahler war, also informierte ich mich und stellte fest, dass das, was ich gehört hatte, der Beginn von „Was mir die Liebe erzählt“, dem Finale der Dritten, war. Seitdem will ich mit Mahlers Musik leben.
Mit 27 Jahren dirigierten Sie dann in Michigan zum ersten Mal eine seiner Sinfonien.
Bychkov: Ja, die Fünfte. Es dauerte viele Jahre, bis ich mich innerlich bereitfühlte, seine Erste, Siebte, Achte und Neunte zu dirigieren. Es gab so viele Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Solange ich nicht absolute Gewissheit darüber habe, was ich in einem Werk zum Vorschein bringen will, kann ich es vor niemandem dirigieren. Das ist ein innerer Prozess, den man nicht beschleunigen kann. Der Instinkt sagt einem, ob der Moment gekommen ist – oder eben noch nicht.

Mit Elgars Cellokonzert steht ein veritabler Klassiker auf dem Tournee-Programm. Entdecken Sie bei der Arbeit an so bekannten Werken noch etwas Neues?
Bychkov: Je bedeutender ein Werk ist, desto mehr gibt es darin zu entdecken. Die Noten bleiben dieselben, wir aber verändern uns im Lauf unseres Lebens. Deshalb begegnet man demselben Werk in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder anders. So banal das auch klingt: Elgars Cellokonzert ist ein großes Meisterwerk. Ich dirigiere nur Musik, bei der ich spüre, dass ich sie dirigieren muss, weil sie mir zutiefst wichtig ist. Andernfalls habe ich keinen Anlass, sie zu dirigieren. Und dann sollte ich es auch nicht tun.
Im August treten Sie das Amt des designierten Musikdirektors an der Pariser Oper an. Welche künstlerische Vision haben Sie für dieses traditionsreiche Haus?
Bychkov: Die Pariser Oper hat 2019 ihr 350-jähriges Bestehen gefeiert. Das ist eine sehr lange Zeit, in der dort unendlich vieles und vieles von großer Bedeutung geschehen ist. Es ist bisher jedoch unmöglich gewesen, das Orchestre de l’Opéra national de Paris als Konzertorchester zu profilieren. Neben Oper und Ballett an zwei Spielstätten blieb kaum Zeit für Sinfonik, und das, obwohl das Ensemble 174 Musiker zählt und damit im Grunde zwei Klangkörper umfasst.
In Ihrer Amtszeit sollen nacheinander das Palais Garnier und die Opéra Bastille renoviert werden.
Bychkov: Das bedeutet zwangsläufig, dass weniger Opernproduktionen stattfinden können als bisher. Und dadurch entsteht zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses die Zeit, um sich stärker auf die sinfonischen Qualitäten des Orchesters zu fokussieren. Das ist von großer Bedeutung, denn einem Opernorchester, das keine oder nur wenig Sinfonien spielt, fehlt eine Hälfte seiner Identität. Ich freue mich sehr auf diese Aufgabe, die Musiker ebenso.
Haben Sie schon einen Komponisten im Blick, mit dem Sie sich besonders beschäftigen möchten?
Bychkov: Ja, das Programm nimmt Gestalt an. Aber ins Detail kann ich noch nicht gehen. (lacht) Sie möchten doch nicht, dass ich entlassen werde, bevor ich überhaupt angefangen habe, oder?
Worauf freuen Sie sich persönlich, wenn Sie nach Paris kommen?
Bychkov: Auf alles! Zunächst einmal darauf, in der Stadt zu leben, in der ich arbeite. Das hat großen Anteil an der Lebensqualität. Und ich werde den warmen und herzlichen Austausch mit dem Orchester, der kürzlich bei der Neuproduktion von „Eugen Onegin“ neu begonnen hat, intensivieren können. Mir war es wichtig, dass ich nicht von Politikern oder Mäzenen als Musikdirektor eingesetzt werde, sondern dass mich das Orchester von sich aus will. Dass alle 174 Musiker für mich gestimmt haben, sagt sehr viel aus.

