Interview Anna Prohaska

„Die zwei Züge wer­den mich schon nicht umbrin­gen“

Anna Prohaska liebt es, in neue Rollen zu schlüpfen – dafür greift die Sopranistin sogar einmal zu Zigarette

© Harald Hoffmann/DG

Anna Prohaska

Im „Zimt & Zucker“ ist es viel zu laut. Das belieb­te Kaf­fee­haus in Ber­lin-Mit­te ist bis auf den letz­ten Platz besetzt,  und ange­sichts des Geräusch­pe­gels macht sich Anna Pro­has­ka zu Beginn des Inter­views Sor­gen um die eige­ne Stim­me. Doch ihre Freu­de an Kon­ver­sa­ti­on gewinnt rasch die Ober­hand – und die Gedan­ken der erfolg­rei­chen Sopra­nis­tin sind dabei so frisch und klar wie ihre Kolo­ra­tu­ren.

Frau Pro­has­ka, neben Ihren Opern­en­ga­ge­ments sind Sie der­zeit auch mit der Aka­de­mie für Alte Musik und dem Ensem­ble Il Giar­di­nio Armo­ni­co erle­ben. Haben Sie Ihr Fai­ble für Alte Musik ent­deckt?

Die­ses Fai­ble habe ich eigent­lich schon mein gan­zes Leben. Ich bin mit Kom­po­nis­ten wie Pur­cell, Bach, Per­go­le­si und Hän­del auf­ge­wach­sen, die­se Musik haben wir zuhau­se gehört, es wur­de auch viel über die his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis dis­ku­tiert. Und wenn es da hieß „Aber Har­non­court hat gesagt …“, war das immer das Tot­schlag­ar­gu­ment. Für mich als Sän­ge­rin ist es aller­dings rela­tiv schwer, in die Alte-Musik-Sze­ne rein­zu­kom­men.

War­um das?

Da man sich in die meis­ten der Ensem­bles erst „hin­ein­kämp­fen“ muss. Vie­le sind auf ihre eige­nen klei­nen Inseln und Elfen­bein­tür­me fixiert, für die spielt es kei­ne Rol­le, ob man ander­wei­tig erfolg­reich ist. Die wol­len einen am liebs­ten sel­ber ent­de­cken.

Was ver­mu­ten Sie hin­ter die­ser Abschot­tung?

Ich glau­be, sie haben ten­den­zi­ell Angst, dass jemand, der schon in der „Klas­sik­müh­le“ ver­ar­bei­tet wur­de, musi­ka­lisch nicht fle­xi­bel genug ist, nicht offen für ihre Ideen. Es ist auch die Sor­ge, dass jemand wie ich mit Pri­ma­don­na-Allü­ren ankommt oder dass ich zu roman­tisch sin­ge – dabei sin­ge ich ger­ne ohne Vibra­to. Auch in Mozart-Opern sage ich manch­mal zu Kol­le­gen: Hört auf­ein­an­der, singt mit weni­ger Vibra­to, wenn da „sot­to voce“ oder „pia­no“ steht. So kön­nen wir alle bes­ser into­nie­ren.

Geht Ihr Inter­es­se an Alter Musik auch ein­her mit einem gene­rel­len Inter­es­se für His­to­rie?

Ja, ich beschäf­ti­ge mich schon sehr lan­ge mit Geschich­te, auch mit Kunst- und Musik­ge­schich­te. Ich fin­de, man kann die moder­ne Zeit auch gar nicht rich­tig ver­ste­hen, wenn man kein Geschichts­be­wusst­sein hat. Zum Bei­spiel den Bal­kan­krieg kann man bes­ser begrei­fen, wenn man weiß, was im 15. Jahr­hun­dert los war. Im Moment suche ich ein Buch, das den Nah­ost­kon­flikt mög­lichst unpar­tei­isch behan­delt. Ich habe sowohl israe­li­sche als auch ara­bisch­stäm­mi­ge Freun­de, bin aber noch nicht genug infor­miert, was die­sen Kon­flikt anbe­langt.

Gehö­ren auch His­to­ri­en­ro­ma­ne zu Ihrer Lek­tü­re?

Ja, etwa die von Robert Har­ris: Ich lie­be Pom­pe­ji, oder auch Fat­her­land, wo er sich aus­malt, was pas­siert wäre, wenn Deutsch­land den Zwei­ten Welt­krieg gewon­nen hät­te. Ich lese aber auch vie­le eng­lisch­spra­chi­ge Sach­bü­cher, von Chris­to­pher Clark oder Ant­o­ny Bee­ver. Die schrei­ben sehr unter­halt­sam über Geschich­te, wäh­rend aus dem deutsch­spra­chi­gen Raum eher etwas schwer­fäl­li­ge und tro­cke­ne Geschichts­bü­cher kom­men.

Alte Musik, Klas­sik, Moder­ne – Sie wid­men sich allen Berei­chen sehr inten­siv. Ist es schwie­rig, immer in die­ser Band­brei­te aktiv zu sein?

Für mich ist es ein­fach wich­tig, gute Musik zu machen. Denn es gibt so viel gute Musik, dass das Leben dafür zu kurz ist. Inso­fern möch­te ich auf jeden Fall das Maxi­mum machen, das mir mög­lich ist. Die Stim­me hat aber nur eine gewis­se Aus­dau­er, irgend­wann ist man aus­ge­brannt, daher muss man es sich extrem gut ein­tei­len und die Stim­me nicht ver­schwen­den.

Kei­ne Zeit ver­schwen­den mit schlech­ter Musik?

Ich mei­ne nicht nur, dass man kei­ne Lust hat, bil­lig gestrick­te Musik zu sin­gen. Son­dern man muss auch auf­pas­sen, dass man nicht über­treibt, nicht nur hohe Sachen, nicht nur Kolo­ra­tu­ren singt, son­dern auch die Mit­tel­la­ge aus­baut, Lied­ge­sang und Alte Musik pflegt, die Stim­me ein wenig ölt und nicht nur in der Höhe her­um­quietscht. Denn die Anzahl der Spit­zen­tö­ne, die man im Leben pro­du­zie­ren kann, ist end­lich. Das ist wie eine Scha­le Erd­nüs­se: Irgend­wann sind die alle auf­ge­ges­sen. Ich ken­ne kaum 50- oder 60-jäh­ri­ge Kolo­ra­tur­so­pra­ne, die immer noch ihr hohes F oder E sin­gen.

Der Ber­li­ner Kla­vier­ka­ba­ret­tist Bodo Wart­ke beklag­te jüngst, dass bei einer Oper wie der Zau­ber­flö­te das Libret­to immer unan­ge­tas­tet blei­be – dabei sei der Text „total däm­lich, schlecht gereimt, seich­ter Humor und red­un­dant bis der Arzt kommt.“

Ich den­ke, da soll­te sich Bodo Wart­ke ein­mal mit Schi­ka­ne­der beschäf­ti­gen, mit der Ent­ste­hungs­zeit, der Tie­fe und der poli­ti­schen Bri­sanz die­ses Stücks, wo es auch um Matri­ar­chat ver­sus Patri­ar­chat geht. Es ist bei Schi­ka­ne­der natür­lich wie unter einem Deck­man­tel – so wie Sta­nisław Lem einen Sci­ence-Fic­tion-Roman über frem­de Pla­ne­ten schreibt, aber eigent­lich das Regime meint, unter dem er lei­det: Da muss man zwi­schen den Zei­len lesen. Doch selbst wenn man das Libret­to nur ober­fläch­lich betrach­tet, so sind es doch sehr rüh­ren­de Gestal­ten.

Sie haben also nicht das Gefühl, dass in der Oper nur dog­ma­tisch an Tra­di­tio­nen fest­ge­hal­ten wird?

Heu­te kämp­fen alle um ihre Bröt­chen. Jede ernst­zu­neh­men­de Insti­tu­ti­on ist dar­um bemüht, neu­es Publi­kum anzu­zie­hen – klas­si­sches Bei­spiel sind die vie­len Com­mu­ni­ty- und Edu­ca­ti­on-Pro­jek­te, die es gibt. Die Klas­sik soll­te sich aber auch nicht zu sehr anbie­dern, denn man darf von ihr nicht den glei­chen Effekt erwar­ten wie von einem Lady-Gaga-Song: Das ist ein­fach etwas ande­res. Es muss nicht immer Cross­over sein, man muss nicht alles mit­ein­an­der ver­mi­schen und auf den kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner brin­gen. Sonst ver­liert die klas­si­sche Musik ihre Kon­tu­ren, ihre Per­sön­lich­keit und Bot­schaft.

Sie sind Nicht­rau­che­rin, doch in der Ber­li­ner Insze­nie­rung von Stra­win­skys „Rake’s Pro­gress“ rau­chen Sie auf der Büh­ne. Kräu­ter­zi­ga­ret­ten?

Nein, das waren ech­te Ziga­ret­ten.

Und das ist für Sie kein Pro­blem?

Es kommt drauf an, in wel­chem Moment der Oper es sein soll – vor einer schwe­ren Arie wäre das für mich nicht mög­lich. Doch bei die­ser Insze­nie­rung gehe ich nach der Sze­ne noch mal ab, kann mir zwi­schen­durch also die Zäh­ne put­zen und gur­geln. Ich wur­de jetzt auch nicht vom Regis­seur dazu gezwun­gen. Er hat es sich so gewünscht und ich dach­te: Die zwei Züge wer­den mich schon nicht umbrin­gen.

CD-Tipp

Termine

Sonntag, 07.05.2023 17:00 Uhr Französische Kirche Bern

Anna Pro­has­ka, Ser­gio Azzo­li­ni, Came­ra­ta Bern

Rameau: Arien und Instrumentalwerke, Purcell: Arien und Instrumentalwerke, Britten: Les Illuminations op. 18

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