Opern-Kritik: Oper Frankfurt – Iwan Sussanin

Kraft­lo­ser Bel­can­to

(Frankfurt am Main, 25.10.2015) Altmeister Harry Kupfer verlegt Glinkas russische Nationaloper in den Zweiten Weltkrieg – und scheitert

© Barbara Aumüller

Patrio­ti­sche Sujets unge­bro­chen auf die Büh­ne zu brin­gen, scheint heut­zu­ta­ge aus ver­schie­de­nen Grün­den unmög­lich gewor­den zu sein. In Frank­furt ver­sucht Har­ry Kup­fer dem zu begeg­nen, indem er den auf deut­schen Büh­nen kaum je zu sehen­den Iwan Sus­sa­nin aus dem 17. Jahr­hun­dert in den Zwei­ten Welt­krieg ver­legt. Den­noch schei­tert der Regie-Alt­meis­ter auf gan­zer Linie.

Ita­lie­ni­scher Bel­can­to trifft rus­si­sche Folk­lo­re

Dabei ist die 1836 unter dem Titel Ein Leben für den Zaren urauf­ge­führ­te ers­te rus­si­sche Natio­nal­oper ange­füllt mit wun­der­ba­rer Musik. Ros­si­ni und Doni­zet­ti, deren Wer­ke Glin­ka auf sei­nen Rei­sen nach Mit­tel­eu­ro­pa ken­nen­ge­lernt hat­te, ver­bin­den sich hier mit der Melo­dik und Har­mo­nik rus­si­scher Volks­tän­ze und ‑lie­der zu einer außer­ge­wöhn­lich far­ben­rei­chen und ori­gi­nel­len Kom­po­si­ti­on.

Hand­lungs­strin­genz und dyna­mi­sche Thea­tra­lik ste­hen dabei eher nicht im Vor­der­grund. Für die über­schau­ba­re Geschich­te vom rei­chen Bau­ern Sus­sa­nin, der eine feind­li­che Sol­da­tes­ka in die Irre führt, um sein Land zu schüt­zen, obwohl er weiß, dass ihn dies sein Leben kos­ten wird, schrieb der Kom­po­nist über drei Stun­den Musik mit wun­der­ba­ren Ensem­bles und etli­chen Chor­lie­dern und Tanz­ta­bleaus. Um Atmo­sphä­re geht es, um sinn­li­che Gestal­tung von All­tags- und Berufs­le­ben. Wir sol­len ihn wirk­lich ken­nen­ler­nen, die­sen rei­chen Bau­ern samt Fami­lie, Umfeld und his­to­ri­scher Situa­ti­on, damit wir in der Kata­stro­phe mit ihm füh­len kön­nen.

Dis­pa­ra­te ästhe­ti­sche Mit­tel

Kup­fer und sein Dra­ma­turg Nor­bert Abels haben die Oper um ein gutes Drit­tel gekürzt. Den­noch kommt ihre Erzäh­lung nicht in Fahrt, was aller­dings kaum an der Vor­la­ge lie­gen dürf­te, son­dern eher an den dis­pa­ra­ten ästhe­ti­schen Mit­teln, die Har­ry Kup­fer ein­setzt. Da steht eine male­ri­sche Kir­chen­rui­ne hin­ter gebors­te­nen Glo­cken und vor einem Pro­spekt mit ent­laub­ten Bäu­men vor grau­em Him­mel. Aber die Sän­ger spie­len klein­tei­lig psy­cho­lo­gi­sie­rend und tra­gen neu­tra­le Uni­for­men oder Pit­to­res­kes nahe am Rus­sen-Kli­schee. Und der cho­reo­gra­phisch ansatz­wei­se indi­vi­du­ell geführ­te Chor agiert emo­ti­ons­los, in den Sol­da­ten­sze­nen fast robo­ter­haft. Dazu macht Kup­fer die Polen der Par­ti­tur, durch­aus zum Unmut des Publi­kums, zu Deut­schen – und lässt sie deutsch sin­gen. So fin­det die Insze­nie­rung nicht ein­mal im Schluss­akt samt Video-Schnee­trei­ben zu dra­ma­ti­scher Inten­si­tät.

Zag­haf­te Orches­ter­leis­tung

Die­se Hem­mung scheint selbst Sebas­ti­an Weig­le und das sonst stets her­vor­ra­gen­de Frank­fur­ter Opern- und Muse­ums­or­ches­ter ergrif­fen zu haben. Schon die Ouver­tü­re erklingt merk­wür­dig zag­haft. Alle Far­ben sind da, beson­ders die Holz­blä­ser spie­len bril­lant, aber es fehlt dem Abend auch orches­tral an Brio und Dyna­mik. Auf hohem Niveau singt der Chor, der aller­dings auf Deutsch erheb­lich fla­cher klingt als in der Ori­gi­nal­spra­che.

John Tom­lin­son begeis­tert als Per­sön­lich­keit mehr denn als Sän­ger

Der fast 70jährige John Tom­lin­son ist immer noch eine impo­san­te Büh­nen­per­sön­lich­keit mit gro­ßer Aus­strah­lung, aber sein kan­ti­ger Bass ist schar­tig gewor­den, hat hör­bar an Kon­tur ver­lo­ren. Her­aus­ra­gend – und aus dem eige­nen Ensem­ble – besetzt sind dage­gen die weib­li­chen Haupt­par­tien: Mit silb­ri­ger Fri­sche und natür­li­chem Spiel ist Katery­na Kas­per die Toch­ter Antoni­da, und Katha­ri­na Magie­ra begeis­tert das Publi­kum mit erstaun­lich geläu­fi­gem, sehr aus­drucks­star­kem Alt als Sus­sanins Adop­tiv­sohn Wan­ja.

Oper Frank­furt

Michail Glin­ka: Iwan Sus­sa­nin

Sebas­ti­an Weig­le (Lei­tung), Har­ry Kup­fer (Insze­nie­rung), Hans Scha­ver­noch (Büh­ne), Yan Tax (Kos­tü­me), Til­man Micha­el (Chor), Tho­mas Rei­mer (Video), John Tom­lin­son, Katery­na Kas­per, Anton Rosit­s­kiy, Kate­ri­na Magie­ra, Chor der Oper Frank­furt, Frank­fur­ter Opern- und Muse­ums­or­ches­ter

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