Opern-Kritik: Oper Köln – DIE EROBERUNG VON MEXICO

Im idealen Klangraum

(Köln, 5.5.2016) Peter Konwitschny hört in seiner berserkerhaften Interpretation höchst genau auf die Musik von Wolfgang Rihm

© Paul Leclaire

Das als Opernbühne in gleich mehrfacher Hinsicht problematische Kölner Staatenhaus erweist sich für Rihms 1992 uraufgeführte Eroberung von Mexico überraschend als nahezu idealer Aufführungsort. So konnten die vom Komponisten geforderten Bläser- und Percussioninseln hier problemlos und präzise in den Zuschauerraum eingepasst werden, was – unterstützt von den Wiener Klangmagiern Peter Böhm und Florian Bogner –  für eminent dynamischen und dabei stets ausgewogenen Surround-Sound sorgte.

Die Konfrontation zweier kommunikationsunfähiger Prinzipien als brutale Mann-Frau-Beziehung

Auch die für die Salzburger Felsenreitschule konzipierte Inszenierung passt hervorragend in den Raum. Einzig die wesentlich geringere Deckenhöhe erforderte Anpassungen, erhöht aber auch die Intensität, man möchte fast sagen: das Bedrohungspotential, der Arbeit von Peter Konwitschny, zumal die ungewöhnliche Handlungsstruktur der Eroberung von Mexico der Arbeitsweise dieses Regisseurs extrem entgegenkommt. Rihm erzählt bewusst keine Geschichte, sondern, basierend auf einem Essay Antonin Artauds und Gedichten von Octavio Paz, die Konfrontation zweier kommunikationsunfähiger Prinzipien vor dem Hintergrund einer konkreten historischen Situation. Konwitschny begreift die Vorgabe, dass der Aztekenkönig Montezuma für eine Frauenstimme gesetzt ist, und die Begriffskette „Männlich. Weiblich. Neutral“ als eine Art verbales Leitmotiv. Es dient ihm als Vorlage, hier eine brutale Mann-Frau-Beziehung durchzudeklinieren, die er durch Mexiko-Embleme – Frida Kahlo, Tequilla, Weberei – fast augenzwinkernd an der Vorlage vertäut.

Die Inszenierung ist packend in jedem Moment

Dabei frappiert einmal mehr seine handwerkliche Meisterschaft. Beeindruckend ist nicht allein seine Personenführung, die nicht nur die eigentlich zur Verstärkung des Orchesters gedachten jeweils zwei Sängerinnen und Sprecher mühelos und schlüssig in das Bühnengeschehen einbindet, sondern auch die virtuose Führung eines 30köpfigen Bewegungschores einschließt, der geradewegs aus dem Publikum zu entstehen scheint. Vor allem aber fasziniert, wie bewusst und detailliert der Regisseur seine, wie üblich fast berserkerhafte, Interpretation aus der Musik entwickelt. Nahezu jede Note erscheint gehört, belebt – und funktionalisiert. Das ist vielleicht gelegentlich des Deutlichen auch mal zu viel, etwa wenn die im Stück stumme Übersetzerin Malinche als sechs nahezu nackte Models auf die Bühne stakst, nur um das sexistische Verhalten des Bewegungschores bildlich zu verstärken, oder wenn eine Schwangerschaft in der „Geburt“ von Computerspielgeräten kulminiert, die der sozialen Vereinzelung ein grell überspitztes Gesicht verleihen, was allerdings wiederum durch die Musik gedeckt erscheint. Aber es packt in jedem Moment.

Nicht nur Wolfgang Rihm war begeistert

Auch weil musikalisch wieder mal fast alles stimmt in Köln. Alejo Perez leistet sowohl in der Koordination der außergewöhnlich komplexen musikalischen Abläufe als auch in der interpretatorischen Gestaltung Überwältigendes. Das Gürzenich-Orchester zeigt sich den Anforderungen viel mehr als gewachsen und brilliert vor allem in den vielen Bläser-, Streicher- und nicht zuletzt Trommelsoli. Sänger und Sprecher genügen ihren Partien nicht nur – sie leben sie! Nicht nur der anwesende Komponist war begeistert.

Oper Köln im Staatenhaus

Rihm: Die Eroberung von Mexico

 

Alejo Perez (Leitung), Peter Konwitschny (Regie), Johannes Leiacker (Bühne & Kostüme), Peter Böhm, Florian Bogner (Klangregie), Manfred Voss (Licht), Ausrine Stundyte, Miljenko Turk, Susanna Andersson, Kismara Pessati, Stephan Rehm, Peter Pruchniewitz, Gürzenich-Orchester Köln

Auch interessant

Sozialdemokratisierte Hochkultur

Die Nachwirkungen der Pandemie, eine Kostenexplosion durch die Inflation und sinkende Subventionen machen den Opernhäusern zu schaffen. Sie sollten der Krise mit beherzten Schritten der Öffnung und echten Reformen begegnen. weiter

Interview Jonathan Tetelman

„Alles kann ein Abenteuer sein“

Tenor Jonathan Tetelman über unterschiedliche Opernkulturen, einen unbequemen Stimmfachwechsel – und seine Vergangenheit als New Yorker DJ. weiter

Opern-Kritik: Grand Théâtre de Genéve – Maria Stuarda

Historische Gegenwärtigkeit

(Genf, 17.12.2022) Dieser Genfer Belcanto ist keine Schlacht um exponierte Töne, sondern der berührende Showdown zweier großer Frauen der Geschichte. Die Tudor-Trilogie des Regie-Duos Mariame Clément und Julia Hansen wie der Sängerinnen Elsa Dreisig und Stéphanie d’Oustrac wird in Teil… weiter

Kommentare sind geschlossen.