Blind gehört mit Piotr Anderszewski

„Das ist Ali­en-Musik für mich!“

Piotr Anderszewski hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass er erfährt, wer spielt

© Simon/Fowler/Warner Classics

Piotr Anderszewski

Es ist schwie­rig, einen Licht­schal­ter zu fin­den in der vier­ten Eta­ge der Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie. Also geht es im Dun­keln zum Pro­ben­raum. Piotr Ander­szew­ski hat uns nicht erwar­tet. Wur­de der Ter­min im Eifer der Vor­be­rei­tun­gen auf das Kon­zert mit dem NDR Elb­phil­har­mo­nie Orches­ter ver­ges­sen? Gleich­viel. Der pol­ni­sche Pia­nist nimmt sich ein Stünd­chen Zeit für unser „Blind gehört“- Inter­view – und ver­kün­det wie­der­holt sei­ne Skru­pel, sich nega­tiv über Auf­nah­men von Kol­le­gen zu äußern. Doch er macht auch erfreu­li­che Ent­de­ckun­gen …

Rameau: Suite in A – Alle­man­de
Alex­and­re Tha­r­aud (Kla­vier)
har­mo­nia mun­di 2010

  



Ich ken­ne das Stück nicht. Es ist im Ori­gi­nal ein Werk für Cem­ba­lo. Ein fran­zö­si­scher Kom­po­nist … Cou­perin oder Rameau. Ton­art a‑Moll. Ich mag die Inter­pre­ta­ti­on. Sehr flüs­sig und inte­ger. Die Per­son, die das spielt, wirkt sehr ver­traut mit die­ser Musik. Viel­leicht ist es ein fran­zö­si­scher Pia­nist? Habe aber kei­ne Ahnung, wer das sein könn­te. Ich höre mir nur sel­ten CDs an und gehe auch nicht oft ins Kon­zert. Die­se Auf­nah­me hört sich recht neu an. Alex­and­re Tha­r­aud Inter­es­sant. Viel­leicht wer­de ich das Stück auch ein­mal spie­len.

Cho­pin: Polo­nai­se op. 44 – Tem­po di pol­ac­ca
Mau­ricio Pol­li­ni (Kla­vier)
DG 1976

  



Wie fängt man die Nobi­li­tät und herr­schaft­li­che Ges­te der Polo­nai­se ein? Tra­gik und Lei­den­schaft sind immer wie­der­keh­ren­de The­men bei Cho­pin. Aber wie kom­bi­niert man die Lei­den­schaft mit einer bestimm­ten Form von Distanz und aris­to­kra­ti­scher Schön­heit? Genau dar­um geht es in die­sem Stück, wobei es sehr schwer ist, bei­dem gerecht zu wer­den. Auf die­ser Auf­nah­me fehlt mir die Lei­den­schaft. Ich hof­fe, dass ich damit kei­nen Kol­le­gen belei­di­ge, der mir per­sön­lich nahe­steht. Mau­ri­zio Pol­li­ni? Nun ist es also offi­zi­ell, dass ich sei­ne Polo­nai­se nicht so sehr mag. Eigent­lich soll­te man so etwas öffent­lich gar nicht sagen. Wenn ich in einem Maga­zin lesen wür­de, dass ein ande­rer Pia­nist mei­ne „Dia­bel­li-Varia­tio­nen“ nicht mag, wür­de ich mich nicht beson­ders gut füh­len. Bei Kri­ti­kern stört mich das nicht, aber wenn ein Kol­le­ge so etwas sagt …

Beet­ho­ven: Dia­bel­li-Varia­tio­nen – The­ma & Varia­ti­on I
Gri­go­ry Soko­lov (Kla­vier)
Naï­ve 2003

  



Die „Dia­bel­li-Varia­tio­nen“. Ist das Soko­lov? Ich habe ihn zwar seit bestimmt zwölf Jah­ren nicht mehr gehört, aber ich erken­ne ihn an der Art, wie er die Phra­sen formt. Das ist extrem gut gestal­tet. Ein Pia­nist, den ich unge­heu­er respek­tie­re. Trotz­dem klingt mir das etwas zu deko­ra­tiv. Dies ist ja nur das The­ma, das Beet­ho­ven viel­leicht gar nicht so wich­tig war. Das wird hier mit zu viel Schön­heit und Ele­ganz gespielt. Die Ele­ganz soll­te man sich für das fina­le Menu­ett auf­spa­ren, denn eigent­lich geht es doch dar­um, wie man die­sen Punkt der Ele­ganz im Durch­lauf erreicht. Außer­dem steht auf dem ers­ten Schlag einen Stac­ca­to­punkt. Soko­lov spielt die Note län­ger. Aber gut, das ist eben sei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Soko­lov ist Soko­lov.

Bach: Eng­li­sche Suite Nr. 2 BWV 807 – Pré­lude
Fried­rich Gul­da (Kla­vier)
DG 1966

  



Man könn­te fast an Glenn Gould den­ken. Aber ich glau­be nicht, dass er es ist. Es gefällt mir sehr. Ich mag den rhyth­mi­schen Fluss, die Inte­gri­tät und Logik in der Arti­ku­la­ti­on und habe den Ein­druck, hin­ter all dem steht eine Idee. Für mich besteht eine gute Inter­pre­ta­ti­on dar­in, über sich selbst hin­aus zu gehen. Natür­lich kann ich etwas auf eine bestimm­te Art und Wei­se spie­len, weil ich es so mag. Aber wen inter­es­siert es, was ich mag? Wenn ich die Dyna­mik oder die Arti­ku­la­ti­on ver­än­de­re, soll­te ich mir die Noten vor­her genau anschau­en und über­le­gen, ob es – außer mei­ner eige­nen Vor­lie­be – einen sinn­vol­len Grund für der­lei Ver­än­de­run­gen gibt. Bei die­ser Auf­nah­me gefällt mir, dass der Inter­pret sich ganz offen­sicht­lich Gedan­ken gemacht hat und eine Idee an das Stück her­an­trägt. Aber ich weiß wirk­lich nicht, wer hier spielt. Fried­rich Gul­da? Wirk­lich? Ich moch­te ihn als Men­schen sehr, aber eini­ges, was ich von ihm gehört habe, moch­te ich über­haupt nicht. Eine sehr schö­ne Über­ra­schung.

Schu­mann: Humo­res­ke op. 20 – 1. Ein­fach
Jörg Demus (Kla­vier)
Nuo­va Era 1989

  



Das ist eine älte­re Auf­nah­me von Schu­manns „Humo­res­ke“. Das Pro­blem ist, dass man bei älte­ren Ein­spie­lun­gen viel nach­sich­ti­ger ist. Das ist rei­ne Psy­cho­lo­gie. Es ist mit Sicher­heit nicht Svja­to­s­lav Rich­ter. Der ers­te Satz „Ein­fach“ hat etwas sehr Unschul­di­ges und Rei­nes, aber auch etwas Sub­li­mes. Das füh­le ich hier aber nicht, weil das Stück nicht wirk­lich fließt. Der notier­te Wech­sel in der rhyth­mi­schen Struk­tur wird nicht voll­zo­gen. Der ist auch schwer zu rea­li­sie­ren. Aber wenn einem ein Stück zu schwer ist, soll­te man es nicht spie­len. Ich selbst wür­de sehr vie­le Stü­cke nie­mals spie­len, weil sie ein­fach zu anspruchs­voll sind. Ist es viel­leicht Wil­helm Kempff? Nein? Jörg Demus? Ach. Ich habe sei­ne kom­plet­ten Schu­mann-Auf­nah­men zu Hau­se ste­hen.

Debus­sy: Ravel: Miro­irs – Noc­tu­el­les
Micha­el End­res (Kla­vier)
Oehms 2001

  



Die „Miro­irs“ habe ich seit etli­chen Jah­ren nicht mehr gespielt. Durch die­se Distanz kann man wahr­schein­lich eine grö­ße­re Sym­pa­thie für ande­re Inter­pre­ta­tio­nen ent­wi­ckeln. Man nimmt alles unvor­ein­ge­nom­me­ner wahr, hat einen fri­schen und frei­en Zugang. Bei Bach, den ich sehr viel spie­le, ist das ganz anders, weil ich da ganz fes­te Vor­stel­lun­gen habe. Wenn man sich jah­re­lang mit einem Stück beschäf­tigt, fällt einem jede Nuan­ce auf. Ich habe aber abso­lut kei­ne Idee, wer das sein könn­te und kann auch nicht sagen, ob es sich hier­bei um eine aktu­el­le Auf­nah­me han­delt. Micha­el End­res? Ist das ein deut­scher Pia­nist? Mit die­sem Reper­toire? Unge­wöhn­lich, aber es gefällt mir gut.

Pro­kof­jew: Kla­vier­so­na­te Nr. 7 B‑Dur – 1. & 3. Satz
Mikhail Plet­nev (Kla­vier)
DG 1998

  



Pro­kof­jews sieb­te Sona­te habe ich auch vor lan­ger Zeit gespielt. Der Pia­nist spielt das sehr kühl, aber die­sen Satz kann man durch­aus so anle­gen. Trotz­dem wür­de ich mir etwas mehr inne­res Feu­er wün­schen. Aber bei die­sem Werk müss­te man auch das Fina­le hören. Mög­li­cher­wei­se beginnt der Inter­pret sehr distan­ziert und ent­wi­ckelt erst zum Ende hin sein Feu­er. (Hört den 3. Satz) Das haut mich nicht um. Es wird sehr gut und kor­rekt gespielt, aber zu kopf­las­tig. Schließ­lich steckt in die­ser Musik etwas Bar­ba­ri­sches – im bes­ten Sin­ne des Wor­tes. Die­ses obses­si­ve Osti­na­to ... Aber wer könn­te das sein? Ein rus­si­scher Pia­nist? Das kann ich mir gut vor­stel­len. Mikhail Plet­nev? Der Name geis­ter­te eben schon durch mei­nen Kopf.

Rach­ma­ni­now: Étu­des-Tableaux op. 33 – 1. Satz
Niko­lai Lugan­sky (Kla­vier)
Chall­enge 1992

  



Ein rus­si­scher Kom­po­nist … Rach­ma­ni­nows „Étu­des-Tableaux“. Ich habe die­se Art von Musik mit Anfang zwan­zig sehr viel gespielt, aber mich inzwi­schen sehr davon ent­fernt. Die­se Inter­pre­ta­ti­on haut mich nicht um, ist aber schön gespielt. Ein rus­si­scher Pia­nist, nicht wahr? Erstaun­lich, dass man das meis­tens her­aus­hört. Es liegt wohl an die­sem soli­den Spiel … Das könn­te Lugan­sky sein. Rich­tig? Schön. Wenn man die Spiel­wei­se eines Pia­nis­ten erkennt, obwohl man bis­her nur sehr wenig von ihm gehört hat, ist das ein gutes Zei­chen. Er hat einen ganz eige­nen Puls und Rhyth­mus …

Debus­sy: Schu­bert: Impromp­tu c‑Moll op. 90/1
Alfred Bren­del (Kla­vier)
Dec­ca 1989

  



(Nach dem ers­ten Ton) Schu­bert, nicht wahr? Das Spiel ergibt Sinn. Ein leben­der Pia­nist? Ich weiß nicht, wer das sein könn­te. Alfred Bren­del? Das über­rascht mich. Bren­del gehört zu den Pia­nis­ten, die ich am häu­figs­ten gehört habe. Oft auch durch Zufall. Aber die­se Auf­nah­me hät­te ich ihm nicht zuge­ord­net. Eine Bewer­tung ist schwie­rig, weil es sich um unglaub­lich schwe­re Stü­cke han­delt. Jeder, der die erst ein­mal nur kor­rekt spielt, hat schon mei­ne Hoch­ach­tung.

Schost­a­ko­witsch: 24 Prä­lu­di­en & Fugen op. 87 – Nr. 1
Tatia­na Niko­laye­va (Kla­vier)
Alto 1987

  



Es ist furcht­bar, das sagen zu müs­sen, aber ich ken­ne das Stück nicht. Noch ein­mal: Wenn ich ein Werk eines Kom­po­nis­ten höre, mit dem ich mich vie­le Jah­re beschäf­tigt habe, des­sen Spra­che mir sehr ver­traut ist, habe ich einen ganz ande­ren Zugang. Stel­len Sie sich vor, Sie spre­chen als Ham­bur­ger Hoch­deutsch und hören einen baye­ri­schen Dia­lekt. Dann reagie­ren Sie dar­auf sehr sen­si­bel. Wenn Sie dage­gen jeman­den Man­da­rin und Kan­to­ne­sisch spre­chen hören, dif­fe­ren­zie­ren Sie viel weni­ger stark und mögen dann viel­leicht bei­des. Hier kann ich wirk­lich nicht sagen, ob ich die Musik mag oder nicht. Es klingt alles kor­rekt. Ist das Schost­a­ko­witsch? Das ist Ali­en-Musik für mich. Klän­ge von einem ande­ren Pla­ne­ten. Ah, jetzt kommt die Fuge. Die hat etwas Nai­ves. Sehr soli­de gespielt. Ich kann lei­der nicht viel dazu sagen, aber den­noch: Es gefällt mir.

CD-Tipp

Mozart: Klavierkonzerte Nr. 25 & 27

Piotr Anderszewski (Klavier)Chamber Orchestra of Europe
Warner Classics

Termine

Mittwoch, 28.06.2023 19:30 Uhr Stadtcasino Basel

Piotr Ander­szew­ski, Sin­fo­nie­or­ches­ter Basel, Ivor Bol­ton

Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15, Franck: Sinfonie d-Moll FWV 48

Donnerstag, 29.06.2023 19:30 Uhr Stadtcasino Basel

Piotr Ander­szew­ski, Sin­fo­nie­or­ches­ter Basel, Ivor Bol­ton

Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15, Franck: Sinfonie d-Moll FWV 48

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