Die Musik von Sergej Prokofjew begleitet den serbischen Geiger Nemanja Radulović seit seiner Kindheit. Doch erst mit vierzig Jahren hat er sich bereit gefühlt, bedeutende Werke des Russen, darunter dessen zweites Violinkonzert, aufzunehmen. Welchen unterschiedlichen Gefühls- und Lebenswelten er dabei begegnet ist, warum er zwischen zwei Geigen wechselt und wie wichtig langjährige Freunde für das Musizieren sind, erklärt er im Interview.
Auf dem Albumcover tragen Sie ein langes schwarzes Gewand, das an den Habit eines orthodoxen Mönchs erinnert. Was möchten Sie damit vermitteln?
Radulović: Ich habe mich mit der Fotografin, die selbst Musikerin ist, über verschiedene Stile unterhalten. Es wirkt zwar orthodox, aber in Wirklichkeit ist es japanisch: weich, schlicht und ziemlich weit geschnitten, sodass man sich in dieser Welt aus Licht und Schatten frei bewegen kann. Mit diesem Gegensatz spielt Prokofjew ja auch in seiner Musik.
Sie sind mit Prokofjews Werken aufgewachsen. Was hat Sie jetzt dazu bewogen, seine Musik aufzunehmen?
Radulović: Ich habe auf den richtigen Moment gewartet. Normalerweise vergehen nur wenige Monate zwischen der Idee für ein Album und der Veröffentlichung. Für Prokofjew brauchte ich eineinhalb Jahre. Meine Interpretation hat sich verändert, ich merkte, dass ich den unglaublich kontrastreichen Charakter seiner Musik, seine Klangsprache erst noch intensiver kennenlernen musste. Auch meine intensive Verbindung zum Philharmonia Orchestra und Santtu-Matias Rouvali spielte eine Rolle.
Bei Ihrem Debüt mit dem Londoner Orchester und Santtu-Matias Rouvali vor fünf Jahren reichte die Zeit nur für eine einzige Probe, bevor Sie gemeinsam Prokofjews zweites Violinkonzert gespielt haben.
Radulović: Ja, genau! Santtu ist ein großartiger Künstler, der dir jedes Mal etwas Neues vorschlägt und zugleich sehr präzise arbeitet. Wenn man mit ihm auf der Bühne steht, spürt man seinen Instinkt für die Musik. Das schafft Vertrauen. Er dirigiert viel mit den Augen, und ich glaube, seine Erfahrung als Schlagzeuger hat bei Prokofjew sehr geholfen – damals wie heute. Am Anfang einer Aufnahmesitzung überprüfe ich natürlich den Klang und die Balance, aber mit Santtu und dem Orchester konnte ich das Analysieren rasch einstellen und einfach der gemeinsamen Kreativität freien Lauf lassen.
Wie sehen Sie das Konzert heute?
Radulović: Ich habe als Zwölfjähriger das Konzert zum ersten Mal gespielt, als in Serbien noch Krieg herrschte. Richtig verstanden habe ich das Stück damals nicht, aber ich hatte ein Gefühl für bestimmte Stellen. Heute sehe ich in diesem einen Konzert eigentlich drei Konzerte, die sich auf wundersame Weise zusammenfügen: Da wären der erste Satz mit diesem dunklen Eingangsthema und dem erstickten Sarkasmus im Orchester, der zweite Satz klingt mit seiner Schlichtheit und Schönheit für mich fast wie Mozart, und das Finale verströmt die feurige Leidenschaft Spaniens, wo Prokofjew das Stück ja komponiert hat.
Ist es für Sie eine mentale Herausforderung, dass Sie das Stück alleine eröffnen?
Radulović: Das war es früher, aber ich habe gelernt, den Anfang wertzuschätzen. Als ich das Konzert erstmals in einem Wettbewerbsfinale gespielt habe, sagte mein Professor zu mir: „Fang einfach an zu spielen, denke über nichts nach.“ Heute mache ich das Gegenteil: Ich singe die ersten vier Takte in meinem Kopf, um das richtige Tempo zu finden und in meinem Inneren diesen ersten Klang zu formen.
Welche Gefühlswelten durchwandern Sie mit den anderen Werken des Albums?
Radulović: Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, wie es Prokofjew gelingt, so viele Farben aus einem einzigen Instrument herauszuholen, dass man am Ende glaubt, ein ganzes Orchester würde spielen. In der Solosonate wirkt es manchmal so, als ob er in einen Dialog mit sich selbst stünde, sich gleichzeitig zwischen verschiedenen Wirklichkeiten bewegen würde: Da sind zum einen die äußeren Lebensumstände jener Zeit, also den 1940er-Jahren, zum anderen ist da die Vorstellung eines Orts, an dem er sich vielleicht lieber aufgehalten hätte.
Als Interpret müssen Sie diese Vielfalt ja auch verkörpern …
Radulović: Absolut. Manches fällt mir leicht, anderes passt nicht so sehr zu meiner Persönlichkeit, zum Beispiel Prokofjews Sarkasmus. Ich wäre gerne sarkastischer, von daher ist es interessant für mich, mittels der Musik einen Zugang in diese Gefühlswelten zu finden.

Wie haben Sie Johan Dalene kennengelernt, mit dem Sie die Sonate für zwei Violinen spielen?
Radulović: Ich hatte seine Einspielung von Prokofjews Violinsonate gehört und war von seiner Reife und der Frische seines Spiels begeistert. Also wollte ich mit ihm zusammenarbeiten. Persönlich begegnet sind wir uns dann erst zwei Tage vor der Aufnahme in Paris. Die Doppelsonate lässt genug Raum für zwei Persönlichkeiten, auch wenn wir letztendlich ähnliche Ideen von der Musik hatten.
Anders als im Solokonzert spielen Sie bei diesem Stück auf einer fast neuen Geige von Francesco Coquoz. Warum?
Radulović: Das Konzert haben wir schon im April in London aufgenommen. Im Sommer brachte ich dann mein Instrument in Francescos Werkstatt, und er erzählte mir von einer neuen Geige, die er gerade fertiggestellt hatte. Ich kannte bereits seine hervorragenden Bratschen und probierte die Geige natürlich aus. Ich war begeistert, denn sie klingt nicht wie eine neue Geige. Ich dachte, es wäre eine schöne Idee, sie für dieses Repertoire einzusetzen. Und obwohl Johan auf einer viel älteren Stradivari spielt, harmonierte unser Klang sofort.
Wie entscheiden Sie, auf welchem Instrument Sie spielen?
Radulović: Meine „alte“ Geige wird immer meine Geige bleiben. Das ist ein bisschen wie mit meinen Bogen: Ich kehre immer wieder zu jenem zurück, den mir meine Eltern als Kind gekauft haben. Mit der Coquoz-Geige erkunde ich Repertoire abseits der großen Solokonzerte, spiele aber auch Stücke, die ich schon gut kenne. Die Reflexe, die ich auf meiner Geige entwickelt habe, sind nicht unbedingt dieselben, die ich auf der Coquoz brauche. Das hält meinen Geist wach.
Sie haben auch wieder mit Pianistin Laure Favre-Kahn und dem Sextett „Les Trilles du Diable“ zusammengearbeitet. Inwiefern beeinflusst ihre langjährige Verbundenheit das gemeinsame Musizieren?
Radulović: Mit Laure stand ich vor 22 Jahren das erste Mal auf der Bühne. Wir sind quasi zusammen aufgewachsen, haben auch im Privaten viele gemeinsame Momente erlebt. Das gilt genauso für die Musiker von „Les Trilles du Diable“. Wenn man mit Menschen musiziert, die man schon so lange kennt, mit echten Freunden, herrscht blindes Vertrauen. Niemand sorgt sich um sein Ego. Wir teilen unsere Ideen, probieren Dinge aus.
Ihr Lehrer Salvatore Accardo gab Ihnen in jungen Jahren den Rat an die Hand, einer Caprice von Paganini genauso gegenüber zu treten wie Beethovens Violinkonzert. Empfehlen Sie das auch Ihren Schülern?
Radulović: Ja, darüber spreche ich oft. Früher habe ich das nicht verstanden, aber heute weiß ich, dass auch ein ganz kurzes Stück tief berühren kann. Dabei ist es nicht wichtig, ob es sich um ein Lied von Schubert oder um einen Popsong handelt, denn letztlich steht dahinter ein Mensch, der all seine Liebe in dieses eine Stück investiert hat. Ich unterscheide da nicht mehr – ausgenommen ist Beethovens Violinkonzert, das ich für den höchsten Gipfel unseres Repertoires halte.
Aktuelles Album:
Prokofjew: Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63, Sonate für zwei Violinen C-Dur op. 46, Sonate für Violine solo D-Dur op. 115, Mélodies op. 35bis u. a.
Nemanja Radulović (Violine), Johan Dalene (Violine), Laure Favre-Kahn (Klavier), Les Trilles du Diable, Philharmonia Orchestra, Santtu-Matias Rouvali (Leitung). Warner Classics
VÖ: 13.3.2026


