Anzeige
Startseite » Interviews » „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Interview Gianandrea Noseda

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Lange geplant, endlich realisiert: Dirigent Gianandrea Noseda kommt mit seinem NSO Washington nach Deutschland.

vonHelge Birkelbach,

Er steckt mitten in den Vorbereitungen zur ersten Europatour mit seinem Orchester, wir erreichen ihn telefonisch in Washington. Schade, dass das Interview nicht physisch stattfinden kann, denn Gianandrea Noseda ist äußerst physisch. Bei Interviews stehen seine Hände nie still, ausdrucksstark unterstützen sie jedes Wort. Man würde ihn verstehen, auch wenn er nicht spricht. Mehr Dirigent geht nicht.

Seit 2017 leiten Sie das National Symphony Orchestra Washington, im Februar werden Sie insgesamt zehn Konzerte in Deutschland, Spanien und Italien geben. Überraschenderweise ist dies Ihre erste gemeinsame Konzerttournee. Warum erst jetzt?

Gianandrea Noseda: Eigentlich war unsere erste Tour für März 2020 geplant, wir wollten nach China und Japan reisen. Alles war organisiert – und dann kam die Pandemie. Wenn wir auf diese Zeit zurückblicken, sind wir umso dankbarer, jetzt auf Konzertreise gehen zu dürfen. Diese Tour ist für mich von großer Bedeutung. Die Musiker und ich haben in den letzten sieben Spielzeiten ein unglaubliches Vertrauen aufgebaut. Daher ist es für uns an der Zeit, diese besondere Bindung mit dem Publikum in einigen der wichtigsten Säle Europas in Spanien, Deutschland und Italien, meiner Heimat, zu teilen. Ich sehe das National Symphony Orchestra als einen der großen Kulturbotschafter Amerikas: Unser Ziel ist es, Menschen durch die Wunder der Musik zusammenzubringen, sowohl mit Komponisten aus Europa als auch aus Amerika.

Sie werden von Hilary Hahn und Seong-Jin Cho begleitet, den beiden Solisten der Tour. Wie gut kennen Sie sie?

Noseda: Wir arbeiten schon lange zusammen. Ich schätze beide sehr und betrachte sie als Freunde. Sie sind auch hervorragende Kollegen, so dass es für das Orchester, für mich und natürlich unser Publikum eine Freude sein wird, mit ihnen unterwegs zu sein. Wenn wir zusammen spielen, ist das immer etwas Neues und Aufregendes. Beide sind wundervolle Menschen, wir teilen eine gemeinsame Herangehensweise an die Musik und glauben an ihre Kraft. Über die Konzertbühne hinaus macht es immer Spaß, Zeit mit ihnen zu verbringen. Also: Ich freue mich auf die Tour und die vielen Erinnerungen, die wir in den kommenden Wochen sammeln werden.

Sie wirkten zehn Jahre am Mariinsky-Theater in St. Petersburg als Erster Gastdirigent, von 1997 bis 2007. Jedes Opernhaus ist ein eigener Kosmos. Wie erlebten Sie diese Zeit?

Noseda: Es war eine prägende Zeit, sehr bereichernd für meine Arbeit. Und ich habe mich schnell einleben können. Das Mariinsky-Theater ist ein Haus mit großer Tradition. Wenn Sie bedenken, dass bereits Katharina die Große viele Komponisten der Neapolitanischen Schule hergeholt hat, reicht die italienische Tradition noch weiter zurück. Die Zarin berief zum Beispiel Domenico Cimarosa 1787 an ihren Hof. Er blieb vier Jahre und sollte das Wesen der italienischen Oper nach Russland bringen. Als erste russische Oper wird ja Michail Glinkas „Ruslan und Ljudmila“ angesehen, die zahlreiche Referenzen an Rossini enthält. Und Hector Berlioz war ein häufiger Besucher in St. Petersburg. In den zehn Jahren meiner Tätigkeit habe ich nicht nur italienisches Repertoire aufgeführt, sondern auch russisches und französisches. Opern, Ballettaufführungen und Sinfoniekonzerte, wir hatten ein volles Programm. Das Mariinsky ist ein äußerst produktives Haus!

Jetzt arbeiten Sie als Generalmusikdirektor in Zürich. Was ist der Unterschied zwischen Zürich und St. Petersburg?

Noseda: Eigentlich ist es in Bezug auf das Programm und die Mischung ziemlich dasselbe. Aber die Disziplin bezüglich der Organisation ist mehr im Schweizer Stil. Das bedeutet nicht, dass es am Mariinsky nicht so präzise zugeht. Aber in Zürich gilt es sozusagen als ein Markenzeichen, sehr gut organisiert zu sein. Das erleichtert die künstlerische Arbeit. Am Anfang meiner Karriere brauchte ich eine eher spontane Umgebung, eine Atmosphäre, um selbst Probleme zu lösen und auch mal einzuspringen. Das war eine gute Schule. Ich weiß mittlerweile, wie man auch mit schwierigen Momenten umgeht. Bald werde ich sechzig Jahre alt, da schätzt man es noch mehr, wenn alles gut organisiert ist.

In Ihrer ersten Spielzeit in Zürich 2021/22 haben Sie sich gleich an das monumentalste Werk des Musiktheaters herangewagt, Wagners „Ring des Nibelungen“. Was war der Beweggrund?

Noseda: Wenn ich absolut ehrlich und aufrichtig sein soll, war es noch vor einigen Jahren, dass ich zu meiner Frau sagte, den „Ring“ nie aufführen zu wollen. Das Werk war einfach viel zu groß für mich. Es ist mythologisch aufgeladen, mit einer sehr speziellen Sprache, die mir zu diesem Zeitpunkt völlig fremd war. Als ich dann aber die Einladung nach Zürich bekam, sagte ich mir: Okay, wenn nicht jetzt, wann dann? Ich nehme die Herausforderung an. Und ich fing an, die vier Opern zu lernen. Jetzt bin ich wirklich davon überzeugt, dass der „Ring“ eine der größten Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit ist. Er ist gleichzusetzen mit Dantes „Göttlicher Komödie“ oder anderen künstlerischen Großprojekten. Jetzt ist es passiert und ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich mich so entschieden habe.

Gianandrea Noseda dirigiert das NSO Washington
Gianandrea Noseda dirigiert das NSO Washington

Wir alle wissen, dass sich Wagner antisemitisch geäußert hat. Wie gehen Sie als Dirigent damit um?

Noseda: Es ist bekannt, dass Wagner nicht gerade die netteste Person war und er es seinen Mitmenschen auch unerträglich schwierig machte, mit ihm umzugehen. Aber wissen Sie, an einem bestimmten Punkt lege ich alles beiseite und versuche, ausschließlich die Musik in Betracht zu ziehen. Auch ein Richard Strauss war umstritten, was seine Haltung gegenüber dem Naziregime betraf. Oder denken Sie an Mozart. In seinen letzten Lebensjahren hatte er arge Probleme. Für seine Hinwendung zum Freimaurertum wurde er von der Wiener Gesellschaft schief angesehen. Er liebte das Glücksspiel und warf das Geld zum Fenster hinaus. Mozart war also nicht gerade die ethisch integerste Person. Aber in seiner Musik finden Sie den Hauch von Göttlichkeit. Was kann man ihm vorwerfen, wo ist die Grenze? Ich denke, dass er in nicht wenigen Momenten seines Lebens wirklich nach etwas Höherem, Größerem, Spirituellem suchte. Dinge, die uns alle beschäftigen, die er aber auf so wunderbare Art ausdrücken konnte. Ich habe keinen Beweis dafür, dass er voller Empathie und Respekt war, aber ich denke gerne darüber nach.

Sie sagten einmal, dass die Seele oder auch die Essenz eines Komponisten wie ein Tagebuch aus seinen Werken gelesen werden kann. Welches Tagebuch fasziniert Sie im Moment am meisten?

Noseda: Ich möchte da niemanden herausheben, denn ich bin von jedem Leben fasziniert. Es kann Tschaikowsky sein oder Verdi, derzeit eher Wagner, da ich in Zürich ja den „Ring“ in Angriff genommen habe. Mit dem National Symphony Orchestra Washington steht außerdem gerade Schuberts C-Dur-Sinfonie auf dem Programm. Die „Große“ hat er am Ende seines Lebens geschrieben. Da weiß man, dass er an Syphilis erkrankt war. Wir kennen seine Biografie. Aber an einem bestimmten Punkt muss man sich an die geschriebene Musik halten, denn das ist das größte Tagebuch, das uns der Komponist zur Verfügung stellt.

Partituren von Werken, die Sie noch nicht aufgeführt haben, lassen Sie bewusst sichtbar in Ihrem Arbeitszimmer herumliegen, um sie dann zum richtigen Zeitpunkt endlich aufzuschlagen. Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Noseda: Manchmal gehe ich ans Klavier und schaue sie mir kurz an. Aber es gibt einen Moment, in dem die Musik und die Partituren dich wirklich rufen. In diesem Moment treffe ich die Entscheidung nicht wirklich bewusst, sie ist plötzlich da. Vor drei Jahren habe ich zum Beispiel angefangen, mich Bruckner zu nähern, und jetzt bin ich wirklich fasziniert von seiner Musiksprache. Bisher habe ich die Sinfonien Nr. 6 und Nr. 9 aufgeführt. Das war und ist eine wirklich aufschlussreiche Erfahrung. Was noch auf mich wartet, sind die Sinfonien von Sibelius. Das braucht aber noch einige Jahre, denke ich.

Ist es als Italiener einfacher für Sie, am Pult mit ausgeprägter Körpersprache zu arbeiten?

Noseda: Ja, wir Italiener können uns mit wenigen Worten, dafür aber umso mehr Gesten verständigen. Sie müssen sich nur mal das Treiben auf unseren Straßen ansehen. Abgesehen von den fürchterlichen Hupkonzerten der Autos ist das ganz große Oper für alle Sinne. Natürlich sieht das wilde Gestikulieren für Außenstehende manchmal urkomisch aus und ist ein Klischee. Aber auf dem Podium hilft eine ausgeprägte Körpersprache immens. Es sind nicht nur die Hände, sondern die ganze Art und Weise, wie Sie als Person wirken und Ihren Körper benutzen. Es hilft, das Orchester auf Kurs zu bringen. Es erleichtert die Anstrengung, die Emotion im Moment zu kommunizieren. Die Körpersprache ist wichtig, aber sie sollte ausschließlich der Musik dienen und sie nicht überformen. Ich denke, es ist eine wunderbare Sache, diese Art von Sprache zur Verfügung zu haben.

Und lange Arme helfen, wie Sie einmal gesagt haben.

Noseda: Nun ja, sie helfen nicht immer. Manchmal muss man bei sehr schnellen Tempi eher zurückfahren, um die Gesten zu minimieren. Ich musste in den letzten Jahren manchmal härter arbeiten, um sehr, sehr große Präzision in den kleinen Bewegungen zu erhalten. Denn wenn man kleine Bewegungen mit langen Armen macht, sind es immer noch große Bewegungen. Wenn man jedoch große lange Linien verbinden will, luxuriöse Kantabilität und fantastische Melodien vor sich hat, helfen natürlich die langen Arme.

Das Publikum vergisst oft, wie viel Arbeit in der Probenphase steckt. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie bei den Proben nicht sofort das gewünschte Ergebnis erzielen?

Noseda: Mit Zuversicht und Beharrlichkeit. Die Erfahrung zeigt, dass man nichts übers Knie brechen sollte, wenn es mal nicht vorwärts geht. Die beste Strategie ist nicht immer der beste Weg, um die gewünschten Dinge zu erzielen. Ich vergleiche das gerne mit dem Gießen einer Blume, damit sie schön wächst. Es braucht Zeit, das muss man einfach respektieren. Und so muss ich auch die Zeit des Orchesters respektieren, die es braucht, um auf meine Vorstellungen zu reagieren, damit wir die Musik zum Blühen bringen.

Eine schöne Metapher. Gibt es für Sie ein Lebensmotto, das direkt aus den Worten einer Opernarie abgeleitet ist?

Noseda: Oh, da muss ich nachdenken. Ja, es gibt etwas: zwar keine Arie, aber eine sehr wichtige Stelle. Es ist aus dem Finale von „Le nozze di Figaro“, nachdem die große Fermate die Musik pausieren lässt und Graf Almaviva auftritt. Er bittet inbrünstig um Verzeihung, wenn er „Contessa, perdono“ singt. Es ist das Gefühl absoluter Ehrlichkeit, das von einem sehr arroganten Mann kommt und das mich immer sehr berührt. Aber das Berührendste ist eigentlich die Reaktion der Contessa, wenn sie antwortet: „Natürlich verzeihe ich dir“. Das ist der Beginn der neuen Beziehung zwischen den beiden. Weitergedacht markiert es den Beginn einer neuen Gesellschaft und neuer Regeln. Dieser Moment rührt mich fast zu Tränen. Natürlich nicht während der Aufführung, da muss ich konzentriert sein.

Album-Tipp

Album Cover für Beethoven: Sinfonien Nr. 1-9

Beethoven: Sinfonien Nr. 1-9

Auch interessant

Rezensionen

Anzeige

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!